„Die Menschen frieren, haben kein Essen, und mittendrin gebären Frauen!“ Mit schnellen, sich überschlagenden Worten, unruhig und voller Tatendrang, erzählt Julia Salzmann von der Lage auf der ukrainischen Seite der Grenze zu Polen. Wie es dort zugeht, darüber hatte sie ein befreundeter polnischer Aktivist in Breslau informiert.
Die junge Bambergerin machte sich am Samstag (26. Februar) gemeinsam mit ihrer Freundin Mariya Zoryk auf den Weg, um Winterkleidung, Schlafsäcke, Konserven, Taschenlampen und viele weitere Hilfsgüter zu den notleidenden Menschen zu bringen. Gesammelt wurden die Sachspenden vom Team der Bamberger Kurzfilmtage, zu dem die beiden gehören. Im polnischen Breslau tauschen sie sich mit anderen Aktivisten über die Lage aus und organisieren die Weiterfahrt.
Grenze zwischen Polen und Ukraine: Kaum medizinische Versorgung
Nachdem sie eine Nacht im zum bersten vollgepackten Transporter der Brauerei Fässla durchgefahren waren, verbrachten die jungen Frauen die Zeit bis Montagnachmittag in einem Hotel in Breslau, etwa auf halbem Weg zur Grenze. „Wir haben uns hier auch mit befreundeten Aktivisten aus Deutschland, Polen und der Ukraine ausgetauscht. Wir fordern eine Luftbrücke und mehr internationale Hilfe an den Grenzen“, erklärt Salzmann ihr weiteres Engagement vor Ort. Denn wie den beiden berichtet wurde, mangele es an Grenzpersonal für eine zumindest einigermaßen geregelte Flucht aus dem Kriegsgebiet. Zudem an medizinischer Versorgung.
Laut UN-Flüchtlingshilfswerk sind bereits über 500.000 Menschen aus der Ukraine geflohen. Etwa 20 Ukrainerinnen und Ukrainer sind mittlerweile in Bamberg angekommen, wie die Stadt mitteilt. Laut Zweitem Bürgermeister Jonas Glüsenkamp kommen sie derzeit bei Bekannten in Bamberg unter, die sie größtenteils auch von der Grenze abgeholt hätten.
Polnische Flüchtlingshelfer hätten sich laut Salzmann bereits vor einigen Wochen gut vorbereitet, es gebe hier eine breite Struktur für die Aufnahme. Die Erstanlaufstelle in der Innenstadt von Breslau wirke richtig modern – sei allerdings noch fast leer. Nur vereinzelt kämen Familien am Bahnhof oder mit dem Auto an. Die meisten müssten an den Grenzen verharren. „Ein Freund aus Kyiv mit Kontakt nach Polen hat mit seiner Familie zwei Tage durchgehend im Auto verbringen müssen, um über die Grenze zu kommen – obwohl er mit der erste war, der geflohen ist“, erzählt Salzmann.
Weiter gen Osten - Richtung Ukraine
Ihr und Zoryk gehe es soweit gut: „Wir haben schlafen können und sind auch nicht alleine hier, sondern gut vernetzt.“ Zur befreundeten jungen Filmemacherin Anastasiia Falileiva aus Kyiv, die zu den Bamberger Kurzfilmtagen 2022 in der Welterbestadt war, steht Salzmann außerdem in ständigem Online-Kontakt. Falileiva hält sich derzeit in der Nähe der Hauptstadt auf. Ihr letztes Hab und Gut in einem kleinen Rucksack, schläft sie dort auf dem Boden in einem Keller und hofft auf Frieden.
Zwar hatte die russische Armee kürzlich verkündet, dass die Menschen Kyiv Richtung Südwesten frei verlassen dürften. Nur sei unklar, was dahinter steckt: Es könne sein, dass Wladimir Putin damit den wohl unterschätzten Widerstand der Ukraine brechen will. Oder er plane ein großflächiges Bombardement der Hauptstadt, was Salzmann große Sorgen bereitet. „Ich weiß nicht, ob ich Anastasiia noch mal wiedersehen werde. Es tut so weh, und ich kann nichts machen“, sagt sie, mit den Tränen kämpfend.
Auch mit Zoryks Mutter sind sie in ständigem Kontakt. Sie wohnt in Lemberg, arbeitet dort in einer Apotheke. Zoryks Mutter will dort bleiben und bei der Versorgung Verwundeter helfen. „Aber wir versuchen, sie zum Verlassen des Landes zu bewegen“, sagt Salzmann. Etwa über einen Helfer aus Stuttgart, der bereits die Grenze überquert und Hilfsgüter abgeliefert habe. Dessen Auto sei aber schon voll, er nehme schon eine ganze Familie mit einem Neugeborenen mit nach Deutschland. Nun versuchen Salzmann und Zoryk, die Mutter über andere Helfer außer Landes zu bekommen.
Benzin kann an der Grenze in Polen knapp werden
Und wie geht es mit dem Hilfstransport weiter? „Wir würden am liebsten sofort rein und dort helfen, wo es am nötigsten ist. Aber wir müssen abwarten, wie die Sicherheitslage ist“, sagt Salzmann. Der befreundete Stuttgarter habe vor einem „blinden“ Übertreten der Grenze gewarnt: Die Situation sei chaotisch und gefährlich – auch für die Psyche. Nur wer sich auskenne und vernetzt sei, sollte ins Grenzgebiet, betont Salzmann.
Zunächst überlegten die Bambergerinnen auch, in Breslau auf einen Lastwagen anderer Aktivisten zu warten und ihre Sachspenden umzuladen. Am späten Nachmittag entschließen sich Salzmann und Zoryk aber dann doch noch dazu, Benzin einzukaufen – das könne in der Grenzregion knapp werden. Sie steuern einen Ort auf der polnischen Seite der Grenze an, um dort umzuladen – damit die Hilfen aus Bamberg möglichst schnell ankommen. Welcher Ort das genau ist, wollen sie auf der Fahrt entscheiden. Die Helferinnen haben noch über 500 Kilometer vor sich.
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