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Gerichtsprozess
„Wenn ich ausziehen muss, brennt das Haus“
Das brennende Wohnhaus in Heroldsbach im Oktober 2020Forchheim & Fränkische Schweiz
Das brennende Wohnhaus in Heroldsbach im Oktober 2020 // Kreisbrandinspektion Forchheim/Archiv
Signet des Fränkischen Tags von Udo Güldner
Heroldsbach – Als er aus dem Haus ausziehen soll, bricht für einen Heroldsbacher die Welt zusammen. Jetzt muss er sich wegen Brandstiftung verantworten.

Im Oktober 2020 versetzt nächtliches Sirenengeheul die Einwohner Heroldsbachs in Aufregung. Meterhoch schießen die Flammen aus dem Dachstuhl eines ehemaligen Hotels. Wie die Kriminalpolizei Bamberg herausfindet, handelt es sich um Brandstiftung mit einer halben Million Euro Schaden. Nun kam es zum Prozess vor dem Landgericht Bamberg. Der Täter soll ein 84-Jähriger mit einem ungewöhnlichen Motiv gewesen sein.

Jahrzehnte harte Arbeit

Die Jahrzehnte harter Arbeit auf Baustellen sieht man Egon an. Auf seinen Rollator gestützt, kommt der 84-Jährige, der natürlich ganz anders heißt, in den Gerichtssaal. Für seinen Verteidiger Thomas Gärtner aus Bamberg hat er zum Auftakt des Prozesses sogar ein Lächeln übrig. Und dieser nette, ältere Herr, der sich sein Leben lang nichts hat zuschulden kommen lassen, der soll ein Haus angezündet haben? Nicht irgendein Gebäude, sondern sein eigenes.

Zumindest war es das, bis er vor fünf Jahren das Anwesen an seinen Sohn überschrieb. „Damit es in der Familie bleibt“. Damit aber beginnt der Streit. Und mit dem Verdacht Egons, sein Sohn habe ihm 30 000 Euro aus der Wohnung gestohlen.

Er will lebenslanges Wohnrecht

Im Dorf machen die Auseinandersetzungen, die auch die Gerichte beschäftigten, die Runde. Im Grunde geht es Egon um ein lebenslanges Wohnrecht, das er sich vertraglich gesichert glaubt. Als dann sein Sohn den Vater aus der Wohnung haben will, kommt das böse Erwachen.

Rechtlich gesehen sitzt der Junior am längeren Hebel. Eine Räumungsklage hat Erfolg. Der Gerichtsvollzieher hat auch schon einen Termin festgesetzt: drei Tage nach dem Inferno. Für Egon bricht im Herbst 2020 eine Welt zusammen. Im hohen Alter noch einmal ausziehen, als Schwerstbehinderter, und dann auf eine Sozialwohnung der Gemeinde angewiesen? Für jemanden, der ein Leben lang geschuftet hat, ist das undenkbar.

70 Einsatzkräfte vor Ort

Als die Feuerwehren aus Heroldsbach/Thurn und der näheren Umgebung mit rund 70 Einsatzkräften eingreifen, da ist es für das Dachgeschoss und den Spitzboden bereits zu spät. Nicht aber für die anderen Stockwerke, die von den Ehrenamtlichen aus Poppendorf und Oesdorf, Hausen und Wimmelbach, sowie Forchheim vor dem Vollbrand gerettet werden können. Was auch daran liegt, dass etliche der sehr ungewöhnlichen Brandfallen nicht funktionieren.

Dennoch schätzt die Staatsanwaltschaft Bamberg den Schaden auf mindestens 500 000 Euro. Dabei hat Egon noch Glück, dass in dem leerstehenden Gebäude keine Menschen in Gefahr geraten oder gar verletzt worden sind. Und dass die Flammen nicht auf die Umgebung übergegriffen haben. Dennoch dauert es Stunden, bis der Kampf des Löschwassers gegen Flammen, Funken und Glutnester gewonnen ist.

Er sieht sein Lebenswerk zerstört

Es muss eine schlimme Strapaze für Egon gewesen sein, mit all seinen körperlichen Problemen die Eimer, Wannen und Schüsseln vom Keller bis zum Dach zu verteilen. Auch musste er die Behältnisse mit Dieselkraftstoff aus mehreren 20-Liter-Kanistern befüllen. Der Rentner leidet nämlich nicht nur an Rheuma und einer Nervenentzündung.

Er hat nach mehreren Unfällen auch große Schwierigkeiten mit beiden Hüften und den Knien. Von den ernsten Herzproblemen gar nicht zu reden. Dennoch scheint er die Energie aufgebracht zu haben, sein eigenes Lebenswerk zu zerstören. Nur damit sein „undankbarer Sohn“ nichts davon hat. Dabei hat Egon viel Zeit und Geld hineingesteckt, um aus der Immobilie ein kleines Hotel zu machen. Sein ganzer Stolz war das Gästehaus. Im Dorf war er ein angesehener Einwohner.

Während die Trümmer noch rauchen, gerät Egon ins Blickfeld der Kriminalpolizei Bamberg. Mit einem europäischen Haftbefehl lässt man nach ihm und seiner 58-jährigen Ehefrau fahnden. Bei einer Zwischenlandung in Amsterdam werden sie festgenommen. Der Flieger zu ihrer Schwester nach Barcelona hebt ohne das Ehepaar ab. Kurzzeitig wird auch die Gattin verdächtigt, die Finger am Feuerzeug gehabt zu haben. Auf der Anklagebank sitzt nun aber nur Egon.

Auch wenn Egon keinerlei Fragen zu den Tatvorwürfen beantworten will, die Indizien für seine Täterschaft sprechen für sich. Arbeitshandschuhe voller Dieselreste in seinem Auto, DNA-Spuren an mindestens einer Wanne, leere Spritkanister auf dem Balkon und keinerlei Hinweise auf Einbrecher. Außerdem deutete nichts darauf hin, dass Egon ausziehen würde. Umzugskartons waren keine zu finden.

Am gefährlichsten aber könnte sein, dass er einige Monate vor dem Brand damit droht: „Wenn ich ausziehen muss, brennt das Haus.“ Das tut er nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach. Nur dass ihm das weder sein Nachbar, noch eine Bekannte aus dem Dorf glauben. Ob ihm die Zweite Strafkammer glaubt, dass er nichts mit dem Brand zu tun hat, wie er es beim psychiatrischen Gutachter erklärt hat, das werden die nächsten Verhandlungstage zeigen.

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