Im Münchner Wirecard-Prozess um den mutmaßlich größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte ist nach über dreieinhalb Jahren das Ende in Sicht: Das Landgericht München I will die Schlussplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung in die vierte Oktoberwoche legen. Das schlug der Vorsitzende Richter Markus Födisch vor.
Der Prozess gegen den früheren Vorstandschef Markus Braun und seine beiden Mitangeklagten läuft seit 8. Dezember 2022. Braun, der nach wie vor alle Vorwürfe bestreitet, sitzt sogar schon seit dem Kollaps des einstigen Dax-Konzerns vor sechs Jahren in Untersuchungshaft. Bisher hat die Kammer über 270 Verhandlungstage absolviert.
Auch die Schlussphase des Wirecard-Verfahrens wird im Vergleich zu anderen Strafprozessen eine langwierige Angelegenheit: Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidiger Brauns und des Kronzeugen Oliver Bellenhaus wollen jeweils einen ganzen Prozesstag lang plädieren, Braun persönlich will darüber hinaus auch einen ganzen Tag für das letzte Wort nutzen, das Angeklagten vor dem Urteil zusteht. Lediglich die Verteidiger des Ex-Chefbuchhalters und dritten Angeklagten wollen es bei einem halbtägigen Plädoyer bewenden lassen.
Richter wollen Plädoyers möglichst beschleunigen
Einen möglichen Urteilstermin nannte der Vorsitzende Richter nicht, doch nach den letzten Worten der Angeklagten fehlt dann nur noch der Richterspruch. Födisch schlug vor, Plädoyers im Block hintereinander abzuhalten, beginnend mit der Staatsanwaltschaft am 19. Oktober.
In den vergangenen Jahren verhandelte die Kammer üblicherweise an zwei Tagen pro Woche, die Richter wollen in der Schlussphase jedoch schneller sein: «Sonst müssen Sie sich darauf einstellen, dass es Wochen dauert, bis wir durchkommen», sagte Födisch.
Die Staatsanwaltschaft hält den 1969 geborenen Braun für den Haupttäter. Der einstige Börsenstar sowie Milliardär und Komplizen sollen demnach über Jahre Umsätze in Milliardenhöhe erdichtet haben, um den eigentlich defizitären Konzern mit Hilfe hoher Bankkredite über Wasser zu halten. Den mutmaßlichen Schaden bezifferte die Staatsanwaltschaft in der Anklage auf gut drei Milliarden Euro.
Ex-Konzernchef pocht auf Unschuld
Braun hingegen sieht sich als Opfer einer Betrügerbande um den abgetauchten früheren Vertriebsvorstand Jan Marsalek. Der ehedem in Dubai für Wirecard tätige Mitangeklagte Oliver Bellenhaus dagegen beschuldigt den früheren Konzernchef als Mittäter und -wisser.
Ein Freispruch für Braun ist ausgeschlossen, sofern der Prozess nicht in den nächsten Wochen noch eine sensationelle Wende nimmt: Hielten die Richter Braun für unschuldig, hätte der österreichische Manager längst aus der U-Haft entlassen werden müssen.








