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Urban Priol kommt nach Trebgast
Interview über Haare, Merkel und Kreuzfahrt mit Lady Di
Urban Priol bringt Kabarett mit politischem Rundumschlag ins Kongresshaus Coburg
Kein Stillstand: Urban Priol in Aktion auf der Bühne. // Gabi Bertram
Trebgast – Urban Priol zählt zu den profiliertesten Politkabarettisten. Der 62-Jährige hat die Ära Kohl, Schröder und Merkel satirisch begleitet - nun kommt die Ampel dran. Fragen an einen Beobachter des Irrsinns.

Von den klassischen Politkabarettisten der 1980er- und 90er-Jahre ist er - nach dem Abgang von Großmeistern wie Georg Schramm und Volker Pispers - einer der letzten Mohikaner: Urban Priol seziert seit mittlerweile 42 Jahren das Geschehen auf höchster Ebene, zunächst aus Bonn, später Berlin. Der Aschaffenburger mit den beiden Markenzeichen Bunthemd und Explosionsfrisur tritt am 21. Juni (ab 20 Uhr) mit seinem Programm "Im Fluss" auf der Trebgaster Naturbühne auf.

Vorab ergab sich Gelegenheit, mit dem 62-Jährigen zu sprechen: über das Leben als Polit-Junkie, die Nachwehen als Anstaltsleiter - und eine SPD-Kreuzfahrt, die wegen Lady Di beinahe im frühzeitigen Bordabgang geendet hätte.

Kennen Sie die Naturbühne?

Nein, da war ich noch nicht, aber Kulmbach kenne ich von früheren Auftritten.

Ihr früherer "Anstalt"-Hausmeister und Mitstreiter Jochen Malmsheimer war auch schon da.

Wo der Jochen ist oder schon war, muss es gut sein (lacht).

Ihr Programm trägt den Titel "Im Fluss". Alles ist fließend, auch die Zeit fließt dahin. Wir haben Corona noch nicht allzu lange hinter uns. Mit dem Programm Premiere feierten Sie 2021, ausgerechnet mitten in der Pandemie.

Das stimmt, damals gingen Auftritte, wenn überhaupt, immer nur vor einer Handvoll Leute. Von dem ursprünglichen Programm existieren noch etwa 20 Prozent, alles andere kam aktuell dazu. Wie gesagt: im Fluss, am Puls der Zeit.

Die Aktualität birgt sicher genügend Stoff, unter anderem stehen Europawahlen ins europäische Haus. Sie gelten als überzeugter Europäer, der trotzdem manche Kapriolen in Brüssel  aufs Korn nimmt.

Ich schreibe gerade an einer neuen Sequenz zu genau diesem Thema. Europa nimmt schon einen breiteren Raum ein, ich selber denke immer europäisch. Ich informiere mich auch, wie das Ausland über die Lage denkt, ich lese einige Zeitungen aus dem europäischen Ausland.

Sie sind im 43. Jahr auf der Bühne. 1982 ging es los mit einer Kabarettrevue, gestaltet zusammen mit Kollegen. Sie haben mal gesagt: Der "Dicke", also Helmut Kohl, und Sie haben gleichzeitig angefangen, Kabarett zu machen. Wie sehr fehlt der Einheitskanzler als Pointenlieferant? Sie können ihn ja perfekt nachmachen.

Es kommt immer wieder etwas nach. Man hat mich 1998 gefragt, ob ich nach Kohls Ausscheiden aufhöre.  Musste ich nicht: Erst kamen sieben heitere Jahre mit "Basta"-Gerd Schröder, danach 16 bleierne Jahre mit Angela Merkel. Und nun bietet die Ampel-Konstellation genügend Stoff. Wobei man heute bisweilen die Regierung sogar verteidigen muss, den Fall hatte ich in all den Jahren zuvor noch nie.

Merkel: Der Name ist schon gefallen, man kommt bei einem Gespräch mit Ihnen nicht um die Frau aus der Uckermark herum.  Sie haben gesagt: "Ich mache so lange weiter, bis sie nicht mehr ist." Nun ist sie nicht mehr - jedenfalls in Amt und Würden. Wie blicken Sie auf eines Ihrer Lieblingsthemen zurück?

Ich blicke heute so auf sie wie schon zu ihrer Amtszeit: Sie hat alles verschleppt, hat einen großen Mehltau-Teppich über das Land gewebt. Mittlerweile bekommen wir alle mit, was liegengeblieben ist. Da muss vieles schnell angegangen werden - was wiederum zum Unmut der Bürger über die jetzige Regierung führt. Das ist aber generell bei konservativen Regierungen festzustellen, da gehört etwa England dazu: Wenn dort die Tories abgewählt sind, müssen die anderen die Versäumnisse ausbaden. Dann werden sie vom Wähler wieder abgestraft, weil sie es anpacken. Dann kommen die Konservativen wieder und sagen: Wussten wir doch, dass die anderen es nicht können.

