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Kulmbacher Hammerwurf-Star
Vize-Weltmeister: "Ja, spinnt der Hummel?!"
Die drei Medaillengewinner bei der WM im Hammerwerfen: von links Merlin Hummel  (2.), Sieger Ethan Katzberg und Bence Halasz (3.).
Die drei Medaillengewinner bei der WM im Hammerwerfen: von links Merlin Hummel (2.), Sieger Ethan Katzberg und Bence Halasz (3.). // Stefan Mayer, Eibner-Pressefoto)
Kulmbach/Tokio – Merlin Hummel hat bei der Leichtathletik-WM in Tokio mit Silber im Hammerwerfen alle Erwartungen übertroffen. Das sagen er und sein Trainer.

Ein Kulmbacher hat Leichtathletik-Geschichte geschrieben. Denn Merlin Hummel war als Silbermedaillengewinner Teil des besten WM-Finales im Hammerwerfen aller Zeiten. Die Siegerweite von 84,70 Metern des Kanadiers Ethan Katzberg war Meisterschaftsrekord.

Und die  82,06 Meter des viertplatzierten Ukrainers Mykhaylo Kokhan reichten nur zu Platz 4. Mit dieser Weite hätte er in den vergangenen Jahren bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen eine Medaille sicher gehabt.

Die Silbermedaille bescherte dem Kulmbacher auch ein Preisgeld in Höhe von knapp 30.000 Euro. Sieger Ethan Katzberg durfte sich über die doppelte Prämie freuen, für Bronze gab es rund 10.000 Euro.

Stolzer Kulmbacher: Merlin Hummel mit der Silbermedaille.
Stolzer Kulmbacher: Merlin Hummel mit der Silbermedaille. // Michael Kappeler, dpa

Das Hammerwurf-Finale der Männer im mit 60.000 Zuschauern vollbesetzten Olympia-Stadion von Tokio begann schon mit einer absoluten Weltklasse-Weite. So meldete der Weltjahresbeste  Bence Halasz aus Ungarn  seine Ansprüche auf eine Medaille mit 81,52 Metern vehement an. Doch der Favorit und Titelverteidiger Ethan Katzberg antwortete sofort: 82,66 Meter.

Nur 70 Zentimeter fehlen zum Deutschen Rekord

Merlin Hummel ging als Letzter des Zwölfer-Feldes in den Ring. Wie immer ganz cool. Und der Kulmbacher ließ den besten Wurf seiner Karriere vom Stapel: 82,77 Meter, elf Zentimeter weiter als der Olympiasieger Katzberg und nur knapp 70 Zentimeter hinter dem Deutschen Rekord von Ralf Haber (83,40) aus dem Jahr 1988.

Hammerwerfer Merlin Hummel feierte den größten Erfolg seiner Karriere.
Hammerwerfer Merlin Hummel feierte den größten Erfolg seiner Karriere. // Michael Kappeler, dpa

Damit lag Hummel nach dem ersten Durchgang der zwölf Finalisten sensationell auf Platz 1. Der ZDF-Moderator bei der Live-Übertragung war aus dem Häuschen: "Ja spinnt denn der? Merlin Hummel schockt die Hammerwelt!"

Doch einer ließ sich davon nicht beeindrucken. Der ebenso wie Hummel erst 23-jährige Kanadier Ethan Katzberg schleuderte das 7,25 Kilo schwere Sportgerät auf 84,70 – persönliche Bestleistung, der fünftbeste Hammerwurf der Geschichte,  Weltmeisterschafts-Rekord und nur noch 2,04 Meter vom Weltrekord von Jury Sedych (Sowjetunion) aus dem Jahre 1989 entfernt.

Die restlichen Medaillenkandidaten taten sich dagegen schwer. So gelangen dem Ukrainer Mikhaylo Kokhan und dem US-Amerikaner Rudy Winkler jeweils erst im dritten Versuch gültige Würfe, die sie gerade noch vor dem Aus bewahrten. Winkler, der heuer schon 83,16 Meter in den Rasen gezaubert hatte, enttäuschte in Tokio mit 78,52 Metern und wurde am Ende Fünfter. Der Weltranglisten- und Olympia-Dritte Kokhan lag nach vier Versuchen mit nur 79,51 Metern auf Rang 4.

Und was machte Merlin Hummel? Der schleuderte auch beim zweiten Versuch den Hammer über 80 Meter (80,71) und konnte sich danach einen ungültigen dritten Versuch leisten. Denn die Konkurrenz biss sich an seiner Weite die Zähne aus. Zittern war lediglich bei Kokhans fünftem Versuch angesagt, der auf 82,02 Meter flog.

Mit jedem Versuch wurde die Konkurrenz kleiner. Nur die besten Sechs durften noch ein sechstes Mal in den Ring steigen. Als noch vier Athleten - Kokhan, Halasz, Hummel und Katzberg - ran durften, wurde eine WM-Medaille für den Kulmbacher immer greifbarer.  Kokhan setzte seinen letzten Wurf in den Sand - Merlin Hummel hatte schon mal Bronze sicher – und zeigte mit dem Scheibenwischer, dass er selbst das schon für verrückt hielt.

Ethan Katzberg aus Kanada jubelt im Hammerwurf Finale.
Ethan Katzberg aus Kanada jubelt im Hammerwurf Finale. // Michael Kappeler, dpa

Die Spannung war weg

Doch es sollte noch besser kommen. Denn Bence Halasz übertrat bei seinem letzten Versuch. Jetzt war Merlin Hummel Vize-Weltmeister. Mit diesem Wissen stapfte der 110-Kilo-Modellathlet noch ein letztes mal in den Hammerwurf-Käfig von Tokio - mit einem Grinsen im Gesicht. Konnte er Ethan Katzberg noch einmal angreifen? Nein, denn die dafür nötige Energie war aufgebraucht, die Spannung weg. Merlin Hummel glaubte offenbar selbst nicht mehr daran, noch einmal zwei Meter draufsatteln zu können und leistete sich noch einen ungültigen Versuch. Platz 2 war für den Kulmbacher aber schon ein sensationeller Erfolg und die dritte Silbermedaille für Deutschland bei dieser WM. 

"Ich bin natürlich unheimlich stolz auf den Jungen. Was er heute abgeliefert hat, war sau-, saustark", frohlockte sein Heimtrainer Martin Ständner, der Merlin Hummel während des Wettkampfs von der Tribüne aus coachte. Zu den ersten Gratulanten zählten auch Merlins Bruder Matti, U20-EM-Teilnehmer im Hammerwerfen sowie Bundestrainer Helge Zöllkau. 

Hummel will Katzberg angreifen

Ethan Katzberg war für Hummel bei dieser WM noch eine Nummer zu groß. Denn der Kanadier  hätte an diesem Tag auch mit zwei weiteren Versuchen auf 83,07 und 83,73 Metern Gold geholt. Doch Hummel möchte künftig schon an der Vormachtstellung des Kanadiers rütteln, wie sein Trainer Martin Ständner gleich nach dem Wettkampf ankündigte: "Merlin ist aktuell in der Form seines Lebens und hat sich zuletzt immer näher an Ethan Katzberg herangepirscht. Diesmal war er noch vorne ...  Aber wenn einer wie Merlin erst 23 Jahre ist und schon 82,77 Meter werfen kann, sollte das nicht schon seine Lebensbestleistung bleiben."

WM Tokio Leichtathletik
Martin Ständner hat Merlin Hummel im Alter von zwölf Jahren erstmals unter seine Fittiche genommen und ihn zum Vize-Weltmeister geformt. In Tokio durfte der Trainer der Wurfgruppe des UAC Kulmbach/TSV Stadtsteinach seinen Schützling als offizieller DLV-Trainer betreuen. // ZDF, Screenshot Christian Schuberth

Für Ständner ist die WM-Silbermedaille auch eine Bestätigung für seine Philosophie des behutsamen Aufbaus von Athleten. "Wir gehen mit Merlin einen langen, kontinuierlichen Weg." Der Kulmbacher Trainer ist fest davon überzeugt, dass in Hummel noch einiges Potenzial schlummert. Und das möchte Ständner mit neuen Ansätzen wecken, etwa einem interdisziplinären Austausch. "Ich werde mich mal mit dem Trainer des Diskus-Weltmeisters unterhalten. Ich glaube, davon können beide Seiten profitieren."

Hummel: "Ich habe es so genossen"

Merlin Hummel bekam das Grinsen an diesem Abend nicht mehr aus dem Gesicht. "Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Ich habe nur versucht, einen guten Job zu machen", sagte er im ersten Interview nach dem Wettkampf am ZDF-Mikrofon. Dass er schon mit dem ersten Versuch, normalerweise ein Sicherheitswurf, Silber gewinnen würde, damit hätte er selber nie gerechnet. "Ich wollte den ersten Wurf eigentlich locker machen." Als er aber während der Drehung gefühlt habe, dass die Kugel weit fliegen werde, habe er "noch einmal Druck reingelegt".

Trainer Martin Ständner machte kurz nach dem Wettkampf dieses Handy-Foto von seinem Schützling, der in Tokio sensationell WM-Silber holte.
Trainer Martin Ständner machte kurz nach dem Wettkampf dieses Handy-Foto von seinem Schützling, der in Tokio sensationell WM-Silber holte. // Martin Ständner

Danach schnappte sich Merlin Hummel wieder seine Deutschland-Fahne, mit der er schon eine Ehrenrunde durchs Olympiastadion von Tokio drehte. Und sagte zum Abschied ins ZDF-Mikrofon über den Wettkampf seines Lebens: "Ich habe es so genossen."

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