Wange hinhalten?
Der Ukraine-Krieg und das Dilemma für die Kirchen
Heinrich Bedford-Strohm
Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der evangelischen Kirche in Bayern, sitzt vor Beginn eines Gottesdienstes in einer Kirche.
Foto: Mohssen Assanimoghaddam (dpa)
Bamberg – Die Kirche sei der Gewaltlosigkeit Jesu verpflichtet, versichern katholische Bischöfe, und doch sind sie für Waffenlieferungen. Passt das zusammen?

Neulich an der Uni Bamberg. Oder vielmehr in einer Online-Veranstaltung der Uni Bamberg. Heinrich Bedford-Strohm, ehemaliger Professor dieser Hochschule und inzwischen Landesbischof der evangelischen Kirche in Bayern, ist eingeladen, um über ein Thema zu sprechen, das die beiden großen Kirchen in Deutschland umtreibt. Lässt sich ein «gerechter Friede» mit militärischer Gewalt herbeiführen? Ist es aus Sicht der christlichen Friedensethik vertretbar, Waffen in die Ukraine zu liefern? Dass es hier keine einfache Antwort geben kann, wird schnell klar. Differenzieren sei notwendig, sagt Bedford-Strohm in die Wohn- und Arbeitszimmer der Zuhörerinnen und Zuhörer hinein. «Die Mühe muss man sich machen.»

Beim Thema Waffenlieferungen ringen auch andere gesellschaftliche Gruppen heftig. Aber keine andere kann sich auf eine 2000 Jahre alte Botschaft berufen, die von Gewaltlosigkeit durchtränkt ist. Jesus wird im Matthäus-Evangelium der berühmte Satz zugeschrieben: «Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.» In der Passionsgeschichte verbietet er seinem Jünger Petrus Gewalt, als dieser das Schwert zieht, um ihn zu verteidigen. Und als der auferstandene Jesus sich seinen Jüngern zeigt, sagt er: «Friede sei mit euch!»

Waffenlieferungen an die Ukraine sind legitim

Dass die Christen die Worte des radikalen Friedensstifters aus Nazareth allerdings nicht immer beherzigt oder sehr großzügig ausgelegt haben, davon zeugen viele Kriege in den Geschichtsbüchern.

Im Nachkriegsdeutschland aber stand die Frage nach Krieg und Frieden auf den großen Debattenveranstaltungen der Kirchen im Zeichen der Abrüstung, es ging um «Frieden ohne Waffen».

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) der Katholiken positioniert sich im Ukraine-Krieg klar: Waffenlieferungen an die Ukraine sind aus Sicht der katholischen Friedensethik legitim, damit das Land sein völkerrechtlich verbrieftes Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen kann.

«Es ist denjenigen, die die Entscheidung zu treffen haben, aber aufgetragen, präzise zu bedenken, was sie damit aus- und möglicherweise auch anrichten», heißt es in einer Erklärung. «In ihrer Lehre und in ihrem Handeln ist die Kirche der Gewaltlosigkeit Jesu verpflichtet. Auch in der Stunde der Bedrängnis muss sie deshalb der Versuchung einer schrankenlosen Gewaltanwendung entschlossen widersprechen.» Der «Horizont des Friedens» müsse auch «in Zeiten des Krieges geöffnet bleiben».

Verteidigung der Menschenrechte

Es gehe in der Ukraine auch um die Verteidigung der Menschenrechte, hat der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick vor wenigen Wochen in einer Predigt betont. «Wir müssen unsere Werte verteidigen, und zu den wichtigsten Werten gehören die Menschenrechte.» Es sei richtig, die Ukraine mit Waffen zur Verteidigung gegen den ungerechten Aggressionskrieg Russlands zu unterstützen.

In der katholischen Kirche gibt es auch andere Stimmen. Ende April beklagte die katholische Friedensbewegung Pax Christi eine zunehmende Kriegsrhetorik. Man sehe entsprechende Äußerungen prominenter Regierungsmitglieder der Ampelkoalition, der Opposition und auch von Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen kritisch. Die Rückkehr an den Verhandlungstisch sei die Herausforderung für die europäische Politik, «nicht die Befeuerung und Verlängerung des Krieges durch das Liefern schwerer Waffen».

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, hat sich für Waffenlieferungen ausgesprochen. «Wo ein Land und seine Menschen wie in der Ukraine rohe Gewalt und blankes Unrecht erfahren, haben Menschen alles Recht, sich zu verteidigen. Und sie haben das Recht, um Hilfe zu bitten, auch um Hilfe zur Selbstverteidigung», sagte sie kürzlich dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Keine moralische Pflicht sich zu ergeben

Ihr Vorgänger Bedford-Strohm, der seine Gedanken auch für die Freiburger «Herder Korrespondenz», aufgeschrieben hat, sagt: Es gebe keine moralische Pflicht, eine militärische Aggression ohne wirksame Gegenwehr hinzunehmen. Dann sei es moralisch legitim, sich mit Waffen zu verteidigen.

Rüstung grundsätzlich zu verurteilen, sei zu wenig. Er sei zum Beispiel froh, dass die Polizei entsprechend ausgerüstet ist. Er warne aber vor einer «Glorifizierung» von Waffen, die manchmal am Horizont aufscheine.

Das Dilemma zeigt sich nicht nur bei den Waffenlieferungen, sondern auch bei den angekündigten Zusatz-Milliarden für die Bundeswehr. Bedford-Strohm erinnert daran, dass Geld auch in anderen Bereichen bitter nötig sei: «Man wird fast wahnsinnig, wenn man sich klar macht, dass täglich 20 000 Menschen sterben, weil sie nichts zu essen und zu trinken haben.»

Mittel für Rüstung müssten gut begründet sein, betont auch Heinz-Gerhard Justenhoven, katholischer Theologe und Friedensethiker. Das Geld fehle an anderer Stelle, etwa für den sozialen Ausgleich oder die Entwicklungszusammenarbeit, hat er in einem Gespräch mit dem Würzburger Bischof Franz Jung auf Instagram deutlich gemacht.

Während also mit Kurschus und Bedford-Strohm zwei prominente Köpfe der evangelischen Kirche Waffenlieferungen befürworten, tut das der Friedensbeauftragte der EKD explizit nicht: Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), sagte kürzlich auf der Synode seiner Landeskirche: «Gerade in der aufgeheizten Stimmung braucht es Nüchternheit und Besonnenheit, damit wir nicht in diesen Krieg kommen. Keiner will, dass Deutschland in den Krieg zieht, aber wir diskutieren und verhalten uns so, dass wir Schritt für Schritt hineingeraten.»

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