Crime-Serie
Mörderischer Deal: Die Waffe, die ihn töten sollte
Coburg, Callenberger Straße: In diesem Haus handelt Werner Hardt bis zu seinem Tod mit Waffen.
Coburg, Callenberger Straße: In diesem Haus handelt Werner Hardt bis zu seinem Tod mit Waffen.
Foto: Archiv Coburger Tageblatt/Frick
Böses Franken
Coburg – Der Coburger Händler Werner Hardt hatte großes Pech bei einem seiner letzten Geschäfte. Die verkaufte Waffe landet bei seinem späteren Mörder.

„Pistolenschüsse peitschten durch die Nacht. Kurz vor 22 Uhr wurde am Montag im Lager der Firma „Waffen-Hardt“ in der Callenberger Straße in Coburg eingebrochen. Zwei noch unbekannte maskierte Täter wurden von Firmenchef Werner Hardt in einem Raum im ersten Stock gestellt. Sie eröffneten sofort das Feuer. Vermutlich trafen Hardt fünf oder sechs Kugeln. Schwer verletzt wurde der Unternehmer ins Landkrankenhaus gebracht und sofort operiert. Bei Redaktionsschluss war über das Befinden nichts Näheres bekannt.“

Werner Hardt war Jäger und Waffenhändler – bis bei einem Überfall die Pistole plötzlich auf ihn gerichtet war.
Werner Hardt war Jäger und Waffenhändler – bis bei einem Überfall die Pistole plötzlich auf ihn gerichtet war.
Foto: Heinz Kiesewetter

So berichtete das Coburger Tageblatt nur wenige Stunden nach der furchtbaren Tat über die Schüsse auf den Coburger Kaufmann Werner Hardt. Viel war zunächst nicht bekannt über das, was sich in den Abendstunden des 23. November 1970 in dem Backsteinhaus an der Ecke Callenberger-/Raststraße ereignet hatte. Die Täter waren auf der Flucht. Die Polizei leitete sofort eine Großfahndung nach einem dunklen Mercedes mit Kronacher Kennzeichen ein.

Werner Hardt kämpfte im Krankenhaus indes um sein Leben – vergeblich. Die Verletzungen im Bauchraum waren zu schwer, selbst eine sofortige Operation konnte den 46-Jährigen nicht mehr retten. Er starb um 1.32 Uhr. Allerdings war Hardt bis zur OP bei vollem Bewusstsein und konnte der Polizei noch wertvolle Hinweise auf die Täter geben, etwa, dass einer der Männer einen olivgrünen Mantel trug.

Die Tat

Am 25. November 1970 berichtet das Tageblatt, was sich in der verhängnisvollen Nacht in der Callenberger Straße 18 zugetragen hatte: Gegen 21.40 Uhr waren zwei maskierte Männer – später stellte sich heraus, dass das Jürgen J. und Rainhard A. gewesen waren – durch den Hintereingang ins Haus eingedrungen. Die elfjährige Tochter der Hardts war allein in ihrem Zimmer im ersten Stock, wo auch die Räume des Waffengeschäfts lagen. Das Mädchen hörte verdächtige Geräusche und alarmierte die Eltern im Wohnzimmer gegenüber. Ihr Vater ging daraufhin mit einer Pistole in der Hand auf den Gang hinaus, knipste das Licht an und sah sich den beiden Einbrechern gegenüber.

Jürgen J. wird von den Polizisten ins Coburger Landgericht begleitet.
Jürgen J. wird von den Polizisten ins Coburger Landgericht begleitet.
Foto: Künstner/Archiv Coburger Tageblatt

Jürgen J., das stellte sich später während der Vernehmung der Verdächtigen heraus, feuerte sofort auf Werner Hardt, der wohl ebenfalls hatte schießen wollen. Doch Hardts Mauser-Pistole hatte Ladehemmung, wie die Ermittlungen ergaben. Den tödlichen Schuss feuerte Jürgen J. auf Hardt ab, als dieser bereits am Boden lag. Die vorherigen Schüsse hatten den 46-Jährigen laut Anklageschrift in Arme und Beine getroffen. Hardts Ehefrau eilte hinaus in den Flur und sah die beiden Eindringlinge gerade noch die Treppe hinunterrennen.

Die Fahndung

Mehrere Zeugen hatten zur Tatzeit vor dem Haus an der Ecke Callenberger-/Raststraße einen geparkten dunklen Mercedes älteren Baujahres mit der markanten „Katzenbuckelform“ und Kronacher Kennzeichen bemerkt. Zunächst war unklar, ob eine dritte Person darin gewartet hatte oder ob die Täter nur zu zweit waren.

Dass die Männer der Polizei trotz der Absperrungen entwischen konnten, war der Tatsache geschuldet, dass sie in ihrem Auto den Polizeifunk abhören konnten und über die Schritte der Polizei informiert waren.

