Beim letzten Mal ging es bei „So heißt Franken“ um offensichtliche Merkmale. Familiennamen kamen einst aber noch viel häufiger auf Grund persönlicher Eigenarten zustande.
In jedem Dorf gab es sicherlich mindestens einen, der einen ganz besonderen Charakter oder eine Verhaltensweise besaß, die auffiel. Zugegeben, der Großteil dieser meist subjektiven Merkmale war nicht gerade wohlwollend. Bereits vor rund 900 Jahren wurde gerne und ausgiebig über andere gesprochen – und wohl eher weniger von deren Vorzügen.
Der Brasch (Schwerpunkt Spessart) entstammt dem alten Begriff für Krach, Gebrüll und Lärm. Der Name wäre wohl inflationär, wenn damals schon Kreisliga-Fußballspiele stattgefunden hätten.
Immens häufig waren solche Kosenamen für lautstarke Mitbewohner im Nordosten Frankens und auch noch im Süden Sachsens. Schreihals heißt zwar keiner – Schreyer gibt es zuhauf. Insbesondere in Wunsiedel, Bayreuth und der angrenzenden Oberpfalz. Die ersten Kirchenbucheinträge hierzu führen uns in die Umgebung von Tirschenreuth.
Lauter Lärmende
Die Schaller, nicht weniger geräuschvoll, haben an der Grenze von Bayern zur Tschechei ihr „Nest“. Mit Kirchenlamitz und Silberbach (Landkreis Wunsiedel) und Regnitzlosau östlich von Hof kristallisieren sich um 1650 drei Orte heraus – ein Dreieck an der Grenze nach Tschechien. Auch die Limmer(t) (mittelhochdeutsch limmen für knurren, brummen, heulen) in und um Hof und die Thümmler (tümel für Lärm) wohnen in Oberfranken.
Der Prell (prelle für schreien oder brüllen) im Landkreis Wunsiedel (Breitenbrunn und Mittelweißenbach) und der Rauschert (von rûschen für Geräusche, Lärm machen) in Coburg und Umgebung gehören hier auch dazu. Fürwahr eine markante und deutlich erkennbare Häufung in einem nur kleinen Landstrich.
Wollen wir den Besagten einfach mal zugutehalten, dass die Ballung der „Lautstarken“ eine Folge der Abgeschiedenheit in Spessart, Frankenwald, Fichtel- und Erzgebirge war. Da musste man zum weit entfernten Nachbarn einfach etwas lauter hinüberrufen als woanders.
Überraschend: Der Name Sterker im Landkreis Bad Kissingen ist 1410 in einer Urkunde in der Bedeutung „Marktschreier“ bezeugt – da hätte man doch eher an einen kraftstrotzenden Mitmenschen gedacht.
Alte Angeber
Der Geuder (Neustadt/Aisch-Bad Windsheim), der Geuter (Kitzingen) und der Geuther (Coburg) sollen alle auf das Wort giuder für Prahler/Verschwender zurückgehen. Er war wohl der Prototyp des angeberischen Narzissten, der alle wissen ließ, dass er etwas überreichlich besaß und es sinnlos verprasste.
Die bisher besprochenen Personen waren laut – manch andere redeten wiederum wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma. „Halt doch mal die Klappe“ möge man ihnen früher in derber Weise gerne zugerufen haben - es nützte nur nichts.
Die Schnack, snacken für reden oder schwätzen, sind im hohen Norden Deutschlands, die analog entstandenen Quack an der belgischen Grenze ansässig. Woanders hießen sie Schnarr, Schmetzer, Kleff oder Pregler. Hier präsentieren sich die jeweiligen Dialekte mit ihren speziellen Begriffen für die Quasselstrippe.
Der Schnapp (mittelhochdeutsch snap für Geschwätz) rund um Lichtenfels, der Schnappauf im Landkreis Kronach (insbesondere in Teuschnitz) und der Name Schnabel (Aschaffenburg und Hof) für den, der Selbigen nicht halten konnte – alles fränkische Namen für Menschen mit einem Hang zum exzessiven Plaudern.
