Aktuell gleicht die hiesige Inzidenzkurve einer Fahrt mit dem Annafest-Riesenrad. Nur verharren selbst die Talsohlen der Sommerwellenkurve auf hohem Niveau. Eine pandemiemüde Leichtigkeit bestimmt den Alltag und drängt die Leute zurück ins Freizeitleben. Nachvollziehbar. Und gefährlich.
In ganz Deutschland ächzen die Kliniken, Intensivstationen sind mancherorts schon wieder so ausgelastet wie sonst nur zu den kälteren Jahreszeiten. Laut Zahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) würden bundesweit derzeit etwa doppelt so viele Intensivpatienten behandelt wie im vorigen Jahr zur gleichen Zeit; viermal so viel wie 2020.
Zwei Intensivbetten sind geschlossen
Auch Forchheim ist alarmiert. Im DIVI-Intensivbettenregister des Robert Koch-Instituts sind aktuell fast alle Intensivbetten in Forchheim als belegt markiert. Hinzu kommt, dass zwei der zwölf Intensivbetten ausfallen.
„Deshalb muss ein Patient verlegt werden auf unsere Intensivstation in Ebermannstadt“, sagt Dr. Ulrich von Hintzenstern, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin. „Das Problem ist Personalmangel aufgrund von Erkrankungen.“ Auch Corona.
Personalsorgen im Klinikum
Die Personalsorgen treiben aber nicht alleine den Chef der Intensivmedizin um. „Wir sehen die Zunahme der Verdachtsfälle der Coronavirus-positiven Patienten und einen gleichzeitig erhöhten Krankheitsausfall beim Personal, in der Pflege und im ärztlichen Bereich“, teilt der Ärztliche Direktor des Klinikums Professor Jürgen Gschossmann auf FT-Anfrage mit.
Das sei kein rein lokales Problem, sagt er. „Unsere erhöhten Coronazahlen sind ein Spiegelbild der steigenden Inzidenz, die wir in ganz Deutschland sehen. Das führt zu einer erhöhten Arbeitsbelastung für die Mitarbeiter, die gesund sind.“
Krankenstand im Klinikum wächst
Und deren Zahl nimmt aktuell immer weiter ab. Denn der Krankenstand im Klinikum wächst an, wie Kliniksprecherin Franka Struve bestätigt. Und das für längere Zeit: Durch die Test- und Quarantänepflicht mit Freitestung seien die Ausfallzeiten im Gesundheitswesen höher als in anderen Branchen.
Die nicht nachlassende Wucht dieser erneuten Welle trifft auf ein Gesundheitswesen, das sowieso, aber spätestens nach zwei Jahren Pandemie, ausgelaugt ist.
Bundesagentur für Arbeit: Mehr Pflegekräfte
Zwar steigt die Zahl der Pflegekräfte in Deutschland laut Bundesagentur für Arbeit seit 2017 an. Aber nicht ausreichend; noch immer fehlen zig Tausende. Ebenso Mangelware: ärztliches Personal sowie Hilfs- und Reinigungskräfte.
Aktuell befinden sich laut Struve zwei Covid-bestätigte Patienten auf der Intensivstation und neun auf der Isolierstation. Weiter würden noch zwei Verdachtsfälle isoliert. Und auch wenn der Herbst noch fern scheint, die Lage könnte sich schon bald weiter zuspitzen.
Wird Annafest zum Superspreader-Event?
Sorgenvoll blicken Forchheims Mediziner auf das in einigen Tagen startende Annafest. „Auf Basis der Erfahrungen der Bergkirchweih in Erlangen müssen wir mit einer höheren Inzidenz und damit verbunden natürlich auch mit einem höheren Ausfall von unseren Mitarbeitern rechnen“, sagt Franka Struve. Der Landkreis Erlangen-Höchstadt kletterte kurz nach Beginn des „Berchs“ Anfang Juni in die bundesweite Spitzengruppe der Inzidenzwerte. Zwar blieb der Kollaps dort letzten Endes aus.
Sommerferien erschweren die Situation
Aber laut Struve komme in Forchheim erschwerend hinzu, dass sich an das Annafest die Haupturlaubszeit in den Sommerferien anschließe. Daher seien die Personalressourcen urlaubsbedingt noch knapper als zu anderen Zeiten.
Also reagiert fortan das Prinzip Hoffnung? Das würde so niemand sagen wollen. Aber selten schwingt in Pandemie-Sommern bei den Aussagen der Experten folgender unausgesprochener Appell so stark mit: „Passen Sie auf sich auf. Wir haben sonst ein ernstes Problem.“
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