0
Bücher aus Franken
Ein Bamberger Verleger pfeift auf Amazon
Über 190 Bücher hat Erich Weiß in seinem 1991 gegründeten Verlag inzwischen herausgegeben.
Über 190 Bücher hat Erich Weiß in seinem 1991 gegründeten Verlag inzwischen herausgegeben. // Matthias Hoch
Bamberg – Aus Erich Weiß hätte ein Revolutionär werden können. Stattdessen gründete er einen Verlag. Rechenschaft ist er nur einer Person schuldig: sich selbst.

Für ein Leben als Angestellter ist Erich Weiß einfach nicht gemacht. Dass ihm dafür neben Verständnis und Neigung auch die Duldsamkeit fehlt, spürte Weiß schon als Kind im oberfränkischen Hollfeld. „Ich wollte es nicht einsehen, dass ich morgens schon um 8 Uhr in der Schule sein sollte.“

Dem Diktat von Wecker, Dienstplan und Arbeitszeiterfassung unterwirft er sich bis heute nicht. „Ich fange an, wenn ich ausgeschlafen bin. Und ich arbeite nachts, so lange ich das will.“

Dass er aus Gründen altersbedingter Bettflucht inzwischen schon in aller Herrgottsfrüh erste E-Mails beantwortet, beobachtet Weiß mit heiterer Gelassenheit. „Das ist wohl die Rache der Natur.“

Kritischer Blick auf seine fränkische Heimat

Mit einem anderen, stärker auf Krawall und Sendungsbewusstsein programmierten Temperament wäre aus Erich Weiß womöglich ein Revolutionär geworden.

Stattdessen wurde aus ihm ein Verleger. Seit 1991 ist der Erich-Weiß-Verlag ein Synonym für aufwändig gemachte Fotobücher, für Lyrik, Literatur- und Heimatgeschichte, jüdisches Leben. Vieles, aber nicht alles im Verlagsportfolio steht in einem Zusammenhang mit Franken. Weiß lebt gerne hier. Es hat ihn nie fortgetrieben. Aber er hält Franken weder für den Nabel der Welt, noch ist er blind für die Schattenseiten.

Angestellte hatte Erich Weiß noch nie. Er arbeitet am liebsten allein.
Angestellte hatte Erich Weiß noch nie. Er arbeitet am liebsten allein. // Foto: Matthias Hoch

Vieles ist ihm zu oberflächlich, zu hohl, zu selbstverliebt und wichtigtuerisch. So blickte er schon in den 80ern auf seine Heimat. Eine Antwort auf sein Unbehagen fand Weiß in der sozialdokumentarischen Fotografie. „Es ging unserer Fotogruppe um die Darstellung derer, die im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung stehen“, sagt er.

Nur Absagen für Werner Kohn

Das gesellschaftliche Echo war geringer als erhofft. Mit Werner Kohn tat sich sogar das künstlerische Aushängeschild der Gruppe schwer, einen Verlag für seine Fotos zu finden. Beinahe manisch hatte Kohn in aller Welt Verkehrsschilder fotografiert. „Aber kein Verlag interessierte sich dafür. Nur Absagen“, sagt Weiß.

Kohn brauchte einen Verlag.
Und Weiß?
Der brauchte dringend einen Job.
Sein befristeter Vertrag als Sozialarbeiter bei der evangelischen Kirche war ausgelaufen.

Weiß nahm das Erbe seiner Eltern.
Er ging zum Gewerbeamt.
Wenig später hatte sich der Sozialarbeiter und Hobbyfotografen zum Verleger gehäutet.    

Werner Kohn (l.) hat das erste Buch im Erich-Weiß-Verlag veröffentlicht.
Werner Kohn (l.) hat das erste Buch im Erich-Weiß-Verlag veröffentlicht. // Matthias Hoch

Kohns „Verkehrszeichen“ waren das erste Buch, das im Erich-Weiß-Verlag erschien. „Wenn es mit dem Buch nicht geklappt hätte, hätte ich mir etwas anderes suchen müssen“, sagt Weiß. Aber Kohns „Verkehrszeichen“ verkauften sich so gut, dass Weiß sich weitere Bücher leisten konnte.

Über 190 Bücher hat Weiß bis zum heutigen Tag verlegt. Sie heißen "Als Chinese in Bamberg", "Ein toter Mann im Sarg" oder "Juden im Landkreis Tirschenreuth".  Geschrieben haben sie Autorinnen und Autoren wie Andreas Reuß, Ingild Janda-Busl oder Peter Braun.  

Die erfolgreichen Bücher von Till Mayer 

Nur wenige Bücher haben ihre maximale Auflage von 1000 Exemplaren komplett verkauft, die meisten blieben darunter. 

Im Moment lebt Weiß insbesondere von den Ukraine-Bildbänden des in Bamberg beheimateten Fotografen Till Mayer. „Da passt gerade das Timing, so unangemessen das auch klingt“, sagt Weiß.

Till Mayer fotografiert seit vielen Jahren in der Ukraine. Seine Bildbände veröffentlicht der Journalist aus Bamberg im Erich-Weiß-Verlag.
Till Mayer fotografiert seit vielen Jahren in der Ukraine. Seine Bildbände veröffentlicht der Journalist aus Bamberg im Erich-Weiß-Verlag. // Matthias Hoch

Erstens: „Es darf kein Quatsch sein.“ 
Zweitens: „Es darf nichts mit rechtem Gedankengut zu tun haben.“

Das sind die beiden entscheidungskritischen Kriterien für Weiß. 

