Ein 500-Seelen-Dorf im Landkreis Bamberg. Ein idyllischer Ort mit einer markanten Kirche im Zentrum. Die Bewohner kennen einander, wissen, was in der Nachbarschaft so läuft. Da bleibt es nicht verborgen, dass sich regelmäßig Personen in einem sogenannten Hauskreis treffen, um – ja was zu tun? Es wird im Dorf über eine „dubiose spirituelle Gruppe“ gemunkelt.
Der Ortspfarrer betont auf Anfrage, dass dieser Kreis ein rein privater und kein pfarrlicher sei. Auch der Leitende Pfarrer des zugehörigen Seelsorgebereiches gibt sich ahnungslos. Dabei stellt sich nach einigem Nachbohren heraus, dass in der eigenen Sprachregelung des Hauskreises seine Zugehörigkeit zur Geistlichen Gemeinschaft Charismatische Erneuerung (CE) hervorgehoben wird. Das klingt zunächst harmlos. Auch die klaren Worte eines Sprechers des Hauskreises im Telefonat mit dieser Redaktion: „Ich bin katholisch.“
Bamberger Domberg ist aufmerksam geworden
So „katholisch“, dass sogar der Bamberger Domberg aufmerksam geworden ist. Oder besser gesagt: wachsam. Alarmiert nicht zuletzt durch die Veröffentlichung der Pilotstudie „Macht durch Charisma“, die Geistlichen Missbrauch erstmals als eigenständiges Phänomen untersucht und dabei den Umgang mit zwei Gemeinschaften in den Nordbistümern Münster und Osnabrück beleuchtet. In Auftrag gegeben und finanziert wurde die Studie von den beiden Diözesen, der Deutschen Bischofskonferenz und den Thuiner Franziskanerinnen. Nach der öffentlichen Präsentation des rund 600-Seiten-Dokuments durch Wissenschaftler der Universität Münster vor wenigen Tagen werden sich die Auftraggeber am Montag, 5. Oktober, in einer Pressekonferenz in Münster dazu äußern.
117 Interviews für Studie in Osnabrück und Münster
Grundlage des 2023 gestarteten Forschungsprojektes über die Geistlichen Gruppierungen „Totus Tuus Neuevangelisierung“ (Münster) und „Christusgemeinschaft“ (Osnabrück) sind 117 Interviews, davon 81 mit Betroffenen von Geistlichem Missbrauch, sowie Akten der beiden Bistümer und der Ordensgemeinschaft. Übrigens: „Totus Tuus“ – seit 2021 in Münster und anderen Diözesen von den Bischöfen verboten – war auch im Erzbistum Bamberg aktiv, hielt unter anderem Einkehrtage im Bistumshaus St. Otto ab. Inzwischen gibt es in der Erzdiözese keine offizielle Ansprechperson mehr. Doch ein Domkapitular unterhält weiterhin Kontakte mit einer Frau von „Totus Tuus“: „Eine fromme Seele“, wie er sagt.
Geistlicher Missbrauch in der katholischen Kirche ist eigentlich seit Jahrzehnten ein Thema, wie einschlägige theologische Literatur belegt. Anders als sexueller Missbrauch, dem konkrete Handlungen durch den Täter zugrunde liegen, ist der Geistliche oder Spirituelle Missbrauch kaum greifbar. Wo sich etwa die eine Person in ihrem geistlichen Leben manipuliert und angegriffen oder emotional abhängig erkennt, kann der andere darüber nur achselzuckend hinwegsehen.
Frau aus dem Landkreis Bamberg hinterfragt Inhalte nicht
Die 60-jährige Marianne aus dem Landkreis Bamberg ist zum Beispiel so ein Mensch, der sich im traditionell-konservativen Milieu wohl fühlt und es weit von sich weist, möglicherweise geistlich missbraucht zu werden. Marianne stillt ihre persönlichen Bedürfnisse hinsichtlich Glaubensleben im Medjugorje-Gebetskreis, in Anbetungsstunden einer Ordensgemeinschaft oder besucht gelegentlich das Gebetshaus in Augsburg: „zusammen mit Bamberger Bekannten, die davon begeistert sind“, erzählt sie.
Lobpreis, Gebet, eine Hinwendung zu Gott, zu Jesus in einem engen Sinne genügen ihr. Eine fundierte und kritische Auseinandersetzung mit den im Gebetshaus verkündeten Glaubensinhalten – verpackt in freikirchlich-evangelikale Musikshows: Dafür sieht Marianne keine Notwendigkeit. Und auch nicht für eine notwendige Unterscheidung der Geister.
Das sind die Probleme mit der Aufarbeitung von Geistlichem Missbrauch
Damit beginnt für den Bamberger Generalvikar Georg Kestel das eigentliche Problem mit der Aufarbeitung von Geistlichem Missbrauch. „Wir wollen uns nicht davonstehlen“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion, „wir beobachten gewisse Vorkommnisse kritisch und prüfen sie.“ Doch Kestel bittet darum, „nicht jedes Handeln der Kirche unter den Verdacht von Missbrauch zu stellen“.
