Die Bauern sind außer sich vor Wut. Das lassen sie seit Beginn dieser Woche das Land und seine Leute spüren.
Wütend sind die Landwirte schon seit Längerem. Sie sind es auf die Politik, die Konsumenten und die Discounter. Dann wollte die Ampel-Koalition ihnen auch noch die Steuervergünstigungen auf den Agrardiesel streichen. Das war der Funken, der die Wut der Bauern zum Kochen brachte.
Bauernverband: "Wir haben die Schnauze voll"
„Die Landwirte haben wirklich die Schnauze voll, und das vollkommen zurecht“, sagt dazu Torsten Gunselmann. Er ist Sprecher des Bayerischen Bauernverbands (BBV) in Oberfranken.
In seinen Augen ist die Wut der Landwirte auch deshalb so groß, weil es in der Landwirtschaft unter den herrschenden Bedingungen an Alternativen zum Diesel fehle.
Keine Alternativen zum Agrardiesel: Stimmt das denn?
Fendt produziert einen Traktor mit Elektroantrieb
Anruf bei der Firma Fendt: Der Landmaschinenhersteller mit Sitz im bayerischen Marktoberdorf gehört zu den umsatzstärksten Akteuren auf dem Markt. Bei den in Deutschland neu zugelassenen Traktoren kam Fendt zuletzt auf einen Marktanteil von über 17 Prozent.
Jetzt wagt das Traditionsunternehmen den Aufbruch ins Zeitalter der Elektromobilität. Der Traktor mit dem Namen Fendt e100 V Vario hat eine Leistung von 75 PS, die Akkulaufzeit beziffert eine Sprecherin von Fendt auf bei vier bis sechs Stunden. Ab Mitte dieses Jahres sollen die ersten Exemplare ausgeliefert werden.
Das bevorzugte Einsatzgebiet des elektrifzierten Schmalspurschleppers identifiziert Fendt in Wein- und Obstplantagen. Auch für kleinere Arbeiten auf dem Hof sei der Fendt e100 V Vario prädestiniert.
Damit, sagt die Fendt-Sprecherin, seien die denkbaren landwirtschaftlichen Einsatzgebiete aber auch schon erschöpfend beschrieben. Alles andere, ob Arbeiten auf dem Feld oder bei der Ernte: nichts für den neuen Fendt e100 V Vario. „Landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge müssen auf dem Acker extrem schwere Zug- oder Erntetechnik transportieren. Und dafür brauchen sie viel Kraft“, sagt die Fendt-Sprecherin.
Fendt: Die Batterien wären viel zu groß
Das Gros der in Deutschland verkauften Traktoren sind aus diesem Grund zwischen 200 und 250 PS stark. In diesem Leistungsbereich eigneten sich Batterien aber nicht, keine Chancen. „Die müssten in dem Fall einige Tonnen schwer sein, das ist jenseits aller Vorstellung“, sagt die Fendt-Sprecherin.
Damit nicht genug mit dem, was die Fendt-Sprecherin aus Gründen der technischen Machbarkeit für derzeit unvorstellbar hält. E-Fuels? „Zu teuer und zu wenig Angebot.“ Wasserstoff? Von einer Marktreife noch "Lichtjahre“ entfernt.
Biokraftstoffe hätten für Landwirte gleich mehrere Vorteile
Versteht man die Fendt-Sprecherin richtig, dann bleiben die Landwirte auf unbestimmte Zeit auf Agrardiesel angewiesen. "Ja, Diesel ist in der Landwirtschaft alternativlos", sagt die Sprecherin.
Ja, sagt auch Torsten Gunselmann vom BBV. Dann fällt er sich selbst ins Wort: „Aber das müsste nicht sein. Die Lösung könnte so einfach sein.“
Die Lösung, an die Gunselmann denkt, heißt „Biokraftstoffe“. Dahinter verbergen sich Pflanzenöl und Biodiesel. In der Perspektive von Gunselmann könnten Biokraftstoffe sowohl CO₂-Emissionen als auch die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern mildern. „Und das Beste wäre: Die Landwirte könnten ihren Kraftstoff sogar selber produzieren."
Die Grünen halten nichts von Biokraftstoffen
Es ist keineswegs so, dass Mitglieder der Bundesregierung die Vor- und Nachteile von Biokraftstoffen nicht gegeneinander abgewogen hätten. Nur sind sie zu einem vollkommen anderen Schluss gekommen als der BBV.
Denn hergestellt werden Biokraftstoffe aus Nahrungs- und Futterpflanzen wie Raps, Mais oder Getreide. Aus diesem Grund möchte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) Biokraftstoffe aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen bis 2030 verbieten.
Ihr Parteifreund und Bundeslandeswirtschaftsminister Cem Özedemir hat sich diese Forderung zu eigen gemacht. Auch er will Nahrungspflanzen lieber auf dem Teller als im Tank sehen.
So sind es ein weiteres Mal die Grünen, von denen sich die Landwirte bevormundet und provoziert fühlen. „Wenn die Grünen uns den Diesel nehmen wollen, dann sollen sie uns zumindest die Biokraftstoffe lassen“, sagt BBV-Sprecher Gunselmann.
Lisa Badum ist offen für Biokraftstoff
Bei der Bamberger Bundestagsabgeordneten Lisa Badum stößt Gunselmann sogar auf offene Ohren. Die Grünen-Politikerin ist aufgeschlossen dafür, Biokraftstoffen in der Landwirtschaft eine größere Bedeutung einzuräumen. "Biokraftstoffe sind nicht die Lösung für den Straßenverkehr. Für die Landwirtschaft aber könnten sie Teil der Lösung sein", sagt Badum.
Ihren Vorstoß begreift Badum auch als Versuch, "die Debatte um das Agrardiesel wieder zu versachlichen".
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