„Der ganze Körper war kalt und die Glieder mit Ausnahme der Arme steif. Auch zeigten sich schon Todesflecken …“, steht im Obduktionsbericht. Wurde er wirklich seit Kindertagen in einem niedrigen Verlies fast ohne Betreuung eingekerkert? Oder untersuchte man die Leiche eines geschickten Betrügers, den kuriose Umstände in ein Ränkespiel europäischen Ausmaßes verstrickten? Und wer führte das todbringende Messer gegen den Körper?
„Die äußere Form der auseinanderklaffenden Wunde war der Oeffnung eines kleinen Knopfloches sehr ähnlich, die Ränder derselben waren nicht geschwollen sondern erschienen vielmehr erschlafft. […] Die Wunde selbst befindet sich 2 Zoll [= ca. 5 cm] unterhalb der linken Brustwarze.“ Hunderte Veröffentlichungen beschäftigen sich mit dem „Kind Europas“, wie Kaspar Hauser auch genannt wird. Viele Forscher und Literaten, Filmemacher und Journalisten wollten in diesem merkwürdigen Menschen einen badischen Erbprinzen und ein Opfer dynastischer Politik sehen. Andere suchten mit fast fanatischer Akribie Hinweise darauf, dass er ein Hochstapler gewesen sei. Nur wenige wie der hochverdiente Forscher Hermann Pies machten sich die Arbeit, möglichst alle Quellen zusammenzutragen, zu transkribieren und zu veröffentlichen. Ohne ihn wären die meisten Hauser-Akten verloren.
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Kaspar Hauser kann nur einen Satz sagen
Eindeutig ist nur Folgendes: Am 26. Mai 1828 bemerkt der Nürnberger Schuhmachermeister Weickmann auf dem Unschlittplatz einen jungen Mann, der etwas zurückgeblieben wirkt. Er kann seinen Namen schreiben: Kaspar Hauser. Und er kann einen Satz sagen: „A söchtener Reuter möcht i wern wie mein Voater gwen is.“ Was folgt, füllt Romane, Sachbücher, Sensationsblätter und stapelweise Akten. Nur so viel: Im Winter vor seiner Ermordung lebt Hauser nach einem mysteriösen, blutigen Anschlag auf ihn, den manche als angeberische Selbstverletzung ansehen, in Ansbach. Er ist zum Hilfsschreiber bei Gericht bestellt und hat die erstaunliche Aussicht, von Philip Henry Earl Stanhope adoptiert zu werden, verloren. Er wohnt nun beim Lehrer Johann Georg Meyer, der ihm offen misstraut.
„In der rechten Herzkammer zeigte sich mehr geronnenes Blut als in der linken. […] Nachdem nun die Brusthöhle und die konvexe Fläche des Zwerchfells durch Abwaschen gereinigt war, konnte man die Richtung der Wunde in der Gegend, wo die Spitze des Herzens aufzuruhen pflegt, durch das Zwerchfell in die Höhle des Unterleibs weiter verfolgen.“
Am 14. Dezember 1833 kommt Kaspar Hauser nachmittags aus dem Hofgarten verwundet heim. Ein Unbekannter habe ihn dorthin bestellt, ihm einen Stoffbeutel gereicht und, als Hauser ihn nehmen wollte, mit einem Messer zugestochen. Der Verletzte will mit Meyer zu der Stelle zurück, muss aber wegen zu großer Schwäche umkehren. Ein erneuter Anschlag? Eine Selbstverletzung, um sich wichtig zu machen?
„Die Wunde war in schiefer Richtung ¾ Zoll lang [ca. 2 cm] und hatte scharfe Ränder und Winkel. Wenn man nun aus der Zusammenstellung der Verwundung der einzelnen Organe einen Wundkanal bildet, so muß man annehmen, daß das verletzende Instrument wenigstens 4 Zoll [ca. 10 cm] tief eingedrungen war, um in die Höhle des Magens zu gelangen.“
Im Hofgarten liegt an der Stelle des Anschlags tatsächlich ein violetter Seidenbeutel, darin ein Zettel in Spiegelschrift: „Hauser wird es euch ganz / genau erzählen können, wie / ich aussehe, und wo her ich bin. / Den Hauser die Mühe zu ersparen / will ich es euch selber sagen, woher / ich komme _ _ Ich komme von von _ _ _ / der Baierischen Gränze _ _ / Am Fluße _ _ _ _ _ / Ich will euch sogar noch den / Namen sagen: M. L. Ö.“
Die Polizei befragt Zeuge um Zeuge, zuerst den weiterhin ansprechbaren Hauser. Er beschreibt den Attentäter als einen großen Schwarzbärtigen mit Mantel. Andere wollen eine ähnliche Person im Hofgarten oder in dessen Nähe gesehen haben, manche sogar in Begleitung Hausers. Die Tat selbst hat niemand beobachtet. Inzwischen wird der Verletzte immer schwächer. Die Ärzte erkennen den Ernst der Lage und lassen Pfarrer Fuhrmann holen.
„Da nun das Instrument bei einer Tiefe von 4 Zoll am Eingangskanal an der Brust eine Wunde gebildet hat, welche nur ¾ Zoll lang ist, so muß das Werkzeug als eines der gefährlichsten Mordinstrumente erklärt werden, als ein sogenanntes Banditenmesser, welches spitzig zweischneidig war …“
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Kaspar Hauser stirbt auf mysteriöse Weise
78 Stunden nach der Stichverletzung, am 17. Dezember 1833 um 22 Uhr, ist der Mensch, der sich Kaspar Hauser nennt, tot. Kurz zuvor hatte er Fuhrmann gesagt: „Warum soll ich Zorn oder Haß oder Groll gegen die Menschen haben, man hat mir ja nichts getan?“ Ist das nun ein verbrämtes Geständnis der Selbstverletzung oder Zeichen frommer Sanftmütigkeit? Fuhrmann zweifelt nicht an Hausers Seelenfrieden.
Der Tod im Hofgarten ist ein klassischer „cold case“. Viele Indizien, widersprüchliche Aussagen von Zeugen, keine schlüssigen Beweise, kein Geständnis. So wie Schrift- und Papiersachverständige sich nicht einigen können, ob Hauser den ominösen Zettel in Spiegelschrift geschrieben hat, so widerstreitend schlussfolgern die Ärzte Horlacher und Albert. Der Erste stimmt für Tötung durch eigene Hand, der zweite für die durch fremde. Nach dem Rechtsgrundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“, der Hauser – bis hin zu seinem Wikipedia-Artikel – sein soll, sei abschließend Albert zitiert:
„Die Möglichkeit eines Selbstmordes kann nicht in Abrede gestellt werden; ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Wunde durch fremde, geübte Hand zugefügt worden ist. […] Bei einem Versuche des Selbstmordes zur Täuschung kann man nicht wohl annehmen, daß von einem verletzenden Instrumente an einer so gefährlichen Stelle ein so ernstlicher Gebrauch gemacht wird, wie es bei der tief eingedrungenen Wunde des H. der Fall war.“
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