Knöllchen-Ärger
Abzocke vor dem Supermarkt?
120 Minuten kostenlose Parkzeit und  nach 92 schon ein Knöllchen kassiert: Elke Brehm hat das gewaltig geärgert.
120 Minuten kostenlose Parkzeit und nach 92 schon ein Knöllchen kassiert: Elke Brehm hat das gewaltig geärgert.
Foto: Dagmar Besand
Aufreger
F-Signet von Dagmar Besand Fränkischer Tag
Kulmbach – Auf einem Kulmbacher Einkaufsparkplatz verschickt eine Überwachungsfirma massenhaft ungerechtfertigte Strafzettel. Die Kunden gehen auf die Barrikaden.

Selten ist ein Sturm der Entrüstung in Kulmbach so laut. Über "Abzocke" auf einem Kundenparkplatz am Kreuzstein wird geschimpft: Auf Facebook , in Leserzuschriften und Anrufen in der BR-Redaktion machten Betroffene ihrem Ärger Luft. In einem Burggeflüster haben wir das Thema in der vergangenen Woche aufgegriffen, und immer mehr Menschen meldeten sich bei uns, die Zahlungsaufforderungen für Parkverstöße erhielten, die sie gar nicht begangen hatten.

Parkzeit ist befristet

Was war vorgefallen? Die Filialen des Discounters Aldi , der Drogeriekette dm und des Backhauses Kutzer am Kreuzstein, die Ende vergangenen Jahres neu eröffnet wurden, bieten ihren Kunden kostenlose Parkplätze an. Auf zwei Stunden ist die Parkzeit befristet. Umso verblüffter waren viele Kulmbacher, als ihnen in den letzten Wochen Zahlungsaufforderungen wegen Parkverstößen ins Haus flatterten. 30 Euro sollten sie wegen Überschreitung der Parkzeit bezahlen - obwohl sie kürzer geparkt hatten als erlaubt.

92 Minuten waren es bei Elke Brehm, die sofort Widerspruch einlegte und auf die per Beschilderung ausgewiesene Parkzeit von 120 Minuten verwies. Zu ihrem großen Ärger erhielt sie daraufhin statt der erwarteten Entschuldigung eine wenig freundliche, als herablassend empfundene Antwort.

Die Überwachungsfirma Park & Control teilte ihr mit, "dass wir Ihnen einmalig auf kulantem Wege entgegenkommen und den Vorgang stornieren". Die Regelung sei "nur als Ausnahme" zu betrachten und gelte nicht für "ähnlich gelagerte Fälle in der Zukunft".

"So eine Frechheit", schimpfte Elke Brehm. "Soll ich mich da jetzt vielleicht noch für die Gnade bedanken?"

Vertragsstrafe nach Einkauf in Discounter

Kurios und ebenfalls keine Ausnahme ist der Fall von Hannelore und Helmut Hahn: Das Ehepaar hatte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen kurz beim Discounter eingekauft und erhielt eine Vertragsstrafe (so heißt das Knöllchen von Park & Control), weil sie angeblich über Nacht auf dem Gelände geparkt haben. "Das haben wir natürlich nicht, sondern sind mit unseren Einkäufen nach Hause gefahren", sagt Hannelore Hahn.

Die Lust aufs Einkaufen in einem der Läden am Kreuzstein ist ihr gründlich vergangen, auch wenn nach einigem Hin und Her auf ihre Rechnung inzwischen storniert wurde.

Kunden streiten seit Monaten mit der Firma

Was viele Kunden auf die Palme bringt, ist, dass es sich hier nicht um einen Ausrutscher handelt, der schnell behoben wurde. Das Problem besteht seit mindestens drei Monaten. Schon seit Dezember streitet beispielsweise das Ehepaar Hahn mit der Überwachungsfirma. Bei manchen Stamm-Kunden stapeln sich die Strafzettel, die mit vier Wochen Verzögerung verschickt wurden. In der Zwischenzeit waren die ahnungslosen Kunden erneut einkaufen und saßen in Kutzers Café.

"Ich bin zutiefst erschrocken, als ich davon gehört habe, was da in Kulmbach los ist", sagt Markus Blei, Gebietsverantwortlicher bei dm, der sich auf Nachfrage der BR-Redaktion meldet und um Schadensbegrenzung bemüht ist. Er hat sich sofort an Park & Control gewendet, um den Missstand zu beenden. "Das ist ein absolutes No-Go. Wir wollen schließlich unsere Kunden nicht ärgern, sondern ihnen durch kostenlose Parkplätze vor unseren Geschäften den Einkauf angenehm machen. Sie sollen gerne bei uns einkaufen und wiederkommen."

Problem: Dauerparker

Die drei auf dem Gelände ansässigen Firmen haben gemeinsam die Überwachungsfirma beauftragt und die kostenlose Parkzeit von 120 Minuten vereinbart. "Es geht darum, dass die Parkplätze für unsere Kunden zur Verfügung stehen und nicht von Dauerparkern belegt werden", erläutert Markus Blei. "Park & Control hat uns als Dienstleister versprochen, dass ihr System reibungslos und zuverlässig funktioniert."

An der Technik lag es wohl auch nicht, wie die von Park & Control mit einer Stellungnahme beauftragte PR-Agentur Faktenkontor gegenüber der Bayerischen Rundschau einräumt: "Wir bewirtschaften den Parkplatz mittels Kennzeichenerkennung. Das heißt: Bei der Ein- und Ausfahrt wird das Kennzeichen registriert, aus der zeitlichen Differenz wird dann die Parkzeit ermittelt. Auf dem Parkplatz gilt eine Freiparkzeit von 120 Minuten. Durch einen menschlichen Fehler war in unserem System eine Zeit von 90 Minuten hinterlegt."

Auch Unternehmen entschuldigen sich

Alle, die dadurch unberechtigt eine Vertragsstrafe erhalten hätten, habe man nun mit einem Entschuldigungsschreiben informiert. "Selbstverständlich haben wir sämtliche Strafen storniert, und die schon bezahlten Strafen werden zurücküberwiesen."

Man habe den Fehler "sofort erkannt" und behoben, heißt es seitens der Überwachungsfirma - obwohl seit den ersten Beschwerden Monate vergangen sind. Zumindest sollte das Problem aber nun gelöst sein.

"Wenn man einen Fehler macht, muss man den auch zugeben und sich angemessen entschuldigen", sagt Anna Lennertz, Pressesprecherin von Aldi Süd. Dass das in diesem Fall erst jetzt unter Druck passiert, missfällt ihr ebenso wie Markus Blei.

Der geht noch einen Schritt weiter und entschuldigt sich im Namen seines Unternehmens ausdrücklich bei allen Kunden . "Das tut uns unendlich leid. Wir tun alles dafür, dass sowas nicht wieder passiert."

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