Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag, 18. Oktober, zum ökumenischen Erntedankgottesdienst in die katholische Pfarrkirche zu Unserer Lieben Frau kommt, setzt er eine bemerkenswerte Reihe fort: Schon mehrfach kreuzten sich die Wege deutscher Staatsoberhäupter mit Kulmbach – lange vor und während ihrer Amtszeit, bei offiziellen Besuchen und sogar bei einem im Nebel gescheiterten Landeanflug.
Heuss im Mönchshofkeller
Der Erste, der Kulmbach gewissermaßen als Bundespräsident in Wartestellung besuchte, war Theodor Heuss (FDP). Im Oktober 1948 sprach er im Rahmen einer Vortragsreise durch Süddeutschland im Kulmbacher Mönchshofkeller. Er wollte den Wiederaufbau einer bürgerlich-liberalen Partei um Karl Jung, Ludwig Crößmann und Eduard Meußdoerffer beflügeln.
Zu diesem Zeitpunkt gehörte Heuss bereits zu den bekanntesten Persönlichkeiten Westdeutschlands. Als Mitglied des Parlamentarischen Rates wirkte er an der Ausarbeitung des Grundgesetzes mit. Im September 1949 wurde er zum ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt.
Heuss galt als Kulturpräsident: Seine humanistische Prägung und seine niveauvolle Sprache machten ihn zum intellektuellen Gewissen der jungen Bundesrepublik. Auch in Kulmbach, im Stadtteil Burghaig, wurde eine Straße nach ihm benannt.
Sein Nachfolger im Amt des Bundespräsidenten, Heinrich Lübke (CDU/1959 – 69), war auf höchst kuriose Weise mit Kulmbach verbunden. 1964 kam der zum Skandal hochstilisierte Problemfilm „Das Schweigen“ des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman in die Kinos. Im April lief er auch im Kulmbacher Union-Theater. Wie vielerorts in der jungen Bundesrepublik löste der Film in Kulmbach Proteste aus.
Unter dem Schlagwort „Gegen die Unmoral“ holten die Tugendwächter zum landesweiten Gegenschlag aus. In Schweinfurt wurde die „Aktion saubere Leinwand“ ins Leben gerufen; ihr prominentester Unterstützer war Bundespräsident Heinrich Lübke. Die Bürger waren aufgerufen, die Aktion mit ihrer Unterschrift zu unterstützen.
Am 4. Oktober 1964 reiste Lübke nach Schweinfurt und nahm die eingegangenen Unterschriften entgegen. Weil außerdem eine Besichtigung der bayerisch-thüringischen Zonengrenze geplant war, wollte er am 7. Oktober mit dem Hubschrauber in Kulmbach zwischenlanden und die dortigen Listen abholen. Dichter Nebel vereitelte jedoch die Visite. So blieb Lübkes Kulmbach-Besuch ein beinahe geglückter Termin.
Herold lädt Heinemann ein
Der dritte Bundespräsident war schließlich offizieller Staatsgast in Kulmbach: Gustav Heinemann (1969 – 74) besuchte gemeinsam mit seiner Frau Hilda das Bierfest. Zu verdanken war der Besuch dem SPD-Abgeordneten und Parlamentarischen Staatssekretär im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen, Karl Herold. Er wollte dem Bundespräsidenten die Sorgen des Zonenrandgebiets vor Augen führen.
Doch auch Heinemanns Frau Hilda hatte wohl ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Die kunstbegeisterte Sammlerin war ein Fan von Caspar Walter Rauh. Sie wollte den Künstler treffen und eröffnete mit ihm eine Ausstellung, die Rauh für das AWO-Seniorenheim an der Johann-Brenk-Straße zusammengestellt hatte.
Heinemann galt als strenger, oft spröde und steif wirkender Mann. An diesem Tag zeigte er sich jedoch ungewöhnlich aufgeräumt. Als ihm am frühen Morgen vor dem Eingang des Bierzelts auf dem Marktplatz ein Zwei-Liter-Krug mit Festbier überreicht wurde, fragte das Staatsoberhaupt scherzhaft: „Muss ich den jetzt auf Ex trinken?“
Hunderte Zuschauer winkten Gustav und Hilda Heinemann zu. Besondere Aufmerksamkeit zog die First Lady mit ihrem an den britischen Windsor-Stil erinnernden Erscheinungsbild auf sich. Zum Programm gehörten ein Fototermin zwischen den Bierfässern auf der Rathaustreppe und ein Empfang im Rathaussaal. Danach trug sich Heinemann ins Goldene Buch der Stadt ein.
Der FDP-Parteivorsitzende Walter Scheel bereiste Franken während der heiß umkämpften Bundestagswahlkämpfe 1969 und 1972. Dabei machte der spätere Bundespräsident (1974 – 79) auch Station in Kulmbach. 1969 traf er sich zum Beispiel im „Ratskeller“ am Kulmbacher Marktplatz mit Prominenten und Parteifreunden.
Im Herbst 1972 warb er in Oberfranken als Außenminister und Vizekanzler der sozial-liberalen Bundesregierung Willy Brandts für die Fortführung der Ostpolitik. Dabei setzte er nicht auf Großkundgebungen, sondern auf kleinere Gesprächsrunden mit Vertretern aus Wirtschaft und Handwerk. Auftritte in Bamberg, Coburg, Hof und Bayreuth sind belegt; für einen Kulmbach-Termin im Jahr 1972 fehlt bislang ein Nachweis.
Als Bundespräsident galt Scheel als sympathisches Staatsoberhaupt. Bekannt war er für seine Heiterkeit und seine Sangeslust. Unter anderem trat er in der ZDF-Sendung „Dreimal neun“ auf und schmetterte vor einem Millionenpublikum zusammen mit dem Düsseldorfer Männergesangverein das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“. Die Aufnahme wurde später als Single veröffentlicht und erreichte im Januar 1974 Platz 5 der deutschen Hitparade. Die Einnahmen gingen als Spende an die Aktion Sorgenkind.
Politisches von Steinmeier?
Mit Frank-Walter Steinmeier (SPD) kommt erneut ein politisch profilierter Bundespräsident nach Kulmbach. Sein Besuch weckt die Hoffnung auf markante Worte nach der Übergabe der „Erntekrone“ in der ULF – etwa zu den Herausforderungen für unsere Demokratie nach der Wahl in Sachsen-Anhalt. Vielleicht wird es eine Rede, die über den Tag hinaus in Erinnerung bleibt.
















