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Rehkitze retten in Meeder
Im hohen Gras – Von Rehen, Jägern und Maschinen
Die geretteten Rehkitze warten in einem Karton, bis das Feld gemäht ist und werden dann wieder freigelassen. Sie dürfen nicht berührt werden.
Die geretteten Rehkitze warten in einem Karton, bis das Feld gemäht ist und werden dann wieder freigelassen. Sie dürfen nicht berührt werden. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson
Meeder – Armin Götzinger und Felix Planer sind Hobbyjäger. Und sie retten Rehkitze. Ist das ein Widerspruch? Ein früher Morgen auf den Feldern des Coburger Landes.

Armin Götzinger ist ein drahtiger Mann mit Brille und wachem Blick. Er trägt Gummistiefel und einen Anorak, der an Feuerwehrbekleidung erinnert. Wenn er mit seinem roten Geländewagen raus auf die Felder des Coburger Landes fährt, sind die Straßen noch leer. Sechs Uhr morgens auf einem Feld bei Meeder. Und das ist einer der späten Tage. „Heute haben wir nicht so viele Felder.“ Armin Götzinger rettet in seiner Freizeit seit zehn Jahren Rehkitze vor Mähmaschinen.

Wie Drohnen Rehkitze aufspüren

In der Regel seien sie schon um vier Uhr morgens auf dem Feld. Denn wenn die Sonne zu hoch steht, wird die Rettung der Rehkitze schwieriger, sagt Armin Götzinger. Dann bilden sich zu viele Punkte auf dem Bildschirm der Wärmebilddrohne ab. Wenn die Sonne noch nicht ganz aufgegangen und die Wiesen nass und kalt sind, sind nur die warmen Körper der Rehkitze auf dem Bildschirm zu sehen.

In 70 Meter Höhe sucht die Drohne langsam das Feld nach versteckten Rehkitzen ab.

Neben Armin Götzingers Auto parkt auf einem Feld bei Meeder ein kleiner Lastwagen in olivgrün. Davor stehen zwei weitere Retter: Felix Planer und sein Kollege Felix Höhn. Aus ihrem Auto holen sie Kartons, Walkie-Talkies und einen großen Kescher. Beide haben sich lange Gummihandschuhe, Regenhosen und Gummistiefel übergestreift. Felix Planer trägt Hut, Bart und Brille. Er ist der Revierjäger des Feldes.

Wenn ein Bauer sein Feld mähen will, dann gibt er vorher dem zuständigen Revierjäger Bescheid. Denn im hohen Gras des Felds liegen wahrscheinlich wenige Wochen alte Rehkitze. Gut versteckt, lässt die Reh-Mutter, das Rehgeiß, ihren Nachwuchs im Gras zurück. Zu gut. Denn was sie nicht wissen kann, ist, dass das Gras keine wild gewachsene Wiese, sondern Futter für Nutztiere ist.

Wenn es hoch genug steht, kommt es ab.

Tierschutzgesetz schützt Rehkitze

Zwölf Meter breit ist die Mähmaschine, die dann mit 40 Kilometer pro Stunde über das Feld rollt. „Die Mutter haut dann ab, aber die ganz jungen Rehkitze, die bleiben liegen“, erklärt Armin Götzinger. Sie haben noch keinen Fluchtreflex. Ihre einzige Überlebensstrategie vor Feinden: sich unsichtbar machen. Was sich bei Fressfeinden, wie Füchsen, bewährt hat, ist beim Zusammentreffen mit den Maschinen der Menschen ein sicheres Todesurteil.

Wenn sich ein Bauer nicht darum kümmert, dass auf seinem Feld vor dem Mähen kein Rehkitz mehr ist, drohen ihm, nach dem Tierschutzgesetz, Geld- oder sogar Freiheitsstrafen. „Das ist echt grausam, wenn so ein Rehkitz unter eine Mähmaschine kommt – das will keiner“, sagt Armin Götzinger.

Die ersten beiden Rehkitze sind in Sicherheit.
Die ersten beiden Rehkitze sind in Sicherheit. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson

Felix Planer und Armin Götzinger sind nicht nur Reh-Retter, sondern sie schießen sie später auch, wenn sie älter als fünf Jahre alt sind. Neben ihren Vollzeitjobs kümmern sie sich um ihr Revier: Sie kontrollieren den Futterbestand, kümmern sich um Wildunfälle, stellen Wildschutzzäune auf, oder bewahren Rehkitze vor dem Tod. Jäger sein bedeutet beides: Leben schützen und Leben beenden.

