0
Vortragsreihe
Der Wahrheit auf der Spur: Correctiv-Chefredakteur in Coburg
„Gesichter der Wahrheit“ heißt eine gemeinsame Vortragsreihe der Coburger Landesbibliothek und der Historischen Gesellschaft.
„Gesichter der Wahrheit“ heißt eine gemeinsame Vortragsreihe der Coburger Landesbibliothek und der Historischen Gesellschaft. // Foto: Oliver Schmidt
Coburg – Namhafte Referenten konnten für eine Vortragsreihe gewonnen werden. Aus verschiedenen Blickwinkeln geht es dabei um die Wahrheit. Denn der Begriff befindet sich im Wandel – so, wie die ganze Welt.
Artikel anhören

Wenn die Historische Gesellschaft zusammen mit der Coburger Landesbibliothek eine Vortragsreihe organisiert, dann mag das auf den ersten Blick nach einer sehr wissenschaftlichen und möglicherweise auch arg geschichtsträchtigen Sache klingen. Doch das Gegenteil sei der Fall, wie Prof. Dr. Gert Melville (Vorsitzender Historische Gesellschaft) und Dr. Saschan Salatowsky  (Direktor Landesbibliothek) bei einem Gespräch erklären. „Wir interessieren uns auch für Gegenwartsfragen!“ Zumal diese Gegenwartsfragen auch immer in der Vergangenheit verwurzelt seien.

Dr. Sascha Salatowsky (links), Leiter der Landesbibliothek Coburg, und Prof. Dr. Gert Melville, Vorsitzender der Historischen Gesellschaft, haben die Vortragsreihe organisiert.
Dr. Sascha Salatowsky (links), Leiter der Landesbibliothek Coburg, und Prof. Dr. Gert Melville, Vorsitzender der Historischen Gesellschaft, haben die Vortragsreihe organisiert. // Foto: Oliver Schmidt

Nach Einschätzung von Gert Melville erlebt die Welt zurzeit mehr als nur wieder irgendeinen Umbruch. Nein, es sei wohl der Beginn einer neuen Epoche. „Man kann es spüren!“ Aber woran lässt sich der Beginn einer neuen Epoche erkennen? Unter anderem daran, erklärt Gert Melville, dass neue Begriffe entstehen und bereits länger feststehende Begriffe plötzlich neu definiert werden. Ein Beispiel sei „Toleranz“ – und genau diesem Begriff war im vergangenen Jahr eine erste Vortragsreihe gewidmet. Als Nächstes geht es um: „Wahrheit“.

Wie halten es Putin und Trump mit der Wahrheit?

Wie spannend es sein kann, sich dem Thema Wahrheit aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern, veranschaulichen die beiden Organisatoren anhand aktueller Ereignisse. „Die Hälfte der russischen Kriegsführung im Krieg gegen die Ukraine beruht auf Unwahrheiten“, sagt Gert Melville und verweist etwa auf Angaben zu bereits gefallenen Soldaten. Aber auch der amerikanische Präsident nehme es mit der Wahrheit nicht immer so genau, wie Sascha Salatowsky zu bedenken gibt: „Donald Trump spricht jeden Tag mindestens einen Satz, bei dem man sich denkt: Das kann nicht sein!“ Aber wer die Macht hat, könne heutzutage auch bestimmen, was als wahr zu gelten hat. Die neue Epoche lässt grüßen.

Und dann wäre da noch der ehemalige Richter aus Coburg, der zwar immer nach der Wahrheit gesucht hat, aber letztlich nach der jeweiligen Beweislage ein Urteil fällen musste. „Recht ist etwas anderes als Wahrheit“, sagt Gert Melville.

