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Bei Anruf Tierarzt?
Wieso Forchheims Tierfreunde immer seltener Hilfe finden
Immer weniger Ärzte kümmern sich um immer mehr Haustiere. Auch im Landkreis Forchheim führt das zu Problemen. Diese Erfahrung macht auch Tierheim-Chefin Christine Schneider-Knapp (hier mit Katze Kimberly).Forchheim & Fränkische Schweiz
Immer weniger Ärzte kümmern sich um immer mehr Haustiere. Auch im Landkreis Forchheim führt das zu Problemen. Diese Erfahrung macht auch Tierheim-Chefin Christine Schneider-Knapp (hier mit Katze Kimberly). // Stephan Großmann
Forchheim – Tierfreunde aus Forchheim müssen teils weite Wege auf sich nehmen, um ihre Lieblinge im Notfall behandeln zu lassen. Das kann gefährlich werden – wie die Geschichte einer Forchheimerin zeigt.

Paty Ventura denkt mit Tränen in den Augen an ihren Yorkshire-Mini-Terrier zurück. Die betagte Hundedame Vera hatte Herzprobleme, immer wieder wurde die junge Forchheimerin mit ihr in der Tierklinik vorstellig.

Paty Ventura mit ihren Hündinnen Vera und Maria PerleForchheim & Fränkische Schweiz
Paty Ventura mit ihren Hündinnen Vera und Maria Perle // Paty Ventura

Weil es hier im Umkreis keine gibt, musste sie bis nach Nürnberg fahren. Es half nichts, Vera starb im August 2022. Doch das tragische Spiel wiederholte sich: Paty Ventura hatte einen zweiten Hund, Veras Tochter Maria Perla. Auch mit ihr muss Ventura in die Klinik. Aus offiziell ungeklärten Umständen stirbt der zweite Hund ebenfalls. Ein Schock für die junge Frau, die Tiere seien für sie wie Töchter gewesen.

Der Fall des Yorkshire-Mini-Terriers Vera ginge schlecht aus, das Tier ist voriges Jahr verstorben. Nicht immer endet es so tragisch – aber die Lage der tierärztlichen Versorgung spitzt sich auch im Landkreis Forchheim weiter zu.Forchheim & Fränkische Schweiz
Der Fall des Yorkshire-Mini-Terriers Vera ginge schlecht aus, das Tier ist voriges Jahr verstorben. Nicht immer endet es so tragisch – aber die Lage der tierärztlichen Versorgung spitzt sich auch im Landkreis Forchheim weiter zu. // Paty Ventura

Problem Tierarztmangel ist ein Strukturproblem

Hinter diesem tragischen Einzelschicksal steckt ein viel größeres Problem, ein strukturelles. Tierliebhaber wie Paty Ventura sind bundesweit gezwungen, immer weitere Wege auf sich zu nehmen, um vor allem speziellere Behandlungen und Notfallbehandlungen für ihre Tiere zu erhalten.

„In ganz Oberfranken gibt es keine einzige tierärztliche Klinik mehr, die rund um die Uhr eine Notfallversorgung anbietet“, sagt Anja Gold, Leiterin der tierärztlichen Kreisgruppe Bamberg-Forchheim. Grund dafür, dass eine nach der anderen zumachen musste, seien zumeist Personalprobleme gewesen.

Immer mehr Tiere, aber weniger Ärzte

Zwar gibt es im Raum Forchheim-Bamberg seit ein paar Jahren einen gemeinsamen Notdienst, in den sich die niedergelassenen Tierärzte aus der Region einteilen.Aber die seien oftmals nur für die wirkliche Erstversorgung ausgestattet und sehr gut ausgelastet.

Denn die Zahl der Haustiere habe spätestens seit der Corona-Pandemie deutlich zugenommen, meint Gold. Laut Zahlen des Industrieverbands Heimtierbedarf (IVH) lebten 2022 rund 34,4 Millionen Heimtiere in Deutschland, ein Viertel davon Katzen, ein Fünftel Hunde. Insgesamt etwa 400.000 mehr als noch 2019.

Die Zahl der Heimtiere in Deutschland steigt; merkt auch die im Tierheim Forchheim ehrenamtlich Engagierte Birgit Schmitt (hier mit Yoda).Forchheim & Fränkische Schweiz
Die Zahl der Heimtiere in Deutschland steigt; merkt auch die im Tierheim Forchheim ehrenamtlich Engagierte Birgit Schmitt (hier mit Yoda). // Stephan Großmann

Ist „Rettungsleitstelle“ für Tierärzte die Lösung?

Auch merkten viele Tierarztkollegen, sagt Gold, dass immer häufiger Besitzer Notfalltermine aufsuchten, ohne einen wirklichen Notfall zu haben.

„Das belastet das System zusätzlich und kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass ein wirklicher Notfall nicht behandelt werden kann.“ Abhilfe schaffen könnten neue Onlinedienste wie beispielsweisefotendoctor.de. Dort können sich Tierhalter vorab mittels Videochat melden und eine erste Meinung einholen. Erst nach Abklärung würde dann der Gang in die Notfallpraxis folgen. „Eine Art Rettungsleitstelle“, nennt das Gold.

Zum anderen warnt die Bayerische Landestierärztekammer (BTLK) davor, dass der eklatante Mangel an Tierärzten schwerwiegende Folgen für die Gesellschaft, die Gesundheit der Tiere und den gesundheitlichen Verbraucherschutz habe. „Er wird sich in Zukunft weiter zuspitzen, wenn nicht sofort Maßnahmen ergriffen werden. Wir sind selbst zum ,Notfallpatienten‘ geworden“, sagt BTLK-Präsidentin Dr. Iris Fuchs.

Tierarztmangel auch im Kreis Forchheim

Laut Kammer-Verzeichnis gibt es im Landkreis Forchheim sechs niedergelassene Tierarztpraxen. Eine davon bietet gar einen 24-Stunden-Service an. Ob und wie sie von der Lage betroffen sind, lässt sich aktuell nicht herausfinden. Urlaub, Krankheit, Terminstress: Die Mangel-These unterstreichend, ist keine Praxis für ein Gespräch greifbar.

Chefin des Tierheims Forchheim  Christine