Deutschland war stets eine große Werfer-Nation, brachte mit Diskus, Speer, Kugel oder Hammer viele Europa- und Weltmeister und Olympiasieger hervor. Im Hammerwerfen hatte sowohl die DDR mit Ralf Haber(Chemnitz), der mit seinen 1988 geworfenen 83,40 Metern gesamtdeutscher Rekordhalter ist, Gunter Rodehau (Dresden/82,64), Matthias Moder (80,92) sowie Detlef Gerstenberg (Berlin/80,80) vier 80-Meter-Werfer. Die Bundesrepublik sogar sieben: Heinz Weis (83,04), Karsten Kobs (82,78), Holger Klose (82,22), Christoph Sahner (81,78), Klaus Ploghaus (81,32), Markus Esser (81,10) und Karl-Heinz Riehm (80,80).
Die deutschen Glanzzeiten im Hammerwurf liegen aber schon Jahre zurück. Die letzte Olympia-Medaille gab es vor 40 Jahren, als Karl-Heinz Riehm 1984 in Los Angeles Silber gewann. Bei Weltmeisterschaften 2011 holte Markus Esser Silber, der auch 2006 mit Bronze die letzte deutsche EM-Medaille gewann. Damals reichten ihm dafür 79,19 Meter.
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Hummel ist bester Deutscher seit 2011
Nun hat Deutschland endlich wieder einen Hammerwerfer von Weltniveau. Und der kommt aus Oberfranken. Als jüngster Teilnehmer im Feld belegte Merlin Hummel vom UAC Kulmbach bei der Europameisterschaft in Rom sensationell den 4. Platz. Im Finale im Olympiastadion von Rom schraubte er seine erst Ende Mai aufgestellte persönliche Bestmarke von 78,11 um mehr als einen Meter auf 79,25 Meter. Laut DLV-Statistik war es der erste 79-Meter-Wurf eines deutschen Athleten seit 2011, als Markus Esser 79,69 Meter erzielt hatte.
Lob von Bundestrainer Helge Zöllkau
Nicht nur die Kommentatoren der ARD, die Hummels Finalauftritt am Sonntagabend in die deutschen Wohnzimmer sendete, waren von der Leistungsexplosion des Oberfranken verblüfft. Auch Männer-Hammerwurf-Bundestrainer Helge Zöllkau zeigte sich überrascht. "Wir wussten schon, dass er so weit werfen kann. Aber zwei Mal Bestleistung zu werfen, das muss man in so einem Wettkampf und in diesem Alter erst einmal schaffen." Der 63-jährige erfahrene Trainer aus Leverkusen, der einst Speerwerferin Steffi Nerius zur Weltmeisterin geformt hat, konstatiert Merlin Hummel eine äußerst positive Entwicklung: "Er hat in allen Wettkämpfen in diesem Jahr stabil geworfen, das hatte schon eine andere Qualität als noch im vergangenen Jahr. Da hat er mit Martin Ständner sehr gut gearbeitet."
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Doch auch mit Hummels Leistungen 2023 war Helge Zöllkau sehr zufrieden, auch wenn er bei der Weltmeisterschaft in Budapest keinen gültigen Versuch auf den Rasen brachte. "Die WM war für ihn ein Zubrot, außerdem hatte er Probleme mit dem Rücken. Mit der Silbermedaille bei der U23-EM hat er das erfüllt, was wir von ihm erwartet haben."
Helge Zöllkau wertet Platz 4 und die direkte Olympia-Quali als Riesenerfolg. Der Bundestrainer hofft, dass sich der Kulmbacher nun bei Weiten zwischen 77 und 79 Metern stabilisieren kann und dass er bis Paris gesund bleibt. Dann traut er Merlin Hummel sogar auch bei den Olympischen Spielen eine Endkampfteilnahme zu.
Der zweite deutsche EM-Starter, der gleichaltrige Sören Klose von der LG Eintracht Frankfurt, schied schon in der Qualifikation mit mageren 72,96 Metern aus. Helge Zöllkau, der seit diesem Jahr auch Kloses Heimtrainer ist, sagt: "Ihn hat leider eine Erkältung zurückgeworfen. Dabei hätte auch er die Substanz für den Endkampf gehabt. Das wäre dann ein super Mannschaftsergebnis gewesen."