Für den Umgang mit sexuellem Missbrauch gebe es klare Regeln, auch eine gerichtliche Strafverfolgung der Täter. Für Geistlichen Missbrauch kennt das Gesetz bisher keinen Paragrafen. „Wie klassifizieren wir bei Geistlichem Missbrauch Verhalten?“, fragt Kestel. Jedenfalls seien bei ihm noch keine Meldungen aus dem Erzbistum eingegangen, die einen Tatbestand Geistlicher Missbrauch betroffen hätten. „Alle möglichen Beschwerden über Pfarrer gibt es aber schon“, räumt der Generalvikar ein.
Über 20 Geistliche Gemeinschaften im Erzbistum Bamberg
Was dagegen in den über 20 Geistlichen Gemeinschaften im Erzbistum Bamberg abläuft, bleibt weitgehend im Dunkeln. „Nach meinen Kenntnissen ist alles okay“, formuliert Domvikar Michael Dotzauer vorsichtig. Er ist Bischöflicher Beauftragter für die Geistlichen Gemeinschaften, trifft sich mit deren Verantwortlichen zwei Mal im Jahr. Ihm ist bewusst, dass unzulässige Über- und Eingriffe in das geistliche Leben von Mitgliedern durch einzelne Leitungspersonen – Laien wie Priester –, dass eine Verwechslung von Verantwortlichen mit der Stimme Gottes nicht auszuschließen sind: „Das Thema Geistlicher Missbrauch liegt zum Beispiel bei der Charismatischen Erneuerung auf dem Tisch, das weiß sie selbst.“ Ein von Erzbischof Herwig Gössl 2025 in Kraft gesetztes Dekret verpflichte alle Geistlichen Gemeinschaften zu transparenten Statuten bezüglich ihres Einsatzes. Nur etwa die Hälfte der Gemeinschaften habe bisher darauf reagiert, so der Domvikar.
Offen gibt die Bamberger Ordensreferentin, Schwester Claudia Hink, zu, dass es „Verdächtigungen von Geistlichem Missbrauch in Ordensgemeinschaften im Erzbistum gab und gibt“. Sie führt beispielsweise die Auerbacher Schulschwestern an: „Diese sind sich selbst bewusst, dass sie in einigen Bereichen andere Wege gehen müssen.“ Auch was sich in den verschiedenen Konventen indischer Ordensfrauen abspiele, sei nicht hinlänglich bekannt.
Problemfall Gebetsstätte Heroldsbach
Wer die in der Studie der Nordbistümer zugrunde liegende Definition von Geistlichem Missbrauch auf eine Einrichtung im Landkreis Forchheim anwendet, muss feststellen: In der marianischen Gebetsstätte Heroldsbach herrschen Bedingungen und religiöse Praktiken, theologische Überzeugungen und anthropologische Konzepte, die Missbrauch begünstigen. „Heroldsbach macht Sorgen“, seufzt Generalvikar Kestel, der Ort ziehe Gruppen an, „die noch über den Rändern stehen“. Hoffnungen auf eine gesunde Öffnung der Gebetsstätte setze er in den dortigen neuen Rektor, den Augustiner Chorherren Pater Markus Johannes Straubhaar.
Doch ein Blick auf die Heroldsbacher Homepage zeigt: Für den 9. Oktober 2026 ist ein Gottesdienst zum „77. Jahrestag der Erscheinungen in Heroldsbach“ angekündigt. Obwohl seitens der zuständigen kirchlichen Stellen die behaupteten „Heroldsbacher Erscheinungen“ der Jahre 1949 bis 1952 als nicht-übernatürlich beurteilt worden sind. Die Bamberger Bistumsleitung gestattet nicht – so betonte der damalige Erzbischof Karl Braun 1998 bei der Errichtung der Gebetsstätte als kirchliche Stiftung – in öffentlichen Gebeten, Predigten und Vorträgen Gegenteiliges zu vertreten.
Leiter der Gebetsstätte Heroldsbach nimmt Rücksicht auf eine Tradition
Auf den aktuellen Interneteintrag angesprochen, reagiert Pater Straubhaar verlegen: „Das war bisher so üblich, es ist extrem schwierig, das abzustellen.“ Und: „Viele ältere Leute sind extra nach Heroldsbach gezogen, weil es hier Ewige Eucharistische Anbetung Tag und Nacht gibt.“
Auch die Theologie mit verschiedenen Argumentationsmustern und Begriffen kann eine Legitimation von Geistlichem Missbrauch darstellen, so die neue systematische Studie. Gehorsam, Demut, Nachfolge, Hingabe, aber auch bestimmte theologische Denkformen seien für den Missbrauch instrumentalisiert worden. „Münster und Osnabrück haben zwei konkrete Fälle, wir noch nicht“, sagt der Generalvikar. Allerdings gewappnet, dass der unsichtbare Eisberg abschmelzen könnte.