Beruhigen und beschwichtigen
Es geht aber auch deutlich leiser, wenn auch nicht in Franken: Der Stumm war eher mundfaul – bei ihm fand man nach einer Stunde mit den besagten Schwätzern oder Lautstarken eine gelungene und vor allem geräuscharme Abwechslung. Der Stiller hingegen hat nichts mit Stille zutun. Er war nicht unbedingt der ruhige Typ. Er beschwichtigte eher und beruhigte die erhitzten Gemüter, musste also unter Umständen trotzdem viel reden. Gleicher Wortstamm: Auch das Stillen des Kindes entspannt ja bekanntermaßen.
Da stellt sich nur noch eine Frage: Gehört der Schweiger auch in dieses Kapitel? Mitnichten. Er rührt vom mittelhochdeutschen sweige her, bedeutet schlicht „Viehhof“ und bezeichnete einen Landwirt. So sehr kann man sich täuschen.
Eine Anmerkung noch in eigener Sache, bevor mir hier alle ins Gesicht springen, die für ihren Namen in diesem oder einem anderen Kapitel eine nicht so nette Erklärung erhalten: Man mag einfach darüber schmunzeln und froh sein, dass diese Gene eines einzigen Vorfahren vor mehreren hundert Jahren (hoffentlich…) schon längst verflogen sind.
Eine Beispielrechnung verdeutlicht das: Wie mit den Reiskörnern auf dem Schachbrett ist es mit den Vorfahren. Einmal Eltern, zweimal Großeltern, viermal Urgroßeltern und so weiter. Bei einem durchschnittlichen Generationenabstand von 30 Jahren kommt man so schon auf jeweils 2.000 Urgroßväter und Urgroßmütter zu Zeiten des 30-Jährigen Krieges. Und da fehlen noch mindestens 250 Jahre und weitere acht Verdopplungen auf 512.000, um zur Zeit der Nachnamensgebung zurückzukommen. Schlussendlich geht der Nachname also auf einen von rund einer Million Vorfahren zurück. Dabei sind alle anderen 999.999 genauso dafür verantwortlich, dass man selbst nun gerade auf dieser Erde herumspaziert.
König und Kaiser
Sehr unwahrscheinlich ist (leider), dass blaues Blut durch die eigenen Adern fließt. Was es deshalb mit dem König, Kaiser oder Bischof bei den Nachnamen auf sich hat, behandeln wir beim nächsten Mal.
INFO: EIN FRÄNKISCHER THÜMMLER ERZÄHLT
Eine bärige Geschichte steckt hinter dem Nachnamen von Sabine und Christoph. Unter den Vorfahren der Thümmlers waren wohl Menschen, die sich eifrig getummelt haben: Schausteller. Das hat die Ahnenforschung von Christoph Thümmlers Hausarzt ergeben, der den gleichen Familiennamen trägt. Mit dem Tummeln sei das wuselige Umherrennen der mittelalterlichen Gaukler gemeint gewesen. Allerdings kennen Sabine und Christoph Thümmler auch eine andere Deutung: eine Verbindung zum Delphin „Großer Tümmler“. Den jedoch schreibt man ohne h und Christoph Thümmler weiß auch nichts von einem Faible seiner Familie für Wassertiere. Die genaue Herkunft des Namens bleibt also ein bisschen geheimnisvoll, was Sabine, geborene Schmidt, gefällt: Sie hat ihren Allerweltsnamen gern zugunsten des selteneren Begriffs aufgegeben. Nur manchmal möchte sie sich kurz die Ohren zuhalten: Wenn eingefleischte Franken sie mit „Frau Dümmler“ ansprechen. Ihrem Mann Christoph, der in Bamberg intuitive Benutzeroberflächen kreiert, geht es ähnlich. Aber er sagt: „Man lernt, damit zu leben. So wie Frau Rosa Schlüpfer!“ (Diana Fuchs)
