Ansonsten macht Weiß zu Büchern, was er für interessant hält. 

Erich Weiß macht alles allein 

Erich Weiß hat keine Angestellten. Hatte er noch nie.
Weiß arbeitet mit selbstständigen Lektoren zusammen und gelegentlich auch mit Grafikern. Ansonsten macht Weiß alles allein.

Er entscheidet über Buchform, Cover und Bebilderung. Er bessert an seinem Computer auch die Fehler aus, die Lektoren für ihn zuvor gefunden haben. Er verhandelt mit Druckereien. Er arbeitet Bestellungen ab und bringt bestellte Bücher zur Post.

Fragen an ein Bamberger Original. Der Verleger Erich Weiß über Tops und Flops seines Lebens.

Für Weiß bedeutet Selbstständigkeit nicht Selbstausbeutung und auch nicht kreative Selbstverwirklichung. Er will ein Leben nach eigenen Maßstäben, nach eigenen Prioritäten und in der eigenen Geschwindigkeit führen. Das klingt nach wenig und ist doch ungeheuer viel.

Erich Weiß ärgert sich über Amazon  

Rechenschaft ist Weiß nur einer einzigen Person schuldig: sich selbst.

Er nimmt sich die Freiheit, aus finanziellen Gründen in eine kleinere Wohnung zu ziehen und seine Verlagsgeschäfte seitdem aus einem mit Büchern und Regalen vollgestellten Zimmer zu führen. Kein verlegerisches Repräsentationsbedürfnis hindert ihn daran.

Über 190 Bücher hat Erich Weiß inzwischen veröffentlicht. Eine Auswahl davon bewahrt er in einem Schrank im Arbeitszimmer auf.
Über 190 Bücher hat Erich Weiß inzwischen veröffentlicht. Eine Auswahl davon bewahrt er in einem Schrank im Arbeitszimmer auf. // Matthias Hoc

Weiß erlaubt sich sogar, auf Amazon zu pfeifen. Die Bücher aus dem Erich-Weiß-Verlag gibt es dort nicht zu kaufen .„Amazon würde vom Verkaufspreis einen so hohen Anteil behalten, dass darauf keine Lust habe“, sagt Weiß.  Auf "50 bis 60 Prozent" beziffert Weiß den Anteil, den Amazon für sich selbst reklamieren würde.   

Dass Amazon manche Bücher aus dem Erich-Weiß-Verlag daraufhin als „derzeit nicht lieferbar“ ausweist, ärgert ihn. Mögliche Käufer könnten sich davon entmutigt fühlen, das betreffende Buch im stationären Handel zu bestellen. Einer juristischen Auseinandersetzung mit Amazon geht Weiß trotzdem aus dem Weg: „Gegen die Anwälte von Amazon hätte ich doch eh keine Chance.“

Marketing? Nein, danke 

Weiß gönnt sich außerdem das Privileg, die kapitalistische Steigerungslogik zu unterlaufen. Wenn er 500 Exemplare eines Buchs verkauft hat, dann will Weiß nicht sofort 500 weitere an die Käufer bringen. „Ich freue mich einfach darüber, dass ich 500 Bücher verkauft habe. Ganz einfach“, sagt er. Weiß ist zufrieden mit dem, was ist. Auch diese Freiheit gesteht er sich zu.  

Marketing, Kundenanalyse, Social Media?
„Viel zu anstrengend und außerdem nicht meine Welt.“

Ein Millionär ist er nicht geworden

Mit einem Träumer oder gar einem antikapitalistischen Systemsprenger darf man Weiß dennoch nicht verwechseln. Seit seine langjährige Druckerei in Thüringen die Preise „fast verdoppelt“ hat, lässt Weiß die Bücher eben im noch günstigeren Polen drucken. "Ich muss ja schließlich auch von etwas leben", sagt er. 7000 Euro muss Weiß für 1000 Exemplare inzwischen in die Hand nehmen. Viel Geld, sagt er.  "Das muss ich erst mal wieder einspielen."   

Erich Weiß im Entscheidungszentrum seines Verlags. Es handelt sich um ein vollgestelltes Zimmer in seiner kleinen Wohnung.
Erich Weiß im Entscheidungszentrum seines Verlags. Es handelt sich um ein vollgestelltes Zimmer in seiner kleinen Wohnung. // Foto: Matthias Hoch

Erich Weiß ist so eigensinnig, wie er im Zweifel pragmatisch sein kann. Mit dieser Einstellung hat er es zwar nicht zum Millionär gebracht,  „was sicherlich schön gewesen wäre“. Aber sein Verlag wirft genug ab, um über die Runden zu kommen. Vor allem aber verschafft ihm der Verlag die Gewissheit, das Leben nicht als Angestellter in einem Büro verschwendet zu haben.  

Wie Erich Weiß die Zukunft plant 

Erich Weiß ist heute 67 Jahre alt. Wie lange er noch weitermacht, hält er sich offen. Er ist auch in dieser Frage niemand anderem Rechenschaft schuldig als sich selbst. Die Suche nach einem Nachfolger hat er aufgegeben. „Ich habe“, sagt er, „aber auch nie wirklich gesucht.“

Der Erich-Weiß-Verlag hat mit ihm begonnen.
Er wird mit Erich Weiß auch zu Ende gehen. 

Lesen Sie auch: 

Inhalt teilen
  • kopiert!