Merlin Hummel wie im Film
Zwei Stunden nach seinem großen Wurf steht Merlin Hummel für ein Telefonat zur Verfügung. Es ist kurz nach Mitternacht, der 22-Jährige ist gerade in sein Hotel zurückgekehrt und lässt sich eine Pizza schmecken. Ob er denn seine Leistung schon realisieren könne, lautet die erste Frage. "Noch nicht richtig. Der Wettkampf war saugeil, doch es fühlt sich alles noch ein wenig komisch an, wie im Film", sagt der Kulmbacher, der sich nach der Pizza noch ein Bierchen mit seinem Heimtrainer Martin Ständner an der Bar gönnen wollte. "Ein Besäufnis gibt es aber nicht, denn wir fliegen ja schon am Montagmittag zurück."
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Richtig Bock auf Olympia
Feiern wolle er erst daheim mit seinen Kumpels - aber natürlich nur dezent, wie es sich für einen Leistungssportler gehört. Denn nun beginnt der Countdown für Paris, wo Merlin Hummel am Freitag, 2. August, in der Qualifikation erstmals im Ring stehen und sich seinen großen Kindheitstraum von einer Olympia-Teilnahme erfüllen wird. "Ich bin superstolz und glücklich, dass ich die Quali-Norm endlich abhaken kann, nicht mehr auf die Weltranglistenpunkte schauen muss und mich voll auf Paris fokussieren kann", sagt der Athlet des UAC Kulmbach. "Darauf habe ich jetzt richtig Bock!"
Dann werden sicher noch mehr Deutsche vor dem Fernseher dem Kulmbacher die Daumen drücken, auch wenn das Interesse für Merlin Hummel schon durch die EM-Teilnahme immens gestiegen ist. "Es ist supergeil, wie viele Leute mitgefiebert haben. Es macht mich stolz, dass ich ihnen einen unterhaltsamen Abend bereiten konnte", sagt der oberfränkische Vorzeige-Leichtathlet mit jugendlicher Demut. Noch in der Nacht seien massenhaft Glückwünsche auf seinem Handy eingetroffen. "Auch Oberbürgermeister Ingo Lehmann hat schon geschrieben", verrät Hummel.
Den Wettkampf von Rom bezeichnet Merlin Hummel als "rein mentales Ding". Der 22-Jährige sagt: "Ich hatte nach dem Erreichen des Finales nichts zu verlieren. Der zweite Versuch über 78 Meter war sehr wichtig, danach habe ich den Wettkampf nur noch genossen und versucht, alles rauszukitzeln. Dass ich die Weite werfen kann, habe ich gewusst." Die Erfahrung, die er bei der Europameisterschaft gesammelt hat, sei für den Kopf und in Hinblick auf Olympia enorm wertvoll.
Auch die Weltklasse-Athleten hätten ihn mittlerweile wahr genommen. Den Olympiasieger und Europameister Wojciech Nowicki sei ganz nett. "Ich kenne ihn schon aus einem Trainingslager." Selbst der fünffache Weltmeister Pawel Fajdek, den Hummel in Rom hinter sich lassen konnte, habe "begriffen, dass ich da bin" und habe ihn in Rom mit einem Faustkontakt begrüßt.
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Angriffslustig und erfolgshungrig
Gegenüber "leichtathletik.de", dem Online-Portal des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, bezeichnete Merlin Hummel Platz 4 als "großartig, unbeschreiblich". Dass er so weit werfen könne, habe er schon gewusst. "Es ist bei mir Tradition, im letzten Versuch noch einen draufzusetzen, und es ist mir auch diesmal gelungen", so Hummel. Die Konkurrenten auf den Medaillenplätzen seien für ihn diesmal noch uneinholbar gewesen, weiß der Kulmbacher. Platz 4 sei "das Beste, "was ich erreichen konnte". Der 22-Jährige sagt: "Ich bin als Sechster angereist und wäre auch mit 75 Metern zufrieden gewesen."
Nach seinem 79,25-Meter-Wurf hat er aber nun Lust auf mehr, zeigte sich schon direkt nach dem Wettkampf äußerst angriffslustig und erfolgshungrig. "Die vorne sind ein paar Jahre älter, die hole ich mir alle noch!"













