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Brose, Bosch und Schaeffler
Hintergrund: E-Auto bringt fränkische Zulieferer unter Druck
E-Auto
Weniger Teile, weniger Wartung - und aktuell auch noch weniger Nachfrage als prognostiziert: Die Mobilitätswende stockt. Das E-Auto bringt fränkische Autozulieferer aus unterschiedlichen Gründen unter Druck. // Hendrik Schmidt/dpa
Mehrwert Magazin
Bamberg / Herzogenaurach – Politisches Hin und Her beim E-Auto, hohe Energiekosten – und nicht nur bei VW fliegen die Fetzen. Das setzt regionalen Autozulieferern zu. Nicht alle kommen mit der Transformation zurecht.

Angespannt, volatil, in der Schwebe. Das sind einige Adjektive, mit denen Kenner die Lage der fränkischen Autozulieferer beschreiben. Es geht auch weniger abstrakt. Dr. Schneider in Neuses: insolvent und verkauft. Massiver Stellenabbau bei Valeo in Ebern und bei ZF in Schweinfurt, Unklarheit bei der Nutzung des Erweiterungsbaus von Brose in Bamberg. Die Elektromobilität ist für viele Autozulieferer ein Problem. Einige müssen sich komplett umstellen.

Diese schlechten Nachrichten kamen alle schon, bevor sich die Krise in der deutschen Autoindustrie durch die Hiobsbotschaften von VW drastisch verschärfte.  Werksschließungen drohen. Zuletzt meldete das Manager-Magazin, dass bei Volkswagen bis zu 30.000 Stellen in Deutschland abgebaut werden könnten. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat Autokonzerne und die großen Zulieferer zum Krisengipfel nach Berlin geladen. Die Gespräche verliefen offenbar ergebnislos.

"Die Branche steht seit Jahren unter Druck"

Das Tempo bei der Umstellung auf E-Mobilität verläuft langsamer als erwartet, die E-Autos der deutschen Hersteller sind weit teurer als die chinesischen. Das bringt die Hersteller wie VW massiv unter Kostendruck, den sie neben Einsparungen im eigenen Konzern auch ungebremst an die Zulieferer weiterreichen. „Das Umfeld ist äußerst herausfordernd mit dem technologischen Wandel, extremem Wettbewerb und geopolitischen Unsicherheiten“, sagt Steffen Nieländer, wenn man ihn auf die aktuelle Lage bei den Automobilzulieferern anspricht. Der Schaeffler-Sprecher, der unter anderem für die Standorte in Oberfranken zuständig ist, hat zwar keine Hiobsbotschaften für die Region. Aber er sagt: „Die Branche steht seit Jahren unter Druck und muss sich transformieren.“ Schaeffler sei seit jeher breit aufgestellt.

Schaeffler
Der Autozulieferer Schaeffler sieht sich für künftige Herausforderungen gewappnet. Aber auch beim Zuliefer-Giganten aus Herzogenaurach stehen an unterschiedlichen Standorten Stellen auf der Kippe. // Daniel Karmann/dpa

Während beim größten deutschen Autokonzern VW gerade eine Negativ-Schlagzeile die nächste jagt, gehen in Franken die großen, divers ausgerichteten Zulieferer wie Bosch, Brose oder eben Schaeffler selbstbewusst in die Veränderung. Schaeffler setze nicht alles auf die Elektromobilität, sonder halte an Hybrid-Lösungen fest, erzählt Nieländer. Unternehmensprognosen zufolge werden 2030 weltweit 40 Prozent der Fahrzeuge elektrisch sein, 40 Prozent hätten einen teilelektrischen Antrieb und nur noch 20 Prozent sind nach diesen Schätzungen Verbrenner. „Die Entwicklung vielfältiger Antriebsalternativen heißt für uns, für jede Anwendung weltweit die passende Lösung anzubieten.“

Hoher Umsatz und hohe Investitionen bei Schaeffler

Dieser breite Ansatz zahle sich aus. In einem sehr schwierigen Marktumfeld und bei global sinkender Fahrzeugproduktion sei Schaeffler geschäftlich solide unterwegs, befindet der Unternehmenssprecher. In Zahlen: Der Umsatz lag nach deutlicher Corona-Delle im vergangenen Jahr mit rund 16,3 Milliarden Euro so hoch wie nie. Nieländer macht zugleich keinen Hehl aus den notwendigen hohen Investitionen in den Übergang zur Elektromobilität und verweist auf die damit verbundenen Anpassungen von internen Strukturen – sprich Stellenabbau.

Die Zerreißprobe

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Beispielsweise würden am Standort Hirschaid 61 Stellen über ein Freiwilligenprogramm wegfallen. Dieser Standort mit seinen rund 1200 Mitarbeitenden sei unmittelbar von der Transformation betroffen. Zwar würden dort neben Ventiltriebkomponenten, Getrieben und E-Motoren für die Nockenwellenverstellung auch Produkte für batterieelektrische Fahrzeuge und Hybride hergestellt. Diese Zukunftsprodukte federten die rückläufige Nachfrage nach Verbrennerkomponenten jedoch nicht vollständig ab. Am Schaeffler-Stammsitz in Herzogenaurach werden unter anderem Produkte für die Elektromobilität und Wasser- und Brennstoffzellen-Technologie hergestellt, aber auch Lager, ein laut Nieländer besonders wettbewerbsintensiver Teil des Geschäftes. Hier sei nach Verhandlungen mit dem Betriebsrat eine Verlagerung ins Ausland abgewendet worden.

Stellenabbau in Hirschaid

„Bei uns in Hirschaid sieht es nicht schlecht aus“, sagt Markus Zirkel, Betriebsrat am dortigen Schaeffler-Standort. In Hirschaid beispielsweise befinden sich Zirkel zufolge gerade zwei Produkte im Hochlauf: eines für den Verbrennungsmotor und den US-amerikanischen Markt mit Abnahmegarantie bis 2032 und ein zweites, zukunftsträchtig, im Bereich Elektromobilität. „Wir haben jetzt in Hirschaid die neue Welt und die Stärkung der alten Welt, um auch das wirtschaftliche Überleben des Standortes zu ermöglichen.“ Auch mit Blick auf die Zusammenführung von Vitesco und Schaeffler meint er: „Da hat man eine Idee, einen Masterplan wegen des Einstiegs in die Elektromobilität.“ Mit dieser Hochzeit steigt Schaeffler nicht nur in die Top 10 der umsatzstärksten Zulieferunternehmen weltweit auf. Die Verbindung mache Schaeffler auch fit für den elektrischen Antriebsstrang.

 Dennoch berichtet Betriebsrat Zirkel auch von einer gewissen Unruhe in Oberfranken. Er spricht von einem Schlingerkurs. Bei der Politik, beim Kaufverhalten der Kunden. Und über die Autohersteller schlage dieser Schlingerkurs auch auf die Zulieferer durch. „Du hast im Prinzip jegliche Planungssicherheit und damit auch die Grundsicherheit und das Grundvertrauen in die Beschäftigung ein Stück weit verloren.“

E-Mobilität entwickelt sich langsamer als erwartet

Wie schwierig das Marktumfeld gerade ist, das verdeutlichen die schlechten Nachrichten, die es bundesweit derzeit in der Autobranche gibt. Jeden Monat neue Berichte über Insolvenzen vor allem bei kleineren Autozulieferern – nach Zählung der Unternehmensberatung Falkensteg allein 20 im ersten Halbjahr, knapp 67 Prozent mehr als im Vorjahr. Laut Falkensteg liege das an den Nachwirkungen der Corona-Pandemie, einem stotternden Konjunkturmotor, geopolitischen Spannungen, verschärften Finanzierungsbedingungen und branchenspezifischen Herausforderungen, nämlich, dass die „Elektromobilität weit hinter den erhofften Volumina“ zurückbleibe.  

Das meldet auch die Managementberatung Horváth im Juli nach einer Befragung von mehr als 700 Vorständen in der Autoindustrie. Der Übergang vom traditionellen Antrieb zum E-Auto dauert Horváth zufolge länger als erwartet. Die Unternehmen müssten weiter am Verbrenner arbeiten, dürften aber auch „nicht den Anschluss an die chinesische E-Auto-Konkurrenz verlieren“. Der Kostendruck in der Branche sei so hoch wie nie zuvor.  

Bosch plant sechs Milliarden Umsatz mit Lösungen für E-Mobilität

Tatsächlich vollziehen sich die Übergänge vom Verbrenner zum E-Auto je nach Weltregion unterschiedlich. Darauf verweist auch Claudia Arnold, Unternehmenssprecherin bei Bosch. „Darauf muss sich Bosch einstellen.“ In einem von vielfältigen Herausforderungen und starken Schwankungen gekennzeichneten Markt fänden zwei Veränderungen in der Autobranche weltweit statt: der Übergang im Antrieb – von der Verbrennertechnik hin zur Elektromobilität - und der zum software-definierten Fahrzeug.

Bosch Bamberg hat noch immer die Zündkerze als Markenzeichen.   Das Geschäftsfeld Solar dagegen hat sich als Desaster herausgestellt.
Bosch Bamberg hat noch immer die Zündkerze als Markenzeichen. In der Transformation zur E-Mobilität sind andere zündende Ideen gefragt. // Ronald Rinklef

In beiden Bereichen wähnt sich der Mischkonzern Bosch, bei dem die Kraftfahrzeugsparte den Löwenanteil am Umsatz ausmacht, weit vorn. So wolle das Unternehmen mit Lösungen für die Elektromobilität im Jahr 2026 sechs Milliarden Euro Umsatz erzielen, sagt Arnold. Bosch denke inzwischen auch in Richtung Klimaschutz, Energiesysteme und deren Umbau und Mobilität. Die Zulieferersparte, das macht sie explizit deutlich, sei nur einer von insgesamt vier Unternehmensbereichen. Aber eben ein zunehmend umkämpfter.

Die Belegschaften bekommen das zu spüren. So machte vor wenigen Tagen die Nachricht die Runde, dass bei der auf elektrische Antriebe und Hydraulik spezialisierten Konzerntochter Bosch Rexroth im unterfränkischen Lohr 240 Stellen wegfallen sollen. Als Grund nennt das Unternehmen sinkende Umsätze.

Experte sieht Bosch und Schaeffler auf gutem Weg - und Brose?

Stefan Bratzel ist ausgewiesener Kenner der Autobranche und der Märkte. Er meint, der Druck auf die Autozulieferer komme nicht nur von der Konkurrenz aus China, sondern auch von Unternehmen, die in den neuen Wertschöpfungsfeldern Software und Daten eine starke Rolle spielen. Der Direktor des renommierten Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach sieht Bosch und Schaeffler trotz der aktuell angespannten Lage in der Branche auf einem guten Weg.

Stefan Bratzel
Prof. Stefan Bratzel ist Gründer und Direktor des unabhängigen Forschungsinstituts Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Er hat die Herausforderungen für die Autozulieferer genau im Blick. // CAM

Brose, der dritte Große im oberfränkischen Autozuliefererbunde, will sparen, umstrukturieren und erschließt neue Märkte. „Die aktuelle Absatzschwäche in der Automobilindustrie trifft auch Brose weltweit“, sagt Sprecher Christian Hößbacher-Blum. „In Erwartung eines nicht eingetretenen Wachstums hat unser Unternehmen Kapazitäten aufgebaut, die nun das Ergebnis belasten. Daher machen wir trotz einer Umsatzsteigerung im letzten Jahr zu wenig Gewinn, um auf Dauer bestehen zu können.“ Das Unternehmen hatte zuletzt mit seinem Erweiterungsbau am Berliner Ring in Bamberg Schlagzeilen gemacht, in den erst einmal keine Mitarbeiter einziehen sollen, weil schlicht das Personal nicht aufgebaut wird, das dort arbeiten könnte.

Brose sieht sich eher unabhängig von der Antriebsart eines Autos

Aber bei Brose gibt man sich optimistisch. Die Produkte des Unternehmens seien unabhängig vom Antriebsstrang, daher sei das Unternehmen von der Transformation zur Elektromobilität nicht negativ betroffen. Der technologische Wandel biete sogar Potenzial: „Bereits seit 2014 fertigt Brose Systeme für E-Bikes, seit 2022 gehören zudem Antriebe für E-Roller zu unserem Portfolio. Und auch bei unserer Kernkompetenz, der Verbindung von Mechanik und Elektronik, wollen wir durch neue Anwendungen Innovationen für unsere Kunden entwickeln.“ Hilfreich sicherlich auch: eine dem Sprecher zufolge hohe Eigenkapitalquote, ein geringer Verschuldungsgrad, der Rückhalt der Gesellschafterfamilien und volle Auftragsbücher.

Arbeiten für die Erweiterung des Brose-Zentrums am Berliner Ring in Bamberg
Der Erweiterungsbau von Brose am Berliner Ring in Bamberg wird vorerst leer bleiben. // Christian Martin

Bei Brose, Bosch und Schaeffler gibt man sich also optimistisch. Aber wie geht es den kleinen Firmen der Branche? Sie haben weniger Ressourcen für einen Umbau, für Entwicklung, zum Puffern von Durststrecken. Nach Angaben des oberfränkischen Autonetzwerkes OfraCar sind es in der Region mehr als 250 Firmen mit zusammen mehr als 35.000 Beschäftigten. In der weiter gefassten Metropolregion Nürnberg arbeiten laut Geschäftsstellenführerin Christa Standecker um die 100.000 Menschen in der  Zulieferindustrie.

Kleine Autozulieferer in Franken besonders unter Druck

Zwar seien allgemeine Aussagen nicht möglich, sagt Christian Meister von OfraCar. „Aber bei den meisten regional ansässigen Zulieferern ist die Lage angespannt. Vielerorts gibt es im Kerngeschäft kaum oder kein Wachstum.“ Sie leiden an anhaltender Nachfrageschwäche. Der Verband horcht regelmäßig in die Branche, zuletzt Ende vergangenen Jahres. Etwa die Hälfte der 38 Firmen zumeist aus Oberfranken, die sich an der Umfrage beteiligt haben, erwartet demnach weniger Aufträge, ein Drittel eine unveränderte Lage und knapp 18 Prozent mehr. Nur gut ein Drittel hat 2023 mehr Umsatz verzeichnet als im Jahr zuvor, 45 Prozent indes weniger - weil sie eine schwache Auftragslage hatten oder aber Kosten nicht an ihre Kunden weitergeben konnten. Als Gründe fürs schwache Geschäft führen die Unternehmen geopolitische Krisen an, hohe Energiekosten sowie starke Planungsunsicherheit.

Politisch verursachte Probleme, wie zum Beispiel die Anfang des Jahres spontan gestrichene Förderung für E-Auto-Käufer, beunruhigen auch Mario Gutmann. Der Betriebsrat von Bosch in Bamberg ist dagegen mit den Weichenstellungen im Unternehmen zufrieden. „Zukunft fällt nicht vom Himmel, die Zukunft folgt einer Strategie, und es ist jeden Tag harte Arbeit. Wir in Bamberg arbeiten daran. Aktuell werden wir durch unsere Geschäftsführung unterstützt“, sagt er. Für eine Zukunft nach dem Verbrenner sei am Standort gesorgt. Und zwar mit drei Produkten, die auf den Hype-Energieträger Wasserstoff ausgerichtet seien, für die Bamberg jeweils das Herzstück produziere – das mit der größten Wertschöpfung und Beschäftigung.

E-Autos machen weniger Arbeit und brauchen weniger Arbeitsplätze

Bosch hat erhebliche Ressourcen  – sowohl finanzielle als auch geistige, zählt zu den technologisch führenden Unternehmen mit einem attraktiven, zukunftsorientierten Produktportfolio. Solche Unternehmen seien laut Christian Meister von OfraCar gut aufgestellt. „Auch Firmen mit Zugang zu internationalen Kundenstrukturen in unterschiedlichen Märkten können Belastungen an einem Standort oder Schwankungen in bestimmten Produktbereichen leichter kompensieren“, meint er. Dennoch fielen Arbeitsschritte und damit auch Arbeitsplätze im Bereich des konventionellen Antriebsstrangs in einigen Firmen nach und nach weg.

Der Arbeitsmarkt in der Region bekommt das offenbar noch nicht flächendeckend zu spüren. Matthias Klar, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg, spricht von einem Arbeitsmarkt in der Schwebe.  „Wir haben das jetzt seit knapp zwei Jahren. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft nicht abrutscht.“ Der Arbeitsmarkt befinde sich seit einiger Zeit „wie in einer Warteschleife“, sagt Klar. „Ich habe gute Chancen, eine Beschäftigung zu finden, wenn ich qualifiziert bin. Für Helfer aber wird es schwieriger, etwas Dauerhaftes zu finden.“ Bei der Zeitarbeit merke man es auch in Oberfranken, dass die Unternehmen sparten.

Fachkräftemangel macht sich trotz Krise in der Autoindustrie bemerkbar

Schaeffler-Betriebsrat Zirkel kann das bestätigen: „Früher“, sagt er, seien die Leiharbeiter „unheimlich gerne nach Hirschaid gekommen“. Inzwischen ist Zirkel zufolge nicht nur die Zahl der Leiharbeiter deutlich geschrumpft. Wegen schwankender Kundenaufträge seien die Einsätze nach vier oder sechs Wochen wieder vorbei. „Das ist schon hart.“

Wer mit einer Ausbildung ins Arbeitsleben startet, hat nach wie vor gute Chancen, einen sicheren Arbeitsplatz in der Zulieferindustrie zu bekommen. Christian Meister von OfraCar bestätigt das. Und wenn erst die Boomer in Rente gingen, werde das den Fachkräftemangel bei den Zulieferern noch verstärken. Der fränkische Jobmotor bei der Autozulieferindustrie läuft – mit dem ein oder anderen Aussetzer.

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