Florian Hertel kann exakt sagen, wann er die Maus zu fassen bekam: am 20. März 2025 um 14.52 Uhr - sein Handy hat es gespeichert. Der 30-Jährige saß damals im Auto, als ihm plötzlich ein Refrain durch den Kopf schoss. Also rechts ran, Sprachmemo aufgenommen. Man könnte sagen: So leicht fängt man einen Hit.
«Karnevalsmaus», das Lied, das aus diesem Moment entstand, läuft gerade überall dort rauf und runter, wo geschunkelt, getrunken und gefeiert wird. Der Karneval (andernorts auch Fastnacht und Fasching genannt) steuert auf seinen Höhepunkt zu und der Song ist das geworden, was man in der Schunkelhochburg Köln einen «Sessionshit» nennt - ein Lied, das allgegenwärtig ist.
Schon im November vermeldete der Kölner «Express» eine Art Durchbruch: Die «Karnevalsmaus» habe in der Kölner Altstadt den «Wackelkontakt» des bayerischen Sängers Oimara als Feier-Dauerbrenner abgelöst, sagte der Moderator und Anwohner Ken Reise der Zeitung. Es klang wie das Ende einer bayerischen Fremdbeherrschung - Karneval is coming home.
Mittlerweile lässt sich das auch in Zahlen ablesen. In den gesamtdeutschen Charts ist die «Karnevalsmaus» mittlerweile auf Platz 35 geklettert - und das, obwohl in Teilen Deutschlands nach wie vor unklar sein dürfte, was Karneval überhaupt ist. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) unterlegte jüngst eines seiner Instagram-Videos mit dem Lied. Mehr Mainstream geht nicht.
Die Musiker hinter der Maus
Die Band Druckluft, deren Frontmann Florian Hertel ist, kann ihr Glück kaum fassen. «Wenn man im Duden nach der Definition eines Karnevalshits suchen würde, dann wäre es wohl das, was wir gerade erleben», sagt er. «Dass die Leute den Song kennen, mitsingen, sich verkleiden – von klein bis groß, von Kindern bis zu Erwachsenen – das ist wirklich unvorstellbar.»
Die Combo fing einst als Schülerband an einem Gymnasium in Bonn an - mittlerweile gibt es sie schon seit 17 Jahren. Am Anfang spielten die Musiker nur Cover-Songs, seit drei Jahren schreiben sie eigene Musik.
Der Erfolg dürfte sowohl etwas mit der eingängigen Melodie («Ich bin 'ne Karnevalsmaus und ich geh' nicht ohne Kölsch aus dem Haus.») zu tun haben, aber auch mit dem «Maus»-Thema, das einen Sprachtrend aufgreift. Seit einiger Zeit nennen sich Menschen in Deutschland oft gegenseitig Maus - «Büromaus», «Süßmaus» oder «Yogamaus».
Besonders bekannt sind die beiden Tokio-Hotel-Zwillinge Bill und Tom Kaulitz, die sich gegenseitig mit dem Nager-Namen ansprechen. «Maus» ist längst mehr als ein Kosename, es ist ein Lebensgefühl.
Das Besondere ist, dass die Bezeichnung dabei genderneutral genutzt wird - es sind nicht mehr nur wie früher Frauen («Na, Mausi?») damit gemeint. Statt Übergriffigkeit strahlt sie Verbundenheit aus. Oder wie Fans sagen würden: Liebmausigkeit.
«"Maus" war als Kosename lange auf private, intime Beziehungen beschränkt. In sozialen Medien haben sich jedoch neue, erweiterte Gebrauchskontexte herausgebildet», sagt die Linguistin Anne Rosar von der Universität Mannheim. «Wer sich selbst oder andere – unabhängig vom Geschlecht – online als "Maus", "Süßmaus", "mausig" etc. bezeichnet, reduziert kommunikative Distanz und präsentiert sich als zugewandt und nahbar, ohne eine persönliche Nähebeziehung zu beanspruchen.» Der Song spitze diesen spielerisch-vertraulichen Ton positiv zu, greife ihn selbstironisch auf. «Er signalisiert: "Ich bin heute im Karnevalsmodus, feierbereit, jeck."»
Warum alle plötzlich Maus sagen
Druckluft-Frontman Hertel hatte sich den Begriff schon vor zwei Jahren mal in seine Notizen-App geschrieben, wie er sagt. «Das lag einfach in der Luft.» Als ihm dann der Refrain eingefallen war, halfen zwei weitere Männer mit, daraus einen Hit zu machen. Der eine war Oliver Wiesmann, ein Freund und Kommilitone von Hertel. Der andere war Moritz Helf, der auch unter seinem Künstlernamen Mo-Torres bekannt. Er schrieb laut Hertel die Strophen. «Als ich den Text zum ersten Mal las, dachte ich: Alter, das isses!».
Der Hit folgt nun konsequent den Regeln der Gegenwart. Es gibt einen eigenen Tanz, der auf Social Media kursiert, und die Maus wird allerorten zum Trendkostüm ausgerufen.
Zudem haben Druckluft gemeinsam mit der Partysängerin Nancy Frank eine etwas knalligere Version für den Ballermann aufgenommen, die im Après-Karneval zum Einsatz kommen kann. Das Lied steht damit auch für die die Annäherung zwischen Karnevals- und Mallorcakultur, über die ältere Frohsinnspuristen die Nase rümpfen.
Tanz, TikTok, Ballermann
Hertel kann mit dieser Kritik wenig anfangen. «Ich bin persönlich auch ein Ballermann-Gänger», sagt er. Ballermann und Karneval hätten sich in den vergangenen Jahren ohnehin immer mehr überschnitten.
Noch liegt der Fokus von Druckluft allerdings auf der sogenannten fünften Jahreszeit. Von Januar bis Rosenmontag hat die Band rund 165 Auftritte - in der Spitze bis zu zehn am Tag. Da muss man schon eine Ausdauermaus sein. «Wir reiten jetzt quasi auf der Maus durch die Session», sagt Hertel.