Sie haben sich lange und intensiv an der Kanzlerin abgearbeitet. Gab es einmal eine Reaktion von ihr?

Nein, nie. Alle Kabarettisten sind an ihrer Teflon-Schicht abgeprallt. 

Gab es Reaktionen von anderen Politikern?

Es gab ein paar, ja, da habe ich mit den entsprechenden Personen auch drüber diskutiert. Ich bin ja ab und an mal zu Gast bei Sandra Maischberger in der ARD, da trifft man hinter den Kulissen auf den einen oder anderen, den man schon satirisch in die Mangel genommen hat. Anfeindungen gab es nicht. Ich war mal bei Markus Söder - und da habe ich gemerkt: Er trägt Merkels Teflon auf.

Apropos Maischberger: Es gibt nur wenige Ihrer Zunft - darunter Florian Schroeder oder Jürgen Becker -, die sich in ein solches Talkformat setzen. Andere machen darum einen großen Bogen.

Ich meide eigentlich alle anderen Talkshows auch, aber ich schätze den Austausch bei Sandra Maischberger - nicht nur während der Sendung, sondern auch danach. Ich mag die Moderatorin, sie macht das gut und bringt das sympathisch und trotzdem kritisch rüber. Ich fühle mich da einfach wohl und gehe deswegen gerne hin.

Vor der Premiere zu "Neues aus der Anstalt" im Jahr 2007 waren Sie quasi auf Promotour, unter anderem bei "Wetten, dass...?". War es bei unserem Kulmbacher Tommi Gottschalk auch so schön?

Das war vom Sender so gewünscht (lacht). Thomas Gottschalk war locker und gut drauf, das Treffen hinter der Bühne war okay, aber das ist dann nicht so meins. Ich habe da meine Nummer gespielt, die glaube ich auch gut ankam, und bin dann zeitnah weg.

Stimmt es, dass es Ihre Schwester war, die Sie inspiriert hat, auf die Bühne zu gehen?

Das stimmt. Sie selber ist in dieser Richtung auch sehr begabt, hat wie ich Theater gespielt, dann aber Medizin studiert. In meiner Familie ging es eigentlich immer lustig und künstlerisch zu: Mein Vater hat als Rektor an seiner Schule eine Theatergruppe aufgebaut, meine Mutter war eine humorvolle Frau, die ganze Runden unterhalten konnte.  Da scheint bei mir was hängengeblieben zu sein.

Politische Kabarettisten aber gibt es sonst keine in der Familie Priol?

Nein, es gab aber immer leidenschaftliche politische Runden zu Hause, vor allem bei Familienfeiern. Wir hatten einen SPD-Genossen, alle anderen waren natürlich der CSU zugetan, wie es sich für Bayern gehört. Das gab immer schöne verbale Raufereien. Als Heranwachsender habe ich das genau betrachtet.

War das die Zeit, in der Sie Ihr politisches Profil geschärft haben und wussten: CSUler werde ich in diesem Leben keiner?

Doch, dieser Entschluss kam recht früh. Aber nicht nur der familiäre Umgang mit Humor und Politik hat mich geprägt: Ich habe als 15-Jähriger mit Leidenschaft die "Notizen aus der Provinz" mit Dieter Hildebrandt geschaut. Er war derjenige, der mich zu diesem Genre geführt und mich für Satire begeistert hat. So etwas in der Art wollte ich auch machen.

1988 konnten Sie dann mit dem Großmeister im "Scheibenwischer" erstmals eine Szene spielen. Es ging um die teils bedenklichen "Anschlussverwendungen" ehemaliger Nazi- und KZ-Mediziner, die in hohen Ämtern der noch jungen Bundesrepublik Karriere machen durften. Wie war diese Kooperation mit ihm?

 Ich war wirklich total aufgeregt vor diesem Auftritt. Aber Dieter hat mich an der Hand genommen, schon beim Kennenlernen waren alle Ängste weg. Er hat mich durch die Sendung getragen, ich habe mich spontan wohlgefühlt. Er war tatsächlich dieser warmherzige Mensch, als der er von vielen eingeordnet wird. Es bestand über viele Jahre ein herzlicher Kontakt. Er war bis ins hohe Alter immer neugierig. Und ich danke ihm, dass er bei unserer ersten "Anstalt"-Sendung - wohlgemerkt nach 27 Jahren Kabarett-Abstinenz im ZDF - sozusagen den Staffelstab an Georg Schramm und mich übergeben hat. Ich versuche es Dieter gleichzutun und immer Neuigkeiten und Aktuelles in mein Programm einzubauen.