Die Verhaftung

Nach elftägiger Fahndung war die Polizei schließlich erfolgreich. Am Morgen des 4. Dezember 1970 hatte man die drei Täter, die alle aus dem Raum Kronach stammten, hinter Schloss und Riegel: Jürgen J., 22 Jahre alt, Kraftfahrer, ein Sohn. Er hatte die tödlichen Schüsse auf Werner Hardt abgegeben. Edgar K. (29), ebenfalls Kraftfahrer und Familienvater, hatte die Idee zum Einbruch in das Coburger Geschäft. Der Jüngste, Rainhard A. (16), sollte mitmachen, weil er als Schlosserlehrling Dietriche besaß und Schlösser öffnen konnte.

Reinhard A. war einer der beiden Mittäter beim Raubüberfall.
Reinhard A. war einer der beiden Mittäter beim Raubüberfall.
Foto: Künstner/Archiv Coburger Tageblatt

Was die Polizei auf die Spur des Trios gebracht hatte, war unter anderem, dass die Namen von Edgar K. und Jürgen J. in Werner Hardts Kundenkartei standen. Ein weiterer entscheidender Hinweis auf Edgar K. kam aus einer Gaststätte in Fürth am Berg. Dort hatte der 29-Jährige kurz nach der Tat eine so detaillierte Schilderung des Einbruchs zum Besten gegeben, dass seine Zuhörer hellhörig wurden und sich an die Polizei wandten.

Auf den verschuldeten Edgar K. und sein Auto, einen Mercedes-Sportwagen 190 SL kamen die Fahnder übrigens schon 24 Stunden nach der Tat. Allerdings hatte ihm seine Ehefrau für die Tatzeit zunächst ein Alibi gegeben. Doch die Schlinge zog sich zu und wenige Tage, nachdem K. in Untersuchungshaft genommen worden war, packte er aus und nannte der Polizei Jürgen J. als Schützen. Ihn hatte man vorher mangels Beweisen schon einmal laufen lassen müssen.

Die Waffe

Besonders tragisch liest sich die Tatsache, dass Werner Hardt den Revolver, durch dessen Kugeln er starb, den Tätern selbst verkauft hatte. Edgar K. hatte den Arminius-Revolver im Januar 1970 erworben und ihn dann an Jürgen J. weiter verkauft. Nach der Tat hatten die beiden Männer die Waffe in einem Waldstück bei Tettau vergraben. K. selbst führte die Polizei später dorthin.

Der Prozess

Genau zwei Jahre nach ihrer Festnahme, am 4. Dezember 1972, begann für die drei Männer der Prozess vor dem Schwurgericht Coburg. Mit seiner Verteidigung hatte Jürgen J. die Kanzlei des bekannten Promi-Anwalts Rolf Bossi beauftragt. Die Anklage lautete auf gemeinschaftlichen Mord.

Was die drei jungen Männer verband, war ihre Waffenleidenschaft. Schulden (Edgar K.) und Arbeitslosigkeit (Jürgen J.) führten schließlich dazu, dass man beschloss, „ein Ding zu drehen“. Einen Bankeinbruch verwarf das Trio. Stattdessen sollte es ein Waffengeschäft sein. Ausgespäht wurden vier Geschäfte in Coburg und eines in Trübenbach. Die Beute – Waffen und Munition – sollte verkauft und der „Erlös“ geteilt werden. Man rechnete mit 10000 Mark für jeden.

Staatsanwalt und Nebenklägerin forderten für Jürgen J. die Höchststrafe bei Mord: lebenslänglich. Auch Edgar K. sollte eine langjährige Haftstrafe bekommen, bei Reinhard A. dagegen wollte man es bei der Dauer der U-Haft belassen.

Das Urteil

Am 12. Dezember 1972 verkündete das Coburger Schwurgericht sein – überraschendes – Urteil. Bei Jürgen J. erkannte das Gericht auf Totschlag, nicht auf Mord. Er habe, so die Begründung, nicht aus Heimtücke geschossen, sondern weil er selbst nicht getötet werden wollte. Die Strafe: 15 Jahre Gefängnis. K. und A. wurden vom Vorwurf der Mittäterschaft beim Totschlag freigesprochen, erhielten allerdings für ihre übrigen Delikte vier beziehungsweise zwei Jahre Haft auf Bewährung (Reinhard A.).

Die Firma

Gut 20 Jahre vor der Tat hatte Werner Hardt in Neustadt die Firma „Papier-Hardt“ gegründet. Später kamen Büromöbel hinzu. 1956 entstand im Steinweg 60 in Coburg das Waffengeschäft. 1963 wurden beiden Unternehmen vereinigt und zogen in die einstige Fahnenfabrik Schneider in der Callenberger Straße 18. Ende 1969 kamen eine moderne Büchsenmacherei und eine Brünieranstalt dazu.

Nach dem Verlust ihres Ehemannes konnte Werner Hardts Witwe das Geschäft nicht mehr halten. 15 Angestellte und der Prokurist, der 20 Jahre im Betrieb arbeitete, verloren ihre Stelle.

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