Friedrich Nietzsche und die Wahrheit

Die insgesamt vier Vorträge sollen zum Nachdenken anregen. „Wir wollen Impulse geben“, sagt Sascha Salatowsky, „die Leute sollen darüber nachdenken, wie man bestimmte Sachen zu bewerten hat. Gert Melville zitiert in diesem Zusammenhang gerne Friedrich Nietzsche: „Es gibt keine Wahrheit, nur Perspektiven!“

Die vier Vorträge sind aber ganz bewusst auch für all diejenigen gedacht, bei denen Nietzsche nicht zur Standardlektüre gehört. Gert Melville und Sascha Salatowsky versprechen anschauliche und keinesfalls trockene Vorträge. Zum Auftakt am Dienstag, 24. März, spricht mit Prof. Dr. Gerd Schwerhoff ein Kollege von Gert Melville von der TU Dresden: „Er kann sehr gut erzählen“, weiß Melville.

Die Vorträge finden im Andromedasaal der Landesbibliothek Coburg in Schloss Ehrenburg statt. Der Eintritt ist frei.
Die Vorträge finden im Andromedasaal der Landesbibliothek Coburg in Schloss Ehrenburg statt. Der Eintritt ist frei. // Foto: Oliver Schmidt

Für Mittwoch, 29. April, konnte Justis von Daniels gewonnen werden. Er ist Chefredakteur bei Correctiv. Das Medienunternehmen war Anfang 2024 in aller Munde, weil es rund um ein Geheimtreffen rechter Kreise in Potsdam recherchiert hat. Bis heute beschäftigen sich Gerichte damit, ob wirklich alles der Wahrheit entsprach, was anschließend veröffentlicht wurde.

Weitere Referenten sind der Philosophie-Professor Christian Illies (Mittwoch, 27. Mai) sowie der ehemalige Richter Gerhard Amend (Mittwoch, 15. Juli). Die Vorträge beginnen jeweils um 18 Uhr, und zwar im Andromeda-Saal (Landesbibliothek Coburg in Schloss Ehrenburg). „Das ist der schönste Raum in Coburgs“, sagt Gert Melville. Ob er damit wiederum die Wahrheit sagt, können die Besucher der Vortragsreihe gerne selbst überprüfen. Der Eintritt zu den Vorträgen ist frei.

„Gesichter der Wahrheit“: Alle Vorträge im Überblick

  • Dienstag, 24. März: „Gottesurteil – Folter – Fingerabdrücke. Wahrheitsproduktion vor Gericht in Mittelalter und Neuzeit“; Referent Prof. Dr. Gerd Schwerhoff (TU Dresden) ist Seniorprofessor für Geschichte der Frühen Neuzeit. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Kriminalität und des abweichenden Verhaltens sowie die Geschichte der Hexerei und Hexenverfolgung.
  • Mittwoch, 29. April: „Correctiv und sein Kampf um die Wahrheit“; Referent Justus von Daniels (Berlin) ist promovierter Jurist und seit 2019 Chefredakteur Recherche in der Redaktion von Correctiv. Neben investigativen Recherchen zu dem Geheimtreffen in Potsdam oder dubiosen Kanälen des Lobbyismus entwickelt er die Idee der Bürgerrecherche weiter.
  • Mittwoch, 27. Mai: „Passt scho! Eine philosophische Annäherung an die Wahrheit“; Referent Prof. Dr. Christian Illies, wohnhaft in Coburg, ist Professor für Philosophie und einer der Leiter des transdisziplinären Instituts Mensch & Ästhetik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die politische Anthropologie, die Ethik der Manipulationen und Einflussnahme sowie die Philosophie der Architektur.
  • Mittwoch, 15. Juli: „Die Last der Wahrheitsfindung im modernen Strafrecht“; Referent Gerhard Amend war von 1985  bis 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe, von 1996 bis 1998 Oberstaatsanwalt beim Generalstaatsanwalt in Bamberg und von 1998 bis 2015 Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer und Jugendkammer des Landgerichts Coburg.

Beginn der Vorträge ist jeweils um 18 Uhr im Andromedasaal (Landesbibliothek Coburg in Schloss Ehrenburg). Der Eintritt ist frei. Nach den etwa einstündigen Vorträgen ist auch immer noch die Gelegenheit zu Austausch und Diskussion.

Weitere Informationen auch hier

Inhalt teilen
  • kopiert!