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Wird's ein Sommermärchen 2.0?
Brauer, Händler, Gastronomen: Der Wirtshaus-Effekt der EM
Fußballfans in Extase
Wird die Fußball EM 2024 ein neues Sommermärchen? Die Stimmung im Land hängt an der Leistung der Nationalmannschaft. // dpa
Mehrwert Magazin
Bamberg – Aus in der Vorrunde, oder stemmt gar ein deutscher Spieler am 14. Juli den Pokal in den Berliner Nachthimmel? Vom Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft hängt bei der Fußball-EM einiges ab für die Brauer, Gastronomen und Sportartikelhändler in der Region.

Keine Angst. „Das fränkische Bier wird uns trotz Fußball-EM nicht ausgehen.“ Bedeutet das, man ist gut vorbereitet? Oder schwingt da doch die Angst mit, dass die EM bei einem schlechten Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft für die hiesigen Gastronomen, Brauer und Sportartikelhändler zum Ladenhüter wird? Die Brauer in Oberfranken blicken jedenfalls entspannt auf das Fußball-Großereignis, das erstmals seit 1988 wieder komplett in Deutschland stattfindet.

Ablenkung von Themen wie Krieg, Corona oder Inflation

Geschäftig, nicht hektisch, geht es zu in den Brauereien. Das höchste Zugeständnis ist hier und da ein etwas süffigeres Sommerbier. „Wir sind schon vorbereitet auf die EM, wir haben genügend Bier. Wir hoffen, dass das Wetter mitspielt und die Stimmung gut ist. Wir gehen davon aus, dass unsere Jungs weiterkommen“, meint Antunovic Mijodrag, Geschäftsführer von Mahrs Bräu in Bamberg.

Die Brauer freuen sich auf Umsätze, vor allem aber auf gute Stimmung. Denn der Sommer belebt auch ohne Fußball regelmäßig das Geschäft. Ablenkung von Themen wie Krieg, Corona oder Inflation aber täte allen gut, sagt der Bamberger Bierbrauer. „Vielleicht wird es ja ein Sommermärchen 2.0.“ Public Viewing, also gemeinsam vor einer riesigen Leinwand draußen die EM-Spiele schauen, ist für die meisten aber kein Thema. Die Brauer, oft zugleich Wirte, fürchten die Kosten, das komplizierte Antragsprozedere und die damit verbundenen behördlichen Auflagen.

Wirtshaus-Effekt der Fußball-EM

Weil Bier zum Fußball gehört, hofft man in der Region, dass die deutsche Mannschaft nicht gleich in der Vorrunde aus dem Turnier ausscheidet. „Je weiter sie kommen, desto besser ist das fürs Geschäft“, meint Oswald Kundmüller vom Brauerei-Gasthof Kundmüller in Viereth-Trunstadt. „Wenn sie ins Finale kommen, dann ist das sehr gut.“ Extra für die EM werde nicht gebraut, aber es gebe ein Extra-Bier für das Bauereifest. Roland Kalb von der Brauerei Fässla in Bamberg glaubt an einen Wirtshaus-Effekt der Fußball-EM: „Jedes deutsche Spiel bringt einen Schub. Jedes Spiel, wo die deutsche Mannschaft weiterkommt, bringt Hektoliter.“

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Auch die Sport- und Fanartikel-Verkäufer hoffen auf die Fußball-Europameisterschaft als Stimmungsaufheller. Robert Leithner von Intersport-Leithner in Kulmbach erwartet als Sondereffekt zehn Prozent mehr Umsatz. „Einerseits aus den Fanartikelverkäufen, andererseits hoffentlich auf Basis einer positiven Stimmung, die dem Standort Deutschland derzeit fehlt.“ Leithner beobachtet Kaufzurückhaltung und eine unterdurchschnittliche Zuversicht. Gemeinschaftliche Events wie die Europameisterschaft, so hofft er, seien eine große Chance – wenn Deutschland gut abschneidet.

„Wir wünschen uns allen ein tolles Turnier"

Genau das hofft auch Marc Wittke vom gleichnamigen Sportladen in Hallstadt. Mit Extra-Umsätzen durch einen Europameisterschafts-Effekt rechnet er nach den Erfahrungen der letzten beiden WM-Turniere und der EM 2020 diesmal nicht. Bei den letzten drei Fußball-Großereignissen waren die Deutschen immer früh raus. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. „Wir wünschen uns allen ein tolles Turnier mit einer Stimmung wie zuletzt 2006 und 2014“, sagt Wittke. 2006 – das Sommermärchen, das erst im WM-Halbfinale endete. Und 2014 – der WM-Titel in Brasilien. Solche Erlebnisse heben die Konsumlaune. Und doch sagt Wittke: „Wirtschaftlich konzentrieren wir uns aber auf die Kooperation mit unseren regionalen Vereinen.“

Zuletzt sei bei den großen Turnieren nie Stimmung aufgekommen. „Fanartikel waren jedesmal Ladenhüter.“ Und das ist ein Problem für die Händler. Denn sie müssen Wittke zufolge „Deutschland-Trikots ein Jahr im Voraus ordern, und diese Order ist an Auflagen und Mindestsummen gekoppelt.“ Aus der Erfahrung der vergangenen Jahre habe sein Laden letztes Jahr „zum ersten Mal auf eine Vororder verzichtet, um nicht wieder nur Geld zu verbrennen“. 
Tatsächlich gehören Brauer und Sportartikelverkäufer, aber auch -hersteller zu den wenigen, die Ökonomen zufolge Sondereffekte durch die Europameisterschaft erzielen können.

Sommermärchen: Überschaubarer Effekt auf die Wirtschaft

Professor Markus Kurscheidt spricht von einer Sonderkonjunktur, vergleichbar mit Ostern oder Weihnachten – und zwar vor allem für die Ausstatter der Teams wie Adidas und Puma, weil um die Veranstaltung herum noch einmal die Verkäufe von Trikots und anderen Fußball-Utensilien hochschnellen. Im Nachgang könne, so sagt der Wirtschaftswissenschaftler vom Bayreuther Zentrum für Sportwissenschaft der Universität Bayreuth, die Euphorie noch anhalten und sich in höheren Verkaufszahlen bei Schuhen und Bekleidung äußern.

Allerdings erwartet Kurscheidt nur einen verschwindend geringen Impuls für die Wirtschaft durch die EM. Er hat die wirtschaftlichen Auswirkungen des Sommermärchens 2006 untersucht: „Bei der WM 2006 haben wir ausgerechnet, dass man bei 0,013 Prozent des Bruttoinlandsproduktes an Wirtschaftseffekt landet.“ Der Grund: Die europäischen Gäste verhielten sich in Deutschland eben wie normale Touristen. Sie investierten in Kost, Logie und eventuell Souvenirs. Zeit für große Ausgaben hätten sie keine. Und auch die Ausgaben der Inländer bedeuten Kurscheidt zufolge grundsätzlich keinen zusätzlichen Gewinn. Denn die Inländer haben nur Geld für den Fußball ausgegeben, was sie sonst auch, aber eben für andere Dinge ausgegeben hätten. Von den direkten Einnahmen der Europameisterschaft wiederum fließe ein großer Teil ab. Grund: Der Veranstalter, die UEFA, hat ihren Sitz in der Schweiz. 

Stimmungsaufheller fürs ganze Land

Einen psychologischen Booster für Deutschland und die hiesige Wirtschaft hält Kurscheidt dennoch für möglich. Wenn alles super laufe, das Wetter schön sei, es keine Störungen gebe und die Nationalmannschaft weit komme, „dann haben wir wirklich wieder so ein Sommermärchen 2.0“, erwartet der Wissenschaftler. „Das ist dann so ein Stimmungsaufheller, der auf die gesamte Bevölkerung wirkt.“ Wenn die Menschen in ganz Deutschland beschwingter ihre Arbeit verrichteten, führe dies zu einem minimalen, mitunter sogar messbaren Effekt für die Produktivität, der sich auch mittelfristig wirtschaftlich niederschlagen könne.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Die Fußball-EM dürfte kaum direkte wirtschaftliche Effekte haben, sie könnte sich aber psychologisch und indirekt positiv auf die deutsche Wirtschaft auswirken“, sagt Marcel Fratzscher auf Anfrage unserer Zeitung. Er erwartet eine zusätzliche Nachfrage bei Hotels und Gastronomie – gesamtwirtschaftlich aber ohne große Wirkung.

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Die Fußball-EM könnte – ähnlich wie das Sommermärchen von 2006 – einen Mentalitätswandel auslösen und Deutschland dadurch wirtschaftlich helfen. Viele Menschen werden bei ihrem Besuch merken, dass Deutschland nicht der kranke Mann Europas ist.

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DIW-Präsident Marcel Fratzscher Marcel Fratzscher Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Ungeachtet dessen gibt es einen weiteren Effekt, nämlich die Hoffnung. Fratzscher sagt: „Die Fußball-EM könnte – ähnlich wie das Sommermärchen von 2006 – einen Mentalitätswandel auslösen und Deutschland dadurch wirtschaftlich helfen. Viele Menschen werden bei ihrem Besuch merken, dass Deutschland nicht der kranke Mann Europas ist, sondern einen hohen Wohlstand hat und ein attraktiver Standort ist.“ Die Heim-EM sei zudem eine Chance für Deutschland, ein weltoffeneres und toleranteres Land zu werden. „Die Heim-EM wird hoffentlich sehr viel mehr Deutschen vor Augen führen, wie stark Deutschland auch wirtschaftlich ist.“

Professor Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IDW) erwartet prinzipiell lediglich überschaubare makroökonomische Wirkungen der Fußball-Europameisterschaft für die Wirtschaft in Deutschland. „Die Fußball-Europameisterschaft ist etwas Schönes. Aber sie ist kein Allheilmittel für andere wirtschaftspolitische Probleme, die wir haben“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Sportartikelhersteller profitierten von Olympia und der Fußball-Europameisterschaft.

In der Gastronomie halte sich alles in Grenzen. Zudem weist der IDW-Experte auf einen weiteren Effekt hin: „Das Geld, das die Menschen beim Public Viewing ausgeben, sparen sie oftmals auch an anderer Stelle wieder ein.“ Ungeachtet dessen ist auch für Grömling die Psychologie wichtig. Der Effekt der EM finde sich weniger in wirtschaftlichen Messgrößen als in den Köpfen der Menschen. Wie es stimmungsmäßig im Land weitergeht, hängt ein Stück weit davon ab, ob elf Männer erfolgreich einem Ball hinterherlaufen.

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