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Ukraine-Krieg
Wie Eltern ihren Kindern die Angst nehmen können
Der Krieg in der Ukraine kann Angst machen. Statt sich zu verstecken, hilft es oft, wenn man darüber redet.
Der Krieg in der Ukraine kann Angst machen. Statt sich zu verstecken, hilft es oft, wenn man darüber redet. // Jens Kalaene, dpa
Christoph Treubel  arbeitet als Kinder- und Jugendpsychotherapeut in Bamberg
Christoph Treubel arbeitet als Kinder- und Jugendpsychotherapeut in Bamberg // privat
Ukraine
Bamberg – Tod, Flucht und Zerstörung: Der Krieg verängstigt viele Kinder. Worauf sollten Eltern jetzt achten? Ein Therapeut gibt Tipps.

Christoph Treubel arbeitet als Kinder- und Jugendtherapeut in Bamberg. Derzeit beschäftigt ihn sehr, wie Kinder und Jugendlichen mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine, den Bilder von Tod, Flucht und Zerstörung umgehen. "Die Bilder und Informationen aus dem Krieg machen vielen Kindern und Jugendlichen Angst", sagt Treubel.

Eltern rät er zu einem aktiven Umgang mit den Ängsten ihrer Kinder.

Ängste sind etwas völlig Normales

Es gibt typische Ängste, die sich in bestimmten Altersgruppen bei vielen Kindern zeigen. Zum Beispiel haben Kinder im Kindergartenalter häufig Angst vor unheimlichen Bedrohungen wie die Vorstellung eines Monsters unter dem Bett oder von Einbrechern in der Wohnung. Auch die Angst, die Eltern könnten plötzlich verschwinden und einen allein lassen, gehört zu diesen Ängsten.

Krieg in unserer Nachbarschaft – und es dürfte auch schon jungen Kindern klar sein, dass dieser Krieg nicht sehr weit weg ist – bedient viele dieser kindlichen Urängste. Vielleicht sehen sie auch in den Nachrichten Berichte über betroffene Kinder, bekommen mit, dass Menschen sterben oder merken, dass ihre Eltern besorgt sind. Daher ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Kinder angesichts des Krieges gegen die Ukraine Sorgen machen. Schlafprobleme, schlechte Träume, allgemeine Unruhe oder auch Bauchschmerzen können darauf hindeuten.

Angst ist ein lebenswichtiges Gefühl

Angst ist ein lebenswichtiges Gefühl – ohne Angst hätte die Menschheit schlechte Karten gehabt, sich zu dem zu entwickeln, was sie heute ist. Angst warnt vor Gefahr. Angst sorgt davor, uns möglichst schnell in Sicherheit zu bringen. Außerdem führt Angst dazu, dass wir uns Unterstützung suchen (z.B. indem sich das Kind bei den Eltern anklammert).

Eltern werden, wenn sie die Angst ihres Kindes wahrnehmen, dazu motiviert, sich um das Kind zu kümmern und es zu beschützen – gut so. Das Problem ist: Wenn keine Gefahr da ist, vor der ich weglaufen oder die ich bekämpfen kann, dann fühlt es sich ziemlich unangenehm an.

Der Verlust von Kontrolle löst Ängste aus

Sie kennen das aus eigener Erfahrung: Der Gedanke „Oh Gott, wo soll das alles nur enden?“ ist unangenehm und löst Verzweiflung und Angst aus. Die Überzeugung, dass wir Kontrolle über unser eigenes Leben haben und entscheiden können, was mit uns und um uns passiert, ist für uns Menschen eines der wichtigsten psychologischen Grundbedürfnisse.

Wird es verletzt – entweder, weil wir einen erheblichen Kontrollverlust erleben oder weil wir den Gedanken haben, dass alles außer Kontrolle gerät – ist das ungesund für uns und führt zu psychischen Beschwerden wie Ängsten.

Ähnliches haben wir alle während der Corona-Pandemie erlebt: Die Bedrohung durch ein nicht greifbares Virus, Angst um Arbeitsplatzverlust, wirtschaftliche Probleme oder der Gedanke „Ob das alles noch mal so wird wie früher?“ gehen ebenfalls in Richtung Kontrollverlust oder stellen einen solchen dar.

Auch der Gedanke „Wir können nicht verhindern, ob Krieg kommt, ob wir in Gefahr geraten oder alles verlieren“ stellt eine Einschränkung von Kontrollüberzeugung dar.

Diskutieren Sie mit Jugendlichen auf Augenhöhe

Jugendliche machen sich teilweise tiefe Gedanken über die Welt. Begegnen Sie Jugendlichen deshalb auf Augenhöhe. Gehen Sie auf Ängste und Sorgen ein und geben Sie auch eigene Sorgen preis. Versuchen Sie, Sorgen einzugrenzen und auf das zu verweisen, was stabil bleibt.

Motivieren Sie Jugendliche, sich weiter mit Freunden zu treffen und Spaß zu haben. Helfen Sie Ihrem jugendlichen Kind, einen Beitrag zur Situation zu leisten, z.B. durch Spenden, durch aktive Unterstützung von Geflüchteten oder auch durch Teilnahme an Mahnwachen und Kundgebungen. Zuletzt können Sie auch darüber sprechen, dass der junge Mensch in seiner Zukunft an einer besseren Welt mitwirken kann, z.B. durch Berufswahl oder durch ehrenamtliches Engagement.

Seien Sie verlässliche Gesprächspartner

Das Wichtigste: Sie können der Fels in der Brandung sein, die sichere Basis Ihres Kindes. Wenn Ihr Kind erlebt, dass Sie angemessen mit Sorgen umgehen und bei Problemen aktiv nach Lösungen suchen, ist dies für es eine große Hilfe. Wenn Ihr Kind erlebt, dass Sie weder bagatellisieren noch dramatisieren, dann fühlt es sich ernst genommen und auch geschützt.

Verlässlichkeit heißt auch, dass Sie darauf achten, dass ein regelmäßiger und gewohnter Tagesablauf stattfindet. Wenn Sie bisher nicht beim Frühstück ferngesehen haben, dann sollten Sie dies trotz Ukrainekrieg jetzt nicht tun. Halten Sie gemeinsame Rituale ein wie zu Bett bringen, Spieleabende, gemeinsames Fernsehen usw. Beim gemeinsamen Fernsehen ist es auch möglich, in angemessenem Umfang Berichte über den Krieg zu sehen.

Sprechen Sie Ihr Kind aktiv an

Es ist sinnvoll, Ihr Kind aktiv zu fragen, welche Dinge es vom Krieg in der Ukraine mitbekommen hat und welche Gedanken ihm durch den Kopf gehen. Geben Sie Ihrem Kind zu verstehen, dass es jederzeit mit Ihnen über den Krieg reden kann.

Reden Sie Dinge nicht klein, die nicht klein sind. Wenn Ihr Kind sagt, dass es schrecklich sein muss, von zu Hause weg zu müssen, dann bestätigen Sie das – „Ja, das ist für alle Kinder und Erwachsenen schlimm.“

Weisen Sie gerne im nächsten Satz darauf hin, dass viele Menschen gerade alles dafür tun, um dieses Leid zu lindern. Wenn Sie wahrnehmen, dass Ihr Kind Angst empfindet oder traurig wird, dann benennen Sie dies aktiv (“Ich glaube, jetzt kriegst du Angst, oder?“). Spenden Sie Sicherheit und Trost, z.B. durch körperliche Nähe.

Grenzen Sie die Sorgen ein

Auch wenn Sie nicht bagatellisieren sollen, ist es doch wichtig, die Sorgen realistisch einzugrenzen und ihnen den Schrecken zu nehmen. Dazu gehört auch die Information an Ihr Kind, dass es in Ordnung und normal ist, aktuell Ängste zu empfinden. Seien Sie ehrlich und antworten Sie auf Fragen wahrheitsgemäß, aber altersangemessen. Manchmal sind kurze Antworten mit weniger Informationen besser und stellen Ihr Kind zufrieden.

Betonen Sie die Normalität

Versuchen Sie auch, die Aufmerksamkeit Ihres Kindes auf das zu lenken, was sich gerade nicht verändert. Auch wenn wir Sorgen haben, ist es doch so, dass unser Alltag mit allen angenehmen (und leider auch unangenehmen) Dingen normal weiterläuft. Sprechen Sie dies aktiv an: „Ja, wir haben viele Nachrichten gehört, die einem Angst machen können. Aber schau mal: Du kannst trotzdem ganz normal zur Schule gehen, du kannst dich mit deinen Freunden treffen, wir beide können miteinander spielen und kuscheln.“

Achten Sie auf den Medienkonsum

In der Corona-Pandemie konnten wir feststellen, dass Kinder und Jugendliche durch übermäßigen und ungezügelten Medienkonsum und Informationsfluss zu Corona mehr Ängste entwickelt haben. Achten Sie daher darauf, welche Informationen Ihr Kind erhält und in welchem Umfang. Dabei ist es sinnvoll, gute Informationen zur Verfügung zu stellen.

Für jüngere Kinder empfiehlt es sich, z.B. die Logo-Kindernachrichten oder die Neuneinhalb-Nachrichten anzusehen. Bei Kindern ab ca. 11-12 Jahren ist es auch möglich, sich über Nachrichten-Sendungen wie die „Tagesschau“ informieren. In jedem Fall sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind fernsehen oder Nachrichten recherchieren und die Zeit dafür auch begrenzen.

Denken Sie auch daran, dass in Social Media viele Videos und Fotos aus dem Kriegsgebiet gepostet werden. Wenn Ihr Kind Zugang zu TikTok, Instagram usw. hat, sprechen Sie das Thema direkt an. Besprechen Sie mit Ihrem Kind, dass es möglichst eigenverantwortlich den Konsum von Kriegsnachrichten einschränken soll, wenngleich es sich natürlich informieren darf. Machen Sie auch deutlich, dass Ihr Kind Sie jederzeit ansprechen kann, wenn es etwas gesehen hat, was es verunsichert oder durcheinanderbringt.

Sorgen Sie für angenehme Aktivitäten

Auch das gehört dazu, die Kontrolle zu behalten: Machen Sie sich den Alltag (gewohnt) angenehm. Sorgen Sie für Zeit, die frei ist von schlimmen Nachrichten, in denen sich Ihr Kind mit Freunden trifft, in denen Sie miteinander spielen oder über andere Dinge sprechen. Denken Sie auch an Abendrituale (vorlesen, ins Bett bringen, kurz über den Tag sprechen).

Gewinnen Sie das Gefühl von Kontrolle zurück

Wenn Ihr Kind sich Sorgen um das Schicksal der Menschen in der Ukraine, speziell der Kinder, macht, dann unterstützen Sie es darin, einen kleinen Beitrag zu leisten. Dies kann eine gemeinsame Geldspende Ihrer Familie sein, zu der auch das Kind etwas von seinem Taschengeld beitragen kann oder eine bewusste Sachspende, z.B. von Kleidung oder auch von Spielzeug.

Letzteres bietet sich an, wenn in einigen Tagen oder Wochen geflüchtete Menschen aus der Ukraine in Ihrem Wohnort unterkommen. Möglich wäre auch, dass Ihr Kind dann versucht, sich mit einem geflüchteten Kind anzufreunden und so seinen Beitrag zu leisten, das Leid zu linden. Hierbei können Sie Ihr Kind ebenfalls unterstützen.

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