Festspielzeit in München: Die Bayerische Staatsoper feiert den Höhepunkt ihrer Saison mit einer neuen Version von Richard Wagners «Walküre». Der Hamburger Opernintendant Tobias Kratzer inszeniert bei den Münchner Opernfestspielen mit Wagners berühmtem Musikdrama um liebende Zwillinge und eine verstoßene Tochter den zweiten Teil des «Ring des Nibelungen» nach seiner «Rheingold»-Neuinszenierung im Oktober 2024.
Folgen einer wiedererstarkten, kämpferischen Religion
Dabei geht es auch um die Religion. «Auch wenn Religion nicht das einzige Thema ist, das in der "Walküre" durchgespielt wird, so sehen wir doch auch die Folgen, die die wiedererstarkte Religion hat. Wir sehen, welche Konsequenzen der Wotanskult auf das Moralleben, auf das Intimleben der Einzelnen, auch auf die Kernfamilie hat. Das sehen wir bei Hunding und Sieglinde», sagt Kratzer im Interview der Deutschen Presse-Agentur.
«Und wir sehen auch, dass das eine sehr wehrhafte Religion ist und dass Wotan aufrüstet. Es ist definitiv keine pazifistische Religion, sondern ein durchaus bellizistischer Kult - so wie das ja leider auch für viele Religionen der Welt gilt oder galt. Auch das ist in diesem Stück enthalten.»
Auch wenn Wagners Oper schon 1870 uraufgeführt wurde - sie kann aus Sicht von Dirigent Vladimir Jurowski auch der Generation Instagram noch etwas sagen: «Ich glaube, dieses Weltendrama, dieses Weltenepos ist tatsächlich so stark, dass, solange es Menschen auf der Erde gibt, sie den "Ring" in irgendeiner Form spielen werden», sagt er der dpa.
«Man kann dieses Stück auch in viel kleinerer Besetzung erleben, und das Stück wird dadurch nicht schlechter. Wagners Tetralogie gehört zu den absoluten Schätzen unserer abendländischen Hochkultur, wie die griechischen Dramen oder Shakespeare oder Goethe oder Puschkin. Aber: Auf TikTok spielt man ja auch den Walkürenritt, also gehört der "Ring" inzwischen tatsächlich allen.»
Ist Wagners «Ring» tatsächlich «instagrammable»?
Es sei zwar nicht das erste Ziel der Inszenierung, sie sei aber «durchaus instagrammable, wie man allein schon an unserer "Gott ist tot"-Plakatkampagne gesehen hat», sagt Kratzer. «Ich bin da ganz bei Vladimir, das schließt sich überhaupt nicht aus. Ich habe auch das Gefühl, dass das "Rheingold" sozusagen ein echter All-Ager-Erfolg war. Das Tolle am "Ring" im Vergleich zu anderen Stücken, ist, dass es jetzt nicht ein Stück ist, das nur durch seine fünfte interpretatorische Ableitung lebt, sondern dass es in jeder Darbietungsform erstmal die Möglichkeit zu einer sehr existenziellen Erfahrung bietet, unabhängig von seinem dann doch manchmal ein wenig aberwitzigen Plotverlauf. Es geht um Elternschaft, das Verhältnis zwischen den Generationen, man kann ganz elementare existenzielle Erfahrungen mit dem Stück machen.»
Zum 150-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele wird nach dem Skandal um die - dann wieder zurückgenommene - Ausladung des jüdischen Publizisten Michel Friedman derzeit die Auseinandersetzung mit den antisemitischen Tendenzen Wagners und die Vereinnahmung seiner Musik durch Adolf Hitler und den Nationalsozialismus diskutiert.
Jurowski sagt über Wagners Werk: «Wagners Opern haben das NS-Regime und das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt. Etwas Schlimmeres für die Wagner-Rezeption als Hitlers persönliche Sympathie für Wagner und seine persönliche Vorliebe für seine Werke hätte es wohl nicht geben können. Und doch ist Hitler lange tot, das NS-Regime – Gott sei Dank – längst Geschichte, und Wagners Opern werden fast überall in der Welt nach wie vor gespielt.»
Die Münchner Opernfestspiele laufen bis zum 31. Juli.









