Alle Päckchen an Bamberger Amazon-Kunden durchlaufen ein langes Fließband im Pommersfeldener Gewerbegebiet. Elektronischer Reggae-Sound hallt durch die kühle Halle. Ein Bügeleisen rollt vorbei, ein Staubsauger, dann ein Elektro-Bohrer. Der Rest der Pakete verrät seinen Inhalt nicht – nur den grinsenden Pfeil des Mutterhauses mit einem unfassbaren Jahresumsatz von 513,98 Milliarden US-Dollar und Sitz in Seattle, USA. Drei Schichten, sechs Tage in der Woche: Eingetaktet vom Computer sind es Menschen, die hier tagtäglich den schier endlosen Strom der Amazon-Päckchen bewältigen.
„Es gibt bei uns keine Leistungsvorgaben. Es geht darum, dass die Prozesse möglichst smooth laufen“, erklärt Amazon-Pressesprecher Steffen Adler und führt durch das Verteilzentrum. „Wir haben keinen Akkord“, betont Patrick Combes. Der gebürtige Bamberger leitet den 2021 eröffneten Standort in Pommersfelden. Der Chef von rund 100 Mitarbeitern erklärt: „Wir brauchen einen Flow am Band. Wenn der Flow zu groß ist, also zu viele Pakete aufs Band kommen, fallen die hinten wieder runter und müssen nochmal drauf. Das würde die Mitarbeiter frustrieren. Daher bringt Geschwindigkeit allein am Band nichts. Es muss rund laufen.“
Amazon kontert Kritik der Gewerkschaft
Natürlich kennen Combes und Adler die Vorwürfe, die sich gegen ihr Unternehmen richten. Verdi hat dem Online-Versandhändler eine eigene Internetseite gewidmet. „Hoher Leistungsdruck, Tarifverweigerung, Überwachung und ein gewerkschaftsfeindliches Verhalten“: Das sind nur einige der Kritikpunkte der Gewerkschaft. Dazu Sicherheitsverstöße während der Pandemie.
Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen in Pommersfelden penibel jede Sicherheitsvorkehrung zeigen, vom Rollschutz am Ziehwagen bis zu kostenlosen Getränken, von der Elektrolyt-Brause bis zum Anfahrtstopp am Lkw.
So ist der Stundenlohn im Verteilzentrum bei Amazon
15 Lastwagen pro Nacht fahren im Schnitt die großen Tore des Verteilzentrums an. Während die menschlichen Mitarbeiter jedes Päckchen aufs Band bringen, errechnet der Computer, in welcher Versandtasche die Ware am Ende des Bandes landen soll – kein Koffer darf mehr als 23 Kilo wiegen. Bunte Leuchtketten zeigen auf, wo der Mitarbeiter das Paket einsortieren muss. Eine Qualifikation braucht es für diese Tätigkeit nicht. Deutschkenntnisse auch nicht. 20 bis 25 verschiedene Nationen sind am Standort vertreten. Für den Ramadan gibt es einen eigenen Gebetsraum.
Wie ist die Bezahlung am Band? „Ab September gibt es dafür 15 Euro brutto. Wer zwei Jahre da ist, steigt automatisch auf 17.92 Euro. Viele erreichen das aber bereits früher, weil sie in der Zwischenzeit in ein höheres Job-Level aufsteigen. Das ist bei uns auch ohne Qualifikation sehr gut möglich“, sagt Adler.
Die Pommersfeldenerin Christiane Epler hat sich so zur rechten Hand des Supervisors hochgearbeitet. Vorher hat sie in der Groß-Gastronomie gearbeitet und ist in der Corona-Zeit hier her gewechselt – und geblieben. Sie wohnt nur fünf Geh-Minuten entfernt. „Die Herausforderung hier ist es, alles in Zaum zu halten. Den Überblick zu behalten. Und die neuen Mitarbeiter anzulernen“, berichtet Epler.
Neue Mitarbeiter gibt es häufig. Amazon nutze in Pommersfelden systematisch Leiharbeit, die eigentlich geschaffen wurde, um Spitzen abzufedern, kritisiert Thomas Hampel.
Der Verdi-Gewerkschaftssekretär hält die Arbeitnehmervertretung in Pommersfelden insgesamt für problematisch. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Einen Vertrauensarbeiter auch nicht.
Amazon kontert: Wer ein Problem habe, könne direkt den Vorgesetzten ansprechen. Regelmäßig gebe es anonyme Mitarbeiterbefragungen. „Wir setzen auf den kurzen Dienstweg“, erklärt Standortleiter Combes. „Wenn kurzfristig viel Arbeit anfällt, dann heißt es: All hands on deck. Dann stehe auch ich als Standortleiter mit am Band und packe mit an.“ Der 44-Jährige erinnert sich an vergangenes Weihnachten, als es viele Krankheitsausfälle gab. „Da stand ich mit am Band. Da wird dann schon humorvoll kommentiert, wenn ich nur halb so viele Pakete schaffe, wie mein Gegenüber. Diese Hands-on-Mentalität ist bei uns Daily Business. Dadurch verliert man auch nicht den Kontakt zu den Mitarbeitern.“
Fahrer haben einen schweren Job
Kontakt zum Kunden haben später nur die Paketausfahrer, die am anderen Ende der Halle die fertig sortierten Taschen in Empfang nehmen. Keiner davon ist bei Amazon selbst beschäftigt. Der Online-Riese setzt auf externe Fahrdienste. Auch hierauf richtet sich die Kritik von Hampel und seiner Gewerkschaft Verdi: „Die Fahrer werden von ihren Vorgesetzten reingetrieben. Pausen müssen gerechtfertigt werden. Dabei sind sie es ja, die mit dem Amazon-Schild am Wagen zum Kunden fahren.“
Konfrontiert mit der Kritik rechtfertigt sich Amazon. „Wir haben in Pommersfelden sechs Lieferpartner im Einsatz, im Durchschnitt haben die jeweils etwa 40 Mitarbeiter“, sagt Adler. „Wir haben klare Erwartungen, wie Lieferpartner fair und respektvoll mit Mitarbeitenden umgehen. Das ist erstens vertraglich festgelegt, zweitens auditieren wir die Partner regelmäßig und – drittens – über die Fahrerhotline können die Mitarbeitenden der Lieferpartner jederzeit arbeitsrechtliche Verstöße ansprechen, auch anonym.“
Hampel und Verdi betrachten Amazon weiter kritisch. Die pünktliche Logistik der Firma funktioniert. „Aber wer als Mitarbeiter nicht funktioniert, der hat ein Problem in diesem System.“