„Das Schießen macht nur zwei Prozent der Arbeit eines Jägers aus.“

„Wild ist das nachhaltigste Fleisch. Und es schmeckt auch viel besser, als Fleisch von Massentierhaltung“, sagt Felix Planer. Jagen sei für die Tiere mit dem wenigstens Leid verbunden. „Die Tiere leben in Freiheit. Sie stehen auf dem Feld und grasen, sehen und hören nichts. Ein Schuss und sie sind tot. Das geht so schnell, die merken gar nichts“, sagt Felix Planer.

Für beide Jäger ist das Jagen keine Freude am Töten. Es scheint so, als ob Armin Götzinger schon oft versucht hat, den Menschen zu erklären, dass Jagd mehr ist als nur Schießen: „Das Schießen macht nur zwei Prozent der Arbeit eines Jägers aus. Wenn man fünfzigmal herausgeht, dann schießt man davon vielleicht einmal.“

Die Wärmebildkamera-Drohne ermöglicht es Rehkitze bei jeder Graslänge aufzuspüren.
Die Wärmebildkamera-Drohne ermöglicht es Rehkitze bei jeder Graslänge aufzuspüren. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson

Die Drohne fliegt jetzt in 70 Meter Höhe. Auf dem Bildschirm sieht Armin Götzinger den Teil der Wiese, den die Drohne abfliegt. „Da ist wahrscheinlich eins“, sagt er und zeigt auf einen winzigen, weißen Punkt auf dem Bildschirm. Er steuert die Drohne darauf zu, lässt sie ein wenig absinken und zoomt heran. Das Bild zeigt jetzt dichtes Gras. Noch ein Stück näher, dann hat Armin Götzinger das Rehkitz im Gras entdeckt. Ein Fleckchen Braun mit ein bisschen Weiß.

Das Fliegen der Drohne erfordert Fingerspitzengefühl, ein Sturz kann teuer werden: Mehrere tausend Euro kostet eine Drohne mit Wärmebildkamera.
Das Fliegen der Drohne erfordert Fingerspitzengefühl, ein Sturz kann teuer werden: Mehrere tausend Euro kostet eine Drohne mit Wärmebildkamera. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson

Ausgestattet mit einem Karton und einem großen Kescher stapfen Felix Planer und Felix Höhn in das hohe Gras. Als sie außer Hörweite sind, meldet sich Armin Götzinger mit einem Walkie-Talkie, um die Richtung anzusagen. „Ja, die Richtung stimmt genau. Noch fünf Meter. Leicht links. Noch drei Meter. Jetzt noch ein Meter. Ja, jetzt seid ihr dran.“ Zwei Rehkitze sind es. Vielleicht zwei Wochen alt, schätzt Armin Götzinger. Felix Planer legt die beiden Rehkitze in einen Karton. Er muss darauf achten, sie nicht mit der Haut zu berühren, da die Rehgeiß ihre Kinder ansonsten nicht mehr erkennt. Ungefähr drei Kilogramm wiegt eines. Ruhig sitzen die Rehkitze im Karton und blicken um sich, als Felix Planer sie aus der Wiese trägt. Dass sie in Gefahr waren, davon ahnen sie nichts.

Kescher und Karton, mehr braucht es für die Evakuierung der Rehkitze nicht.
Kescher und Karton, mehr braucht es für die Evakuierung der Rehkitze nicht. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson

Solange gemäht wird, bleiben die Rehkitze in dem Karton, dann lässt der Bauer sie wieder frei. Für Armin Götzinger und seine Kollegen geht es weiter zum nächsten Feld. Wieder startet er die Drohne und wieder hat er Rehkitze entdeckt. Doch diesmal rennen sie weg, als Felix Planer und Felix Höhn auf sie zukommen. Armin Götzinger hat alles auf dem Bildschirm beobachtet und ruft seine Jungs zurück. „Okay, das passt. Die kommen jetzt ein paar Stunden nicht mehr wieder. Ihr könnt zurückkommen.“ Drei Felder waren es heute. „Es war mir wieder eine Ehre“, verabschiedet sich Armin Götzinger von seinen Mit-Rettern. Er verfrachtet die Drohne in sein Auto, schlägt den Kofferraum zu und stapft gut gelaunt zu seinem Auto. „Also, bis zum nächsten Mal!“ Sieben Rehkitze haben die drei heute vor dem Tod bewahrt. Und das noch vor acht Uhr morgens.

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