Das Prinzip kann auch nach hinten losgehen, wie eine von der SPD organisierte Kreuzfahrt beweist: Das war 1997, Sie waren damals als Entertainer gebucht - und spielten ausgerechnet an jenem Abend, als die Nachricht vom Unfalltod Lady Dianas über die Ticker ging. Das hätte Ihnen beinahe den vorschnellen Abgang von Bord eingetragen. Wie kam es dazu?

Ich hatte mit meinem Kollegen Andreas Giebel ein gemeinsames Programm, das als Rahmenhandlung eine Kreuzfahrt hat. Bei einer der besagten, von der SPD initiierten Kreuzfahrten - von denen ich acht mitgemacht habe - haben wir beide das gespielt. An diesem besagten Abend hatten wir in Nizza abgelegt, also klassisches Reiseziel der Arbeiterbewegung. Dabei haben wir hinter der Bühne mitbekommen, dass Lady Di gestorben ist. Andreas sagte, das solle mal schön ich den Passagieren verkünden. Ich gehe also nach de Pause raus und sage: "Täglich sterben acht Menschen auf Pariser Straßen, heute kam ein weiterer dazu: Lady Di ist tot. Und nun weiter im Programm."

Davon waren nicht alle  an Bord "amused".

Einige Passagiere haben mir gedankt, dass ich das so nüchtern rübergebracht habe, denn binnen weniger Stunden ist da ein wahrer Hype losgebrochen. Es gab aber auch Mitreisende, die sahen das anders. Die Frau des früheren Regierungssprechers Klaus Bölling hatte aufgrund der Nachricht offenbar einen Nervenzusammenbruch erlitten. Bölling hatte daraufhin eine Unterschriftenliste gestartet, wonach ich von der Kreuzfahrt ausgeschlossen werden sollte, weil ich mit dem Thema so unsensibel umgegangen sei. Es kam aber keine erforderliche Mehrheit zustande, so durfte ich doch noch mit zurückfahren. 

Von den Feinden in der Politik hatten wir es ja schon. Mittlerweile fällt zunehmend auf, dass sich auch innerhalb der Kabarett- und Satire-Gilde offene Abneigungen, ja Feindseligkeiten zeigen. Jan Böhmermann schoss gegen Dieter Nuhr, Lisa Fitz wurde von Kollegen für ihre Corona-Todesfall-Nummer angefeindet. Jüngst distanzierte sich Christine Prayon, die auch bei Ihnen in der "Anstalt" zu Gast war, von angeblich einseitigen Meinungsvorgaben bei der "Heute Show". Was halten Sie davon?

Wir sehen in der Gesellschaft Spaltungstendenzen, das überträgt sich offenbar auch auf die Satire. Die einstmals so homogene, ja fast familiäre Szene bei uns verschiebt sich ebenfalls. Ich mache mir das nicht zu eigen, sondern ich sage: Satire hat das eherne Gebot, nie nach unten zu treten. Da scheint mir bei einigen etwas aus dem Fokus zu geraten.

Gibt es Kollegen, bei denen Sie eine Einladung ins Programm oder die Sendung ausschlagen würden?

Bei manchem würde ich es mir zumindest überlegen. Es war bis dato noch nicht so, dass ich etwas ausgeschlagen habe. Aber ich bin auch von denjenigen, bei denen ich mir schwer täte hinzugehen, noch nicht eingeladen worden. 

Zu Ihren gemeinsamen Zeiten mit Georg Schramm und Volker Pispers sagen Sie: Aus der Zusammenarbeit sind echte Freundschaften entstanden. Wie geht es den ehemaligen Kollegen denn heute? Viele sehnen sich nach einer Rückkehr - das können Sie wohl stellvertretend für die beiden ausschließen?

Ich denke das kann ich, ja. Georg Schramm hatte immer konsequent gesagt: Wenn er ins Rentenalter kommt, hört er auf und macht nur noch sporadisch das, was ihm gefällt.  Wir haben aber regelmäßig Kontakt, mit Georg telefoniere ich alle zwei Tage, dann tauschen wir uns aus. Es sind wirklich Freundschaften entstanden, auch mit Frank-Markus Barwasser, Georgs Nachfolger. Wir zehren von unserer gemeinsamen Zeit bis heute.

Sie zählen mittlerweile, wie ich in einem Leitartikel neulich las, zur "alten Garde" im deutschen Kabarett.  Ist das Lobpreis oder Beleidigung?

Ich sehe mich als "Senior Joke Assistant". 

Wie lange darf sich das Kabarettpublikum noch an Ihnen erfreuen?

Ich werde jetzt 63, aber die Rente mit 63, dieses ominöse Gebilde, die gab es ja nie. Sollte ich abschlagsfrei in Rente gehen wollen, könnte ich das mit 64 Jahren und 10 Monaten. Aber noch habe ich sehr viel Spaß an dem, was ich mache. Mich hält auch der Zorn auf vieles in der Realität noch wach und lebendig. Vielleicht macht man mal etwas weniger.

Sie haben ein stolzes Programm vor der Brust: Zählt man die "Tilt"-Auftritte, also Ihren Jahresrückblick, mit rein, kommen Sie auf über 80 Auftritte.

80 bis 100 ist quasi der Standard.

Nochmal Lust, fest ins Fernsehen zurückzukehren?

Naja, ich habe ja mein "Tilt" einmal im Jahr auf 3sat, das genieße ich schon. Ansonsten bewege ich mich in meinem Biotop Bühne, wo alles vor über 40 Jahren angefangen hat. Live ist mein Element, das passt schon.

Man darf nicht vergessen: Sie sind en passant auch noch Theaterleiter, haben sich Ihre Bühnenbretter quasi selber gezimmert: Der "Hofgarten" in Aschaffenburg steht seit 25 Jahren unter Ihrer Leitung.

Richtig, den habe ich 1998 in Erbpacht genommen. Das war finanziell ein Risiko, die Summe belief sich für mich so auf rund zwei Millionen Euro an Investition. Es hat zeitlich gut gepasst, denn da ging es auch mit meiner Bühnenkarriere los. Ich sage immer: Hier ist meine Titanic. Es waren schon auch harte Jahre dabei. Als dann der letzte Kredit getilgt war und die Aussicht bestand, das Haus könnte nun endlich etwas abwerfen, kam Corona. Ich hatte drei Läden im Lockdown: Als Solokünstler konnte ich nicht auftreten, alle Theater waren dicht, und weil zum "Hofgarten" auch noch ein kleines Restaurant gehört, hat mich quasi als Gastronom die Pandemie da auch noch erwischt.

Apropos Theater: Sie gastieren wieder in den Berliner "Wühlmäusen" von Dieter Hallervorden, den sie seit langem gut kennen. Wie bewerten Sie sein jüngstes, heftig diskutiertes Video zum Nahost-Konflikt?

Ich muss ehrlich sagen: Ich habe mir das Video noch gar nicht angeschaut, sondern nur über die Empörung danach gelesen. Es zeugt vielleicht nicht von ganz hoher künstlerischer Ausgereiftheit. Man sollte bei manchen Themenfeldern womöglich vorsichtiger sein und doch die Altersweisheit wirken lassen, falls vorhanden.

Wie beobachten Sie, was in Ihrer Kabarett-Zunft nachkommt?

Oh, das ist einiges an interessanten Köpfen dabei. Ich sehe erfreut, dass sich viele mittlerweile intensiver mit den Themen der jungen Generation auseinandersetzen. Viele haben sich lange noch an dem abgearbeitet, was uns alte Haudegen beschäftigt hat. Ich erlebe diesen Wechsel als positiv und bin gespannt, was sich da noch tut.

Ich muss die eine Frage noch stellen, auch wenn Sie sie vielleicht nicht mehr hören können: Was hat es mit Ihren Haaren auf sich? Es soll das Ergebnis eines, sagen wir, spontanen Handels bei einem Auftritt bei der IG Metall gewesen sein.

Das war tatsächlich ein Engagement zum 100. Geburtstag der Gewerkschaft. Ich hatte mehrere Rollen, unter anderem sollte ich einen durchgeknallten Moderator spielen und einen gelackten Gewerkschaftsfunktionär. Der hatte die Haare mit Brisk-Friesiercreme nach hinten gegelt. Ich hatte nur etwas mehr als eine Minute Zeit hinter der Bühne, um von einer Rolle in die andere zu schlüpfen. Ich habe den Leuten gesagt: Legt mir ein Handtuch hin, ich muss was mit den Haaren machen. Und dann habe ich gerubbelt und meine Haare, die damals noch dichter waren, standen wie Igelstacheln vom Kopf ab. Da hab ich mir gedacht: Eigentlich ganz praktisch, muss ich mir vorm Auftritt nicht mehr groß überlegen, wie ich meine Frisur heute so lege. Es ist ja auch ein bisschen das Spiegelbild der wirren Zeit. Privat trage ich es nicht ganz so wild, da sind sie etwas durchgescheitelter.

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