0
Kulmbacher Ski-Talent
Warum ein Zwölfjähriger daheim auszieht
Skispringer Finn Weigel aus Katschenreuth
Der Kulmbacher Finn Weigel posiert im Skisprung-Stadion von Oberstdorf. Auf der großen K106-Schattenbergschanze möchte der Zwölfjährige später natürlich auch einmal springen, am liebsten natürlich bei der berühmten Vierschanzentournee. Aktuell muss er noch mit einer der benachbarten kleinen Anlauftürme vorliebnehmen. // 
In den Herbstferien trainierte Finn Weigel in der Skisporthalle von Oberhof erstmals wieder auf echtem Schnee.
In den Herbstferien trainierte Finn Weigel in der Skisporthalle von Oberhof erstmals wieder auf echtem Schnee. // privat
Kulmbach/Katschenreuth – Es ist ein großer Schritt für einen Zwölfjährigen, die Familie zu verlassen. Der Kulmbacher Finn Weigel hat das jetzt getan - alles nur für die die große Wintersport-Karriere.

Finn Weigel weiß ganz genau, was er will. Nämlich ein kommender Wintersport-Star werden, der an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teilnimmt. Obwohl erst zwölf Jahre alt, hat der Katschenreuther sein Leben schon ganz auf den Sport ausgerichtet. Und nun einen mutigen Schritt gemacht. Finn ist von Kulmbach nach Klingenthal umgezogen,  um dort die Elite-Schule des Sports zu besuchen.

Dafür hat er im Sommer auf fünf von sechs Wochen Sommerferien verzichten müssen. Denn das neue Schuljahr in Sachsen begann schon ein Jahr nach Ende des alten in Bayern. Doch dieses Opfer hat der junge Katschenreuther gerne gebracht. Schließlich wollte er unbedingt an den Olympia-Stützpunkt im Vogtland wechseln, um seiner Wintersport-Karriere einen weiteren Schub zu geben.

Lesen Sie auch:

Spezialisierung oder nicht?

Finn zählt aktuell zu den größten Talenten seiner Altersklasse in der Nordischen Kombination, bestehend aus Skispringen und Langlauf. Ob er Kombinierer bleibt oder sich noch auf eine Disziplin spezialisiert, weiß der junge Katschenreuther jetzt noch nicht. "Ich war immer im Langlauf besser, bin seit dieser Saison aber im Skispringen stärker", sagt der Zwölfjährige. Doch mit einer Entscheidung kann er sich noch Zeit lassen. "Erst mit 14 Jahren sollte er seine Wahl getroffen haben", meint Finns Mutter Katharina.

Der Kulmbacher Finn Weigel gehört  zu den größten deutschen Talenten im nordischen Wintersport.
Der Kulmbacher Finn Weigel gehört zu den größten deutschen Talenten im nordischen Wintersport. // privat

Wer einen der 38 Internatsplätze an der Sportschule Klingenthal ergattern will, muss zunächst ein Auswahlverfahren durchlaufen. Neben den sportlichen Erfolgen spielen auch schulische Leistungen und ein Sporttest eine Rolle. "Kein Problem", sagt Finn Weigel selbstbewusst, seien die Prüfungen in den verschiedensten Bereichen wie Schnelligkeit, Beweglichkeit, Turnen oder Sprungkraft gewesen.  Nun teilt er sich mit dem gleichaltrigen Arik Strein aus Partenkirchen, einem seiner Hauptkonkurrenten in der Schülerklasse 13, eine Wohneinheit im Erzgebirge.

Dass er schon in diesem jungen Alter sein Elternhaus verlassen hat, nimmt der ehrgeizige Finn sportlich: "Natürlich vermisse ich sie schon etwas, aber ich kenne ja viele in Klingenthal schon vom Sport." Etwa die aus Himmelkron stammende und zuletzt mit ihrer Familie in Erding lebende Magdalena Hacker, die ebenfalls für den SC Bischofsgrün startet und zu den größten weiblichen Talenten im Nordischen Skisport zählt. So hat sich Finn Weigel in den wenigen Wochen schon bestens in seiner neuen Heimat eingelebt.

Lesen Sie auch:

Obwohl es auch in Berchtesgaden eine Eliteschule für Wintersportler gibt, haben sich auch einige Talente aus Oberbayern für den Umzug nach Klingenthal entschieden. Und das hat seinen Grund, wie Katharina Weigel erklärt:  "In Berchtesgaden nehmen sie Kinder erst ab 14 Jahren." Ein Pluspunkt für Klingenthal, denn zwei Jahre weniger optimale Förderung könnten ja später die entscheidenden Meter oder Sekunden und damit vielleicht auch die große Karriere kosten. 

Über die Straße zum Training

Natürlich ist es Katharina und Mathias Weigel nicht leicht gefallen, ihren erst zwölfjährigen Sohn in die Fremde ziehen zu lassen.  "Emotional ist es irgendwie schon schwer. Aber wir wussten, dass der Sport Finns Leidenschaft ist, dass er dafür brennt und dass er es nun wesentlich leichter haben wird."

Denn jetzt ist es vorbei mit dem stressigen Alltag, bestehend aus Schule und regelmäßiger Fahrerei ins Fichtelgebirge. "Es war schon schwierig, Sport und Schule zu verbinden", sagt Finn Weigel, der in Klingenthal ganz kurze Wege zwischen Wohnung, Schule und Sportstätten hat. "Nach der Schule gibt es Mittagessen, dann gehen wir über die Straße zum Training am Olympiastützpunkt", erzählt Finn Weigel.

Trainiert wird jeden Tag, auch am Montag noch nach dem einzigen Nachmittagsunterricht der Woche. Das Grundlagentraining besteht aus Crossläufen, Kraft-, Koordinations- und Stabilitätsübungen. Langlauf wird zumeist auf Inlinern simuliert, zwei, drei Mal die Woche wird auf den Mattenschanzen im Ortsteil Mühlleiten gesprungen. Schnee spielt für den Nordischen  Sport eine immer geringere Rolle. "Ich bin in meinem Leben schon viel mehr auf Matten als auf Schnee gesprungen", sagt Finn Weigel. 

Auch nach dem offiziellen Training haben die Internatsschüler oft noch nicht genug von Bewegung, denn dann wird noch ein wenig Fußball gespielt. Damit hat Finn Weigel bei seinem Heimatverein VfR Katschenreuth, bei dem sein Vater Mathias im Sturm spielt, aus Zeitgründen aber aufhören müssen.

Der Kulmbacher Finn Weigel gehört  zu den größten deutschen Talenten im nordischen Wintersport.
Der Kulmbacher Finn Weigel gehört zu den größten deutschen Talenten im nordischen Wintersport. // privat

Mutter Katharina Weigel fühlt sich über Schul-App gut informiert und freut sich, dass die Verantwortlichen in Klingenthal in regem Austausch stehen:  "Jeden Dienstag setzen sich Lehrer und Trainer zusammen und besprechen, wo es Probleme gibt und wie sich das Kind entwickelt."

Deutschland-Cup startet in Winterberg

Nur eineinhalb Stunden Fahrt mit dem Auto sind es von Katschenreuth bis Klingenthal. "Das ist nicht aus der Welt", sagt Katharina Weigel. Alle drei Wochen kommt der Zwölfjährige nach Hause, die Eltern begleiten ihn im Gegenzug so oft wie möglich zu den Wettkämpfen. Jetzt im Oktober nehmen sie gleich zwei Mal die Reise nach Winterberg im Hochsauerland in Angriff.

An diesem Wochenende steht dort der Warsteiner-Cup auf dem Programm, den Finn als Vorbereitungswettkampf für den Deutschen Schülercup vom 17. bis 20. Oktober an gleicher Stelle nutzt. Finn Weigel möchte in dieser Serie heuer weiter vorne landen, war er doch mit seinem 10. Platz unter rund 30 Startern in der abgelaufenen Saison überhaupt nicht zufrieden. "Da war ich nicht gut", sagt der ehrgeizige Katschenreuther.

Der Kulmbacher Finn Weigel gehört  zu den größten deutschen Talenten im nordischen Wintersport.
Der Kulmbacher Finn Weigel gehört zu den größten deutschen Talenten im nordischen Wintersport. // privat

Obwohl er erst zwei Monate in Klingenthal ist, habe sich der Wechsel schon jetzt bezahlt gemacht, meint Finn. "Ich habe jetzt jeden Tag Training und merke, dass ich besser geworden bin", sagt der Zwölfjährige, der sich vor allem im Springen gesteigert hat. Und in der Tat kann er seitdem etliche Top-Platzierungen vorweisen. So gewann er beim Sachsen-Pokal in Rodewisch das Spezialspringen und wurde Zweiter in der Nordischen Kombination. Beim Sachsen-Pokal am Kottmar war er erneut im Springen nicht zu schlagen und siegte auch in der "Kombi".

Sieg beim Bayerncup in Bischofsgrün

Und im September gewann der Kulmbacher den Bayerncup auf seinen Heimanlagen in Bischofsgrün und Neubau. Finn Weigel flog auf der großen Ochsenkopfschanze 69 Meter weit und landete damit fünf Meter über dem kritischen Punkt. Im zweiten Versuch kam der Zwölfjährige noch auf 62 Meter. Damit ging er mit einem komfortablen Vorsprung in den abschließenden Rollerskilauf über 3,75 Kilometer. "Beim Laufen musste ich mich gar nicht mehr arg anstrengen", sagt Finn Weigel, der die Strecke in 9:49 Minuten absolvierte und damit auch die Kombination gewann.

Der Kulmbacher Finn Weigel gehört  zu den größten deutschen Talenten im nordischen Wintersport.
Der Kulmbacher Finn Weigel gehört zu den größten deutschen Talenten im nordischen Wintersport. // privat

Die Entscheidung, an die Sport-Schule nach Klingenthal zu wechseln, bezeichnet Philipp Roderer als "richtig" - auch wenn der am Stützpunkt Bischofsgrün tätige Trainer des Bayerischen Skiverbandes damit seinen Schützling verloren hat. "Wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, muss man immer individuell sehen. Bei Finn ist er aufgrund seines Talents und der weiten Anreise von seinem Wohnort nach Bischofsgrün jetzt ideal. Nun kann er sich ganz auf Schule und Sport konzentrieren."

Im Januar wechselt dann mit Fabian Hempel ein weiterer Athlet aus Roderers Trainingsgruppe ans Internat nach Klingenthal. Weigel, Hacker und Hempel werden aber weiter für den SC Bischofsgrün und den Bayerischen Skiverband starten. Roderer bleibt also für sie verantwortlich.

Trainer warnt vor zu hohen Erwartungen

Philipp Roderer freut sich natürlich über den Ehrgeiz und den Trainingsfleiß von Finn Weigel. "Er kann mit seinen bisherigen Leistungen absolut zufrieden sein. Zehnter in Deutschland zu werden, das ist schon was, zumal es keine Riesenabstände nach vorne sind." Doch gleichzeitig warnt Roderer vor "zu hohen Erwartungen, die in diesem Alter falsch sind". Der Stützpunkttrainer sagt: "Die jungen Sportler müssen erst einmal durch die Pubertät kommen. Da kann es sein, dass man zwei Zentimeter wächst und plötzlich ein Leistungsabfall eintritt, den man nicht erklären kann." Deshalb sei es auch die Aufgabe der Trainer, den Ehrgeiz der Kinder zu bremsen: "Wir erwarten in dem Alter noch keine Höchstleistungen."

Lesen Sie auch:

Natürlich träumt auch ein Wintersportler wie Finn Weigel von der Teilnahme an Olympischen Spielen. Wenn 2030 die übernächsten Winter-Spiele in den französischen Alpen ausgetragen werden, wird es wohl noch nicht klappen. Aber 2034 in Salt Lake City - dann ist der Katschenreuther 22 Jahre alt - könnte er der erste Kulmbacher Winter-Olympionike sein - wenn ihm nicht Weltcup-Abfahrer Jacob Schramm aus Eppenreuth bei Grafengehaig mit der Qualifikation zuvorkommt. Oder wenn Skispringen nicht vom Winter- ins Sommerprogramm der Olympischen Spiele wandert. Denn diese Möglichkeit wird angesichts des Klimawandels und des Schneemangels bereits ernsthaft diskutiert.

Inhalt teilen
  • kopiert!