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Pro und Contra
Solarmodul-Debatte: Natur oder Welterbe schützen?
Solarmodule auf Dächern in der Altstadt sollen für sauberen, CO2-freien Strom in Bamberg sorgen.
Solarmodule auf Dächern in der Altstadt sollen für sauberen, CO2-freien Strom in Bamberg sorgen. // wjarek/adobestock.com
Bamberg – Photovoltaikanlagen auf Bambergs Dächern: Sind Nachhaltigkeit und Denkmalschutz miteinander zu vereinbaren? Zwei Experten haben dazu eine klare Meinung.

Autark, flächendeckend und zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien bestehend soll die Energieversorgung bis zum Jahr 2035 sein – dieses ehrgeizige Ziel haben sich Stadt und Landkreis Bamberg im Zuge der Klimaallianz bereits vor einigen Jahren gesetzt. Wichtige Eckpunkte dabei sind Solarthermie- und Photovoltaikanlagen (PV).

Die Vorteile dafür liegen klar auf der Hand: Die Sonne steht als unerschöpfliche Energiequelle zur Verfügung. Sie kostet also nichts. Zudem produziert so gewonnener Strom keinen Lärm, keinen unangenehmen Geruch, keine Emissionen und keine Schadstoffe.

Doch einfach gestaltet sich der Ausbau von PV-Anlagen in der Bamberger Altstadt nicht. Denn ein ganz besonderer Reiz der Domstadt ist ihre mittelalterliche Dachlandschaft. Schon die Juroren der Unesco waren 1993 bei der Anerkennung der Altstadt als Weltkulturerbe davon beeindruckt. Ein Blick auf verbaute Solarmodule zerstört möglicherweise das historische Stadtbild. Zudem stellt sich die Frage, inwieweit denkmalgeschützte Gebäude Änderungen vertragen, um sie auf erneuerbare Energieformen umzurüsten.

Vor- und Nachteile

Auf dieser Seite lassen wir einen Befürworter und eine Gegnerin von PV-Anlagen auf den Dächern der Bamberger Altstadt zu Wort kommen: Erich Spranger vom Bund Naturschutz fordert angesichts der Klimakrise und des Kriegs in der Ukraine einen zügigeren Ausbau der erneuerbaren Energien- und das im gesamten Stadtgebiet.

Ihm etwas skeptisch gegenüber steht Karin Dengler-Schreiber, die Vizevorsitzende des Bayerischen Landesdenkmalrats und ehemalige Stadtheimatpflegerin. Sie will die großartige Dachlandschaft in Bamberg nicht zerstören.

 

Pro von Erich Spranger – 2. Vorsitzender Bund Naturschutz Kreisgruppe Bamberg:

Erich Spranger.
Erich Spranger. // privat

Klimakrise und der Krieg Russlands zwingen uns immer dringlicher, die fossilen Brennstoffe zu ersetzen. Die Herausforderungen sind riesig. Wir müssen alle Möglichkeiten des Energiesparens, der Energieeffizienz und des Ausbaus der erneuerbaren Energien nutzen. Auch der Bereich des Weltkulturerbes bietet Raum für PV-Anlagen. Allerdings sind wir der Bewahrung des Welterbes mit seiner einzigartigen Dachlandschaft verpflichtet. Deshalb kann eine solare Nutzung nur sehr eingeschränkt und behutsam vorgenommen werden.

Einzelfall prüfen

Dennoch sollten wir nach Einzelfallprüfung und anhand von Kriterien das Welterbe vermehrt für die PV-Nutzung öffnen. Hierfür bieten sich zum Beispiel nicht unmittelbar einsehbare Bereiche an, insbesondere auf nicht historischen Gebäuden. Mittlerweile gibt es reflexionsarme Module in verschiedenen Größen und Farben, teils direkt ins Dach integriert. Somit kann eine Anlage optisch sehr gut an die Dachgestaltung angepasst werden. Mit Solardachziegeln ließen sich weitere Dachflächen erschließen. Allerdings sind Solarziegel-Anlagen aufwendig.

Nebenbei bemerkt: Während die PV-Nutzung – überlegt eingesetzt – nur gering oder gar nicht optisch beeinträchtigt, ist dies bei der kompletten technischen Überprägung des Welterbes durch Autos (Verkehr, Parkplätze, Versiegelung) anders. Dies wird allerdings kaum thematisiert.

Die PV-Nutzung ist im Welterbe aufgrund des Denkmalschutzes und der baulichen Gegebenheiten stark eingeschränkt und überwiegend relativ aufwendig. Um so dringender ist es, Photovoltaik im übrigen Stadtgebiet zügig und stark auszubauen.

Es gibt viel zu tun

Der Nachholbedarf ist enorm. Enorm sind auch die Potentiale, viele davon sogar – im Gegensatz zum Welterbebereich – leicht zu erschließen. Ich denke nicht nur an Wohngebäude, sondern auch an Supermarktdächer, immer noch viele öffentliche Gebäude, Gewerbegebäude, jede Menge Großparkplätze, und so weiter. Die Stadt, insbesondere der Innenstadtbereich wird immer energetisch von außen mitversorgt werden müssen. Dennoch sollte möglichst viel Energie in der Stadt selber erzeugt werden. Dafür ist in der Stadt ein ambitionierter Ausbau von PV-Anlagen zwingend nötig.

Die größte energetische Herausforderung für das Welterbe und die Stadt insgesamt ist aber eine klimaneutrale Wärmeversorgung. Für die Wärmeversorgung könnten Fern- beziehungsweise Nahwärmenetze, Wärmepumpen und Wasserstoff eingesetzt werden. Die Energie hierfür muss allerdings auch größtenteils von außerhalb des Welterbes beziehungsweise der Stadt kommen. Dafür brauchen wir die gesamte Region Bamberg. Es gibt viel zu tun!

 

Contra von Karin Dengler-Schreiber – Stv. Vorsitzende des Bayerischen Landesdenkmalrats:

Karin Dengler-Schreiber.
Karin Dengler-Schreiber. // privat

Die Dachlandschaft der Bamberger Altstadt ist Teil des Stadtdenkmals und besonders sensibel, weil von so vielen Seiten einsehbar. Sie ist ein bedeutender Baustein des Weltkulturerbes Bamberg und darf nicht beschädigt werden. Glitzernde, gerasterte Solaranlagen auf Dächern, die man vom Rosengarten, vom Michelsberg, von einem der vielen Türme oder von den wichtigen Sichtachsen aus sieht, wären eine solche Beschädigung.

Das heißt aber nicht, dass in Bamberg überhaupt keine Anlagen für erneuerbare Energien möglich wären. Wie immer in der Denkmalpflege gibt es da kein Ja oder Nein; notwendig sind stets pragmatische Lösungen, die für jeden Einzelfall geprüft werden müssen.

An nicht einsehbaren Stellen oder auf Nebengebäuden werden Solar- beziehungsweise Photovoltaikanlagen von den kundigen Mitarbeitern der Denkmalpflege auch schon seit Jahren genehmigt.

Förderung andenken

Außerdem gibt es inzwischen zahlreiche neue Entwicklungen – Folien, Solarziegel und ähnliches –, die optisch so verbessert wurden, dass sie in weniger empfindlichen Bereichen des Stadtdenkmals eingesetzt werden können. Wenn „denkmalverträgliche“ Solaranlagen kostenintensiver sind als der Standard, ist eine Förderung anzudenken.

Doch es wird immer auch Fälle geben, die sich nicht für eine Solaranlage eignen. Ein Haus mit einem mittelalterlichen Dachstuhl und historischen Dachziegeln – da geht es einfach nicht. Wir können auch den Dom nicht „photovoltaiisieren“, obwohl da ja ziemlich viel Dachfläche zur Verfügung stünde.

Genügend Dachflächen außerhalb des Stadtdenkmals

Vielleicht hilft auch der Blick auf einen größeren Zusammenhang weiter. Nur zwei bis drei Prozent der Gebäude in Deutschland sind Baudenkmäler. Ihr Beitrag zur Erzeugung regenerativer Energie könnte also nur sehr klein sein. Selbst in Bamberg mit seiner außerordentlichen Denkmaldichte umfassen die Einzeldenkmäler nur etwa 3,5 Prozent des gesamten Bestands an Wohngebäuden in der Stadt.

Für die Produktion von Solarstrom stehen also genügend Dachflächen außerhalb des Stadtdenkmals zur Verfügung; man muss sie nur nutzen.

So sehr ich den Wunsch von Hausbesitzern verstehen kann, Strom und Wärme auf dem eigenen Dach zu erzeugen und damit sozusagen „autark“ zu werden, in manchen Fällen wird das nicht möglich sein. Das ist einfach der Preis, den wir für die berühmte, beglückende und auch lukrative Schönheit unserer Stadt zahlen müssen.

 

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