Als die deutschen Ski-Asse Linus Straßer, Kira Weidla, Emma Aicher oder Romed Baumann die Schlüssel für ihre nagelneuen Allrad-Kombis überreicht bekommen, steuert Jacob Schramm schon seinen Privatwagen über die A9 Richtung Frankenwald. Vom Status eines Stars ist der Frankenwälder noch ein gutes Stück entfernt. Aber immerhin darf er sich mittlerweile Weltcup-Fahrer auf seine Visitenkarte schreiben. Um in den Genuss eines Sponsoren-Autos aus Ingolstadt zu kommen, muss Jacob Schramm noch ein paar Sekunden schneller werden.
Jacob Schramm: Weltcup-Saison in den Startlöchern
Aber er arbeitet daran, wird kontinuierlich besser. Auch deshalb steht der 25-Jährige vor seinem ersten kompletten Weltcup-Winter. Los geht es am 6. Dezember mit einer Abfahrt in Beaver Creek in den USA. Es folgen Rennen in den Top-Destinationen des Wintersports wie Wengen, Gröden, Kitzbühel, Bormio, Garmisch-Partenkirchen oder Crans Montana.
Für den gebürtigen Kulmbacher wird ein Traum wahr, nachdem er noch in der vergangenen Saison vornehmlich im zweitklassigen Europacup fahren musste. Drei Mal durfte er aber schon Weltcup-Luft schnuppern, sogar auf der berühmten „Streif“ in Kitzbühel. Der Oberfranke schlug sich für seine Jungfernfahrt auf der vielleicht schwierigsten Rennstrecke der Welt achtbar und kam mit rund 3,5 Sekunden Rückstand auf Platz 50.
Jacob Schramm dabei: DSV kleidet Athleten ein
Schramm reiste direkt vom Schneetraining auf dem Gletscher von Sölden nach Nürnberg. Den Einkleidungs-Termin für Athleten, Trainer und alle anderen Mitarbeiter des Deutschen Skiverbandes verband der 25-Jährige mit einem Abstecher zu seinen Eltern in Eppenreuth (Gemeinde Grafengehaig) im Landkreis Kulmbach.
Fünf Winterjacken, fünf paar Handschuhe, einen Pack Skisocken, wasserdichte Winterschuhe, neue Ski-und Sonnen-Brillen schleppt Jacob Schramm in zwei großen Taschen aus der Messe Nürnberg mit nach Hause. „Wir dürfen alles behalten, aber nicht weiterverkaufen“, erklärt Schramm, der nach bereits acht Jahren als Nationalkaderathlet und folglich acht Einkleidungen inzwischen eine schöne Sammlung an Klamotten und Ausrüstungsgegenständen sein Eigen nennen kann.
Alle Ausrüster des DSV haben in der Messe Nürnberg ihre Stände aufgebaut, an denen die Kadermitglieder ihre vorbestellten Utensilien nur noch abholen müssen. Sogar Sonnencreme gibt es. „Die Firma gehört Manuel Neuer und Angelique Kerber“, weiß Schramm.
Airbag-Pflicht kommt auch im Skisport
Ski und Skischuhe gibt es in Nürnberg natürlich nicht. Auch keine Rennanzüge. „Die werden maßgeschneidert“, erklärt Schramm. Und sie haben heuer sogar eine besondere Sicherung eingebaut, denn der Ski-Weltverband macht Airbags für die Athleten verpflichtend. Sie blasen sich bei einem Sturz auf und sollen mit ihren Luftpolstern zusätzlich zu den altbekannten Rückenprotektoren den Oberkörper schützen. Schramm ist aber noch skeptisch: „Der Airbag engt einen beim Fahren schon etwas ein. Ich bräuchte ihn nicht unbedingt.“
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40 Paar Ski für eine Saison vom Ausrüster
Als Weltcup-Fahrer bekommt Schramm inzwischen nur noch Top-Material. Rund 40 Paar Ski hat er für eine Saison, von seinem Hersteller Head bekommt er für jede Saison vier neue Sets. „Dafür fliegen immer mal ein paar abgenutzte Ski raus“, erklärt Schramm.
Welche Ski er aus seinem großen Arsenal auswählt, hängt von Disziplin und Rennstrecke ab. „Ich habe etwa 15 Ski für die Abfahrt. Gefahren wird immer der Ski, der am schnellsten ist. Dafür haben wir ein eigenes Testteam im Hintergrund, das alle Ski drei Mal die Piste runter fährt und dann schaut, welcher am besten geht.“
Schramm fährt in dieser Saison auch Bindungen, die ihm Josef Ferstl nach seinem Karriereende überlassen hat. „Wir haben den gleichen Servicemann“, sagt der Oberfranke.
Fünf Paar Skischuhe hat Jacob Schramm zur Auswahl, jede Saison gibt es zwei neue. Wie viele normale Skifahrer hat auch Schramm immer mal wieder Druckstellen an den Füßen. „Die Rennstiefel sind so fest zugespannt, dass man es höchstens fünf Minuten darin aushält. Ich habe vor allem mit Überbeinen am Zeh immer wieder Probleme“, verrät der Frankenwälder.
Das Problem-Knie hält
Ansonsten kann Schramm aber aktuell nicht klagen. Das Knie, an dem er schon zwei Mal wegen eines Knorpelschadens operiert werden musste, bereitet keine Probleme mehr. „Die Vorbereitung über den Sommer war top“, sagt der 25-Jährige, der vor allem rund um seine Wahlheimat Berchtesgaden trainiert hat.
Rund 3000 Kilometer auf dem Rad hat Schramm über den Sommer heruntergespult. Und das hat sich ausgezahlt: „Ich habe kräftemäßig mein Niveau gehalten und in der Ausdauer einen guten Schritt nach vorne gemacht.“
Trainingslager in Chile: Schramm "nicht zufrieden"
Im August reiste Schramm mit der deutschen Ski-Nationalmannschaft in ein vierwöchiges Trainingslager nach Chile, wo er auch bei drei Rennen zur Südamerika-Meisterschaft startete. Nach zwei Bestzeiten im Training war er aber mit seiner Wettkampfleistung nicht so zufrieden. „Ich bin vielleicht etwas verkrampft gefahren“, meint der Oberfranke. Kein neues Problem für Schramm, der deshalb auch mit einem Sportpsychologen des Deutschen Skiverbandes arbeitet.
Denn der Oberfranke weiß, dass der Weg zum Weltklassefahrer nur über mentale Stärke führt. Skifahrerisch braucht er sich schließlich hinter den wenigsten im Weltcup verstecken. „Die Herausforderung ist, Strategien zu entwickeln, wie man mit Erwartungen, Enttäuschungen und Selbstzweifeln zurechtkommt. Das ist ein ständiger Prozess“, sagt Schramm.
Natürlich gehe er bei jedem Rennen mit dem Ziel an den Start, locker zu bleiben und sich nicht verrückt machen zu lassen. „Das klappt mal besser, mal schlechter“, gesteht der Oberfranke, der sich deshalb immer wieder selbst bewusst macht, dass er schon weiter gekommen ist, als es dem Flachlandtiroler aus Franken viele zugetraut hätten. Schramm weiß, dass die beste Einstellung wäre, „den Weltcup zu genießen“. Schließlich sei „alles, was jetzt noch kommt, Zugabe“.
Vielleicht auch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Februar in Saalbach-Hinterglemm? Auch wenn er die Teilnahme an einer WM und Olympischen Spielen auf seiner Internetseite als großes Ziel nennt, mag Schramm von Saalbach aktuell nicht träumen. „Ich traue mir das schon zu, aber zunächst muss mein Ziel sein, unter die besten 30 im Weltcup reinzufahren und eine bessere Startnummer zu bekommen“, erklärt der Eppenreuther.
Weltcup-Starts scheinen sicher
Die Trainer geben ihm dabei jedenfalls die nötige Zeit. Der deutsche Speed-Cheftrainer Andreas Evers traut Jacob Schramm schon zu, dass er sich dauerhaft im Weltcup etablieren kann – „wenn er gesund bleibt“. Der Bundestrainer sagt: „Jacob hat das Potenzial dazu und bemüht sich sehr. Aber ganz nach oben zu kommen, ist auch eine Kopfsache.“ Und eine Frage der Erfahrung, meint Evers. „Gerade im Speed-Bereich brauchst du viel Routine. Da muss man sich langsam an das Top-Niveau herantasten.“ Dass Aufsteiger aus dem Europacup wie Schramm gleich im Weltcup vorne mitfahren sei möglich, allerdings die Ausnahme.
Für Andreas Evers ist Schramm heuer fest für die Weltcup-Rennen eingeplant. Nach dem Karriereende der Stars Thomas Dreßen und Josef Ferstl stehen dem DSV für Abfahrt und Super G je acht Weltcup-Startplätze zur Verfügung – die er angesichts des dünnen Speed-Kaders wohl nicht einmal füllen kann.
Neues Aushängeschild im Team von Andreas Evers ist der mittlerweile 38-jährige Romed Baumann, der noch eine Saison dranhängt. Dahinter folgen die arrivierten Andreas Sander (35) und Simon Jocher (28) sowie die „Azubis“ Jacob Schramm (25) und Luis Vogt (22).
„Die Mannschaft befindet sich im Umbruch, das ist ein normaler Prozess. Die jungen Fahrer sollen drauf los fahren und positiv überraschen – große Erwartungen müssen sie aber noch nicht erfüllen“, sagt Evers.
Christian Schwaiger: "Zweite Garde muss sich etablieren"
Ähnlich formuliert es Chef-Bundestrainer Christian Schwaiger. „Im Speed-Bereich sind wir gerade wieder am Anfang. Nun muss sich die zweite Garde im Weltcup etablieren. Das geht nur über harte Arbeit, Vertrauen finden und besser Startnummern.“
Was er speziell von Schramms erster Weltcup-Saison erwartet? „Er muss jetzt vom erfolgreichen Europacup-Fahrer zum soliden Weltcup-Fahrer werden, Erfahrungen sammeln und vielleicht mal unter die besten 30 fahren“, sagt Schwaiger, der den Oberfranken jüngst beim Training in Sölden beobachtet hat.
Dort standen allerdings aus dem A-Kader nur Baumann und Schramm auf Skiern, denn Sander, Jocher und Vogt sind aktuell verletzt. Mit seinen Leistungen in Sölden konnte Schramm gut leben. „Ich habe mich in den letzten Trainingslagern im Pitztal und in Sölden stetig verbessert und bin immer mehr an Romed Baumann rangefahren“, sagt der Frankenwälder.
In Sölden durfte er übrigens prominente Bekanntschaft machen, denn Lindsay Vonn nutzte den ausgeflaggten Parcours des deutschen Weltcup-Teams zu ein paar Trainingsfahren. Damit nährte die 40-jährige zweitbeste Skifahrerin der Geschichte das Comeback-Gerücht. Passende Wintersportbekleidung sollte sie noch genügend haben…















