Natürlich ließe sich diese Geschichte auch aus der Perspektive der jungen, auf den Namen Lotte hörenden Frau erzählen. Wie, nur so als Beispiel, muss sich das für Lotte angefühlt haben, als der junge Werther einfach nicht locker ließ, als er jede ihrer freundschaftlichen Gesten zum ultimativen Liebesbeweis aufblies? Wie muss sich das für Lotte angefühlt haben, als Werther selbst vor aufgezwungenen Berührungen und Küssen nicht Halt machte?
Aber diese Geschichte erzählt Johann Wolfgang Goethe in seinem 1774 geschriebenen und rasch zum Klassiker avancierten Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" eben gerade nicht.
Alles dreht sich nur um Werther
Lieber stellt Goethe seinen Roman ganz in den Dienst des heroisch leidenden männlichen Ichs. Goethe erzählt von einem jungen Mann, der sich lieber selbst das Leben nimmt als sich ins gesellschaftlich und auch zwischenmenschlich Gebotene zu schicken.
Es geht um Werther, Werther, Werther.
Es geht um Ich, Ich, Ich.
Alles, was wir wissen, wissen wir durch Werther
In ihrer Inszenierung am Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater tragen Regisseur Moritz Nikolaus Koch und Dramaturgin Petra Schiller dieser subjektiven Erzählperspektive auf schlüssige Weise Rechnung.
Auf der mit Stuhl, Tisch, Smartphone und weißer Leinwand spartanisch eingerichteten Bühne steht Werther vollkommen allein. Alles, was wir wissen und erfahren, wissen und erfahren wir durch ihn. Er ist ein Chronist des eigenen Glücks und des eigenen Niedergangs.
Dass es sich bei Werther um einen unzuverlässigen Erzähler handelt, bleibt schon bei der Lektüre des Romans nicht lange verborgen. Noch lebhafter ist dieser Eindruck im Bamberger Theater. Marek Egert spielt den jungen Werther fiebrig und aufgekratzt, mit empfindungssüchtig weit aufgerissenen, dann wieder erloschenen Augen.
Ein Stürmer und Dränger, der ausschließlich nach eigenen Maßstäben denkt, lebt und liebt. Einer, der seine eigene Erfindung sein will. Ein Ich-Begeisterter. Einer, der ausschließlich in Großbuchstaben denkt und spricht.
Der junge Werther verliert den Verstand
Die Lebens- und Liebeskrise von Werther ist auch eine Krise der Männlichkeit. Sein eigenes Ideal von sich selbst kollidiert mit den Ansprüchen der sozialen Wirklichkeit.
Statt Kontrolle empfindet er Ohnmacht und Versagen. Die verwaltete Welt ekelt ihn. Ihn ekeln die Konventionen und Hierarchien, ihn ekelt die verfeinerte Grammatik des Sozialen. Gegen all diese Zumutungen verteidigt Werther das Recht auf die eigene Empfindungen. Seine Tragik liegt darin, dass er in diesem Abwehrkampf erst den Takt und schließlich den Verstand verliert.
Marek Egert liefert eine große Show
Marek Egert spielt diesen zerrissenen jungen Mann auf grandiose Weise. In keiner der 75 Minuten Spielzeit gerät ihm sein Werther zur Karikatur. Noch im emotionalen Ausnahmezustand spielt Egert feinnervig und nuanciert.
Wenn das Wort von der "One-Man-Show" nicht so streng nach männlicher Selbstergriffenheit klingen würde, würde man an dieser Stelle gerne schreiben: "Marek Egert liefert eine furiose One-Man-Show."
Dieser Werther schreibt keine Briefe mehr
Dass Werther auf der Bamberger Bühne seine Botschaften nicht mehr als Briefe verfasst, sondern als Video- und Sprachbotschaften ist eine naheliegende Verbeugung: sowohl vor den medialen Produktionsmittel unserer Zeit als auch vor den aktuellen Formen der Selbstoffenbarung.
Zwingend notwendig wäre diese Modernisierung aber ebenso wenig gewesen wie die sanfte Anpassung der Sprache: „Wilhelm, ich bin lost.“
Nichts am "Werther" ist veraltet
Denn nichts an dieser Geschichte des jungen Werther ist veraltet oder gar aus der Zeit gefallen. Im Gegenteil, Goethes "Werther" erzählt eine Geschichte, in der sich wahrscheinlich bis zum Ende der Menschheit junge und älter gewordenen Männer erkennen werden.
Sie kennen das verzehrende Feuer des unglücklich Verliebtseins. Sie kennen das zur unumstößlichen Gewissheit verhärte Gefühl, ohne die eine unerwiderte Leben schlichtweg nicht weiterleben zu können. Sie kennen das damit verbundenen Peinliche, Jämmerliche und Taktlose.
Nächtliche Fahrten mit dem Auto
Sicher kennen die jungen und die älter gewordenen Männer auch eine jener einsamen nächtlichen Fahrten mit dem Auto, die auf der Bamberger Bühne in einem Video zu sehen ist. Dazu barmt aus dem Autoradio eine dünne Stimme im selbstmitleidigen Trotz: „It’s okay. Someday I'm gonna be with you.“
Das ist alles so nah am Leben, das es beim Zuschauen weh tut. Wer sich traut, blickt beim Bamberger "Werther" in die Abgründe der eigenen Biografie.
Der junge Werther: "Ich will sterben"
“Ich will sterben“, sagt Werther. Als es geschehen ist, herrscht im Publikum sekundenlang Stille. Keine Hand rührt sich zum Applaus.
Als wisse das Publikum nicht so recht, ob es aus Gründen des Anstands jetzt überhaupt klatschen soll. Dann besinnt es sich: großer Jubel.
Lesen Sie auch:














