Ebernern läuft ein Schauer über den Rücken, als am Werkstor die Mundharmonika erklingt. Das „Lied vom Tod“ hallt von den Fabrikwänden, und langsam setzt sich der Trauermarsch der Valeo-Mitarbeiter in Bewegung. Der Strom der Warnwesten zieht von der Kantine vorbei an den Produktionshallen bis vor das Entwicklungsgebäude. Es ist eine lange Prozession. Rund 280 Beschäftigte marschieren mit — ebenso viele sollen ihre Stellen verlieren.
Video vom Protestmarsch der Valeo-Mitarbeiter in Ebern
Spiel mir das Lied vom Tod: Valeo-Mitarbeiter in Ebern wehren sich gegen massiven Stellenabbau
Valeo-Mitarbeiter kritisieren das Mutterhaus
„Valeo, FTE, Kugelfischer: Das war eine Institution. Hier haben komplette Familiendynastien ihren Lebensmittelpunkt gehabt. Der Stellenabbau fühlt sich an, wie ein Sargnagel“: Mitarbeiter Daniel Nüßlein wählt emotionale Worte, um den Rang der Firma für Stadt und Region zu beschreiben.
Gefühlt hat jeder Eberner in seiner Familie eine Beziehung zur FTE Automotive Gruppe — zum „Kufi“, wie man hier noch wegen der Zeit als Kugelfischer sagt. Inhaber sind seither gekommen und gegangen. Nun will das französische Mutterhaus in Ebern jeden vierten Beschäftigten entlassen.
„Es sind ja nicht nur 280 Mitarbeiter, es sind 280 Familien, die getroffen werden“, bringt es FTE-Urgestein Rüdiger Keß auf den Punkt. Und man sieht ihm an, dass ihn der Trauerzug nicht kalt lässt.
Große Unsicherheit bei den Valeo-Mitarbeitern in Ebern
Früher war FTE renommiert über die Region hinaus für Präzision und Entwicklung, lockte als sichere Bank die Top-Nachwuchskräfte aus dem Umland. Diese Zeiten sind vorbei. „Für junge Menschen ist die Unsicherheit groß“, sagt Pascal Ramer, selbst Nachwuchskraft.
All diese Bedenken tragen die Beschäftigten nach der Protestaktion in die Betriebsversammlung, die Teilnehmer hinterher als „sehr kämpferisch“ beschreiben. Die Mitarbeiter hätten viele kritische Fragen gestellt. Doch so emotional die Anliegen auch vorgebracht wurden, so kühl sei die Reaktion der Geschäftsführung gewesen.
Das sagt Valeo zum Protest der Mitarbeiter
„Wir haben zu dem Thema alles gesagt. Es gibt keine neuen Fakten“, heißt es im Nachgang auch aus der Firmenzentrale. Pressefragen beantwortet Valeo-Sprecher Andreas vom Bruch am Donnerstag nicht. „Die Fakten liegen auf dem Tisch.“
Dabei gäbe es viele Fragen. Zum Beispiel diese: „Wieso hat Valeo 2016 die FTE Automotive Gruppe für fast 820 Millionen Euro gekauft, dann aber kein Interesse an Zukunftstechnologien gezeigt?“: Martin Feder spricht diese Frage aus. Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Bamberg kritisiert, dass von Seiten Valeo überhaupt keine Bemühungen zu sehen seien, den Standort Ebern für die Transformation der Automobilindustrie zu rüsten.
Betriebsrat kritisiert Mangel an Zukunftstechnologien
Seit Jahren schon fordert der Betriebsrat Investitionen in Zukunftstechnologien. Ohne Erfolg. Beinahe verzweifelt hatte die Arbeitnehmervertretung sogar eine Task-Force ins Leben gerufen, um aus der Mitarbeiterschaft Ideen für Zukunftsprojekte zu sammeln. Von den Visionen wurde eine Handvoll sogar als wirtschaftlich spannend bewertet. Doch alle Ideen verschwanden in der Schublade.
Auch zum Vorwurf der technologischen Tatenlosigkeit will Valeo keine Stellung nehmen.
Eins ist den Teilnehmern bei der Betriebsversammlung jedenfalls überdeutlich geworden: Valeo wird am geplanten Stellenabbau nicht mehr rütteln. Die Entscheidung scheint direkt aus Paris zu kommen.
Kein klares Bekenntnis zum Standort Ebern
Würde es in der Betriebsversammlung wenigstens ein klares Bekenntnis zu den verbleibenden 820 Mitarbeitern geben? „Hier hat es von Seiten der Geschäftsführung leider keine klare Position gegeben“, kritisiert Thomas Werner.
Als „Stich ins Herz“ bezeichnet der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende die Ankündigung aus dem Mutterhaus, „die Gummi“ deutlich einzudampfen. Hier werden Dichtungen und Kupplungsschläuche gegossen. Die Abteilung mit ihren zischenden, modernisierungsbedürftigen Maschinen hat innerhalb der Fertigung einen geradezu legendären Ruf — wie die Alte Garde in Napoleons Armee.
Genau hier aber soll die Mitarbeiterzahl laut Werner halbiert werden. „Trotz der veralteten Technologien ist diese Abteilung schon immer ein Alleinstellungsmerkmal, ein Sahnehäubchen von uns“, kritisiert Werner, der den Personalabbau so beziffert: 230 Stellen sollen laut Betriebsrat in der Fertigung gestrichen werden, weitere 50 in „übergeordneten Funktionsbereichen“.
Landrat Wilhelm Schneider schreibt an Staatsregierung
Bei der Betriebsversammlung nicht mithören kann Landrat Wilhelm Schneider. Er respektiere den Wunsch der Geschäftsführung, dass er nicht an der Veranstaltung teilnehmen solle, erklärt der CSU-Politiker vor dem Werkstor. Einen Affront will er in der Ausladung nicht sehen. Deutliche Worte findet Schneider auch vor der Schranke.
„Der angekündigte Stellenabbau ist ein herber Schlag für den Wirtschaftsstandort und die Wirtschaftsregion insgesamt“, betont Schneider. Dann formuliert auch der Landrat den Vorwurf, der wie in einem Brennglas konzentriert, was die Eberner Beschäftigten so wütend macht: „Warum hat die Geschäftsführung den Transformationsprozess nicht spürbar weiter vorangetrieben?“
Eberns Bürgermeister Jürgen Hennemann regt Förderprogramme an
In dieselbe Kerbe setzt auch Eberns Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD) seinen argumentativen Hebel an: „Es gibt starke Transformationsangebote.“ Die bayerische Staatsregierung, aber auch die Wirtschaftsregionen hätten Förderprogramme. „Die Angebote müssen nur angenommen werden.“
Bürgermeister und Landrat schreiben deshalb nicht nur der Valeo-Zentrale in Paris, sondern auch der Staatskanzlei in München. Ziel sei es nun, „die Konsequenzen zu begrenzen“, sagt Schneider.
Doch wie? Noch immer läuft das Verfahren des Interessenausgleichs zwischen Valeo und den Arbeitnehmervertretern. Die IG Metall macht klar: Ein Sozialplan für den Stellenabbau scheint diesmal unausweichlich.
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