Johannistrieb, so sagt man, wenn es Männer und Frauen im Alter nochmals wissen wollen. Und "Johannistrieb", so heißt das Debüt von Manfred Wolfgang Clausnitzer. Er könnte sich damit auch selber beschrieben haben. Denn wie anders soll man es nennen, wenn einer mit 73 Jahren seinen ersten Roman schreibt? Da wollte es einer nochmals wissen.
1989 fing Clausnitzer am E.T.A.-Hoffmann-Theater an
Manfred Wolfgang Clausnitzer wuchs in der Nähe von Dresden auf. Nach Bamberg kam er 1989 im Doppel mit dem Intendanten Rainer Lewandowski.
Nach sieben Jahre am E.T.A-Hoffmann-Theater hatte Clausnitzer genug. Er machte sich selbstständig, verdiente sein Geld als Bühnen- und Kostümbildner jetzt auf eigene Rechnung. In Bamberg hat er unter anderem die Dauerausstellung im E.T.A.-Hoffmann-Haus gestaltet und mehrere Schauen im Historischen Museum.
So ging das bis 2015.
Dann ging Clausnitzer in den Ruhestand.
Aus Clausnitzer mussten die Gedanken raus
Aber wahrscheinlich geht einer, der in und mit der Kunst gearbeitet hat, nie so ganz. Weil das Denken, Empfinden und Worte finden kein offizielles Renteneintrittsalter kennen. "Ich fühlte mich voll von Erlebnissen, Begegnungen und Beobachtungen", sagt Clausnitzer.
Das alles musste raus.
Das alles musste ein Buch werden.
Das alles wurde zu "Johannistrieb".
Beim Schreiben hörte Clausnitzer die Sonaten von Bach
Romane begonnen hatte Manfred Wolfgang Clausnitzer schon viele. Es war bei den Anfängen geblieben. Jetzt wollte er es nochmals wissen.
Zwei Jahre lang arbeitet er am Manuskript. Schreibt, verwirft, denkt nach, schreibt neu. Um sich in die richtige Stimmung zu bringen, hört er die Cello-Sonaten von Bach: "Die Musik regte meine Gedanken an."
Eine Bekannte legt ihm einen Schreibkurs ans Herz, aber da kann Clausnitzer nur lachen. "Der Kurs hätte drei Jahre gedauert. Wer weiß, ob ich in drei Jahren überhaupt noch lebe?"
Lieber schaut er sich an, wie es seine literarischen Hausgötter machen. Natürlich, jeder Vergleich mit Flaubert und Fontane verbietet sich. Aber dass hier einer Gespür für Sprache besitzt und dafür, wie er seine Figuren und ihre Handlungen motiviert, das merkt man "Johannistrieb" an.
Clausnitzer begeht einen Anfängerfehler
Auf der anderen Seite gerät Clausnitzer manches zu kompliziert, verliert sich manches in mehr Details, als das dem Spannungsbogen guttut. "Anfängerfehler", sagt der Autor, "vielleicht habe ich zu viel reingepackt."
Kann man so sagen.
Davon handelt "Johannistrieb": Ein Friedhof im Herbst, Auftritt des als Frau verkleideten Ich-Erzählers. 20 Jahre ist es her, dass der verstorbene Maler sich in ihn verguckte.
Die Beziehung blieb platonisch, mehr ließ der Ich-Erzähler nicht zu. "Er hat mich nie bedrängt, aber die Anspannung, sich zurückhalten zu müssen, war latent vorhanden", heißt es in "Johannistrieb".
Der namenlose Ich-Erzähler taucht hinab in die Vergangenheit. Er erinnert sich an Diskussionen über Kunst und das Regietheater. Er erinnert sich daran, wie alles zu Ende ging mit ihm und dem Maler.
Mit den Hinterbliebenen des toten Malers verstrickt sich der Ich-Erzähler in Gespräche über die Kulturszene der DDR, über Philosophie, Physik und Glauben. In nachgelassenen Notizen findet er dessen Gedanken über Tod, Sexualität und den Sinn des Lebens.
Sind Autor und Erzähler identisch?
Clausnitzer schöpft für seinen Roman aus dem eigenen Leben. Trotzdem dürfen Ich-Erzähler und Autor nicht miteinander verwechselt werden. "Der Erzähler ist eine Figur, die ich aus mehreren Personen aus meinem Leben zusammengebaut habe", sagt Clausnitzer.
Und der Maler? Auch der hat ein Vorbild im echten Leben. "Ich kannte ihn persönlich, er war mir in meiner Jugend sehr wichtig", sagt Clausnitzer.
Was Clausnitzer an der DDR zu schätzen lernte
Wie ein roter Faden zieht sich durch "Johannistrieb" Clausnitzers Unbehagen am Modischen und Warenförmigen: "Ich bin in künstlerischer Hinsicht sicher konservativ, in gesellschaftlicher wahrscheinlich auch."
Er will die DDR nicht verherrlichen, nichts läge ihm ferner. Er ist 1983 nicht ohne Grund ausgereist. "Ich habe die DDR gehasst", sagt er. Aber die Abwesenheit von dem, was Clausnitzer "Konsumterror" und "Besitzindividualismus" nennt, habe er im Nachhinein an der DDR zu schätzen gelernt.
Im wiedervereinigten Deutschland dagegen erlebt Clausnitzer Besitz und Konsum als die maßgeblichen Werte, an denen sich ein Leben zu messen habe. Auch die Bamberger machten da keine Ausnahme, wie auch? "Ich finde diese Fixierung aufs Geld unendlich öde. Und ich halte sie für gesellschaftlich gefährlich", sagt Clausnitzer.
"Johannistrieb" erscheint in einem Bamberger Verlag
Erschienen ist "Johannistrieb" im Bamberger Verlag von Erich Weiß (160 Seiten, 14 Euro). Als er seinen ersten Roman in Händen hielt, fühlte sich Clausnitzer, als sei eine Last von ihm gefallen: "Ich habe es mir bewiesen, dass ich einen Roman schreiben kann."
Wie viele der 300 gedruckten Exemplare verkauft worden sind, weiß Clausnitzer nicht. Es scheint ihn auch nicht zu kümmern. Es täte ihm nur leid, sagt er, wenn sein Verleger auf den Kosten sitzen bleiben würde.
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