Walter M. ist 69 Jahre alt. Sein bisheriges Leben war nicht einfach: Er hat die Schule abgebrochen, hat keinen Job lange behalten, hat nie eine längere Beziehung führen können. Sein größter Wunsch, Kinder zu haben, blieb unerfüllt. Er war spielsüchtig und saß eine Zeitlang im Gefängnis, nachdem er zur Finanzierung seiner Sucht in die Kriminalität rutschte. Dabei hätte alles so gut laufen können: Er hatte eine liebende Familie, war ein guter Schüler. Seine Eltern waren finanziell gut gestellt. Die Aussichten für ein glückliches Leben waren gut.
Dass er dennoch auf die schiefe Bahn geriet, liegt für ihn in seiner Kindheit begründet: Der Pfarrer seiner Gemeinde missbrauchte und vergewaltigte ihn damals über Jahre hinweg.
"Wir müssen Jesus beruhigen"
Alles begann damit, dass Walter M., damals sieben oder acht Jahre alt, noch vor der Erstkommunion eine Hostie in den Mund gelegt bekam. Das versetzte seine tiefgläubige Mutter und die Großmutter in Panik: Sie glaubten, es handele sich um eine Todsünde.
Der Priester beschwichtigte die beiden und erklärte, er werde sich darum kümmern. Dem Jungen erklärte er, sie müssten "Jesus wieder beruhigen", sonst sei er verdammt. Der Junge komme in die Hölle, wenn er nicht tue, was der Pfarrer ihm sage.
Blutspuren und blaue Flecken
Damit begannen die Vergewaltigungen, die der Pfarrer in den folgenden Jahren systematisch fortsetzte. Zum schweren sexuellen Missbrauch kam die psychische Belastung, weil Walter M. über Jahre hinweg voller Scham und Angst die Folgen verschleierte: blaue Flecken am Arm, Blut in der Unterhose.
Seine größte Sorge war, dass die Eltern herausfinden könnten, was mit ihm passiert.
Im Podcast Fränkischer Talk spricht Walter M. über seine Erlebnisse, die sich tief in sein Gedächtnis gegraben haben. Er erzählt von den perfiden Taktiken des Pfarrers, um ihn gefügig und verschwiegen zu machen, über die belastenden Geheimnisse und über die bewusste Machtausnutzung des Geistlichen.
Das ganze Gespräch hören Sie hier:
Fast fünfzig Jahre lang geschwiegen
Er hat fast fünfzig Jahre lang geschwiegen, um seine Eltern zu schützen. Erst nachdem seine Mutter starb, brach er sein Schweigen. Ein evangelischer Dekan war der erste, dem er von seinen Erlebnissen erzählte. Die ersten Wochen danach waren hart. Walter M. hatte Flashbacks und Alpträume. "Am Anfang war ich mir nicht ganz sicher, ob ich das Richtige getan habe."
Betroffenenbeirat setzt sich für die Opfer ein
Walter M. ist seit vier Jahren in Therapie – und wird diese sein Leben lang brauchen, wie Gutachten bestätigen. Heute kann er über das Geschehene sprechen und hat einen Weg gefunden, damit umzugehen; unter anderem, indem er anderen hilft. Im Betroffenenbeirat von Geschädigten durch sexuellen, geistlichen und gewalttätigen Missbrauch im Erzbistum Bamberg setzt er sich dafür ein, dass Opfer gehört werden, ihr Leid anerkannt wird und sie die richtige juristische und therapeutische Beratung bekommen. "Das hat meinem Leben wieder ein bisschen mehr Sinn gegeben", sagt Walter M.
Kleine Erfolge im Kampf gegen Täter
Zwar sind viele der einstigen Täter nicht mehr am Leben, so wie auch sein eigener Peiniger. Doch in einigen Fällen konnte der Betroffenenbeirat dafür sorgen, dass Täter nicht mehr in der Seelsorge tätig sein dürfen.
Und auch, wenn es Walter M. dank der Therapien besser geht: Die Erinnerungen triggern ihn bis heute. Eine Kirche zu betreten, ist ihm kaum möglich. Der Gedanke an eine nötige Prostata-Untersuchung hat ihn so verängstigt, dass er vor der Arztpraxis zusammenbrach und das Bewusstsein verlor.
Im Podcast blickt Walter M. auf sein Leben zurück, auf die schrecklichen Jahre als Ministrant, auf die Folgen und den Beginn der Aufarbeitung.
Hier finden Betroffene Hilfe:
Kontakt und Hilfe gibt es beim Betroffenenbeirat von Geschädigten durch sexuellen, geistlichen und gewalttätigen Missbrauch
im Erzbistum Bamberg. Hier geht es zur Website.
Die Ansprechpartner beim Erzbistum Bamberg finden Sie hier in der Übersicht.
Die Beauftragte Eva Hastenteufel-Knörr ist erreichbar unter Telefon 0951-40 73 55 25 und per E-Mail an eva.hastenteufel@kanzlei-hastenteufel.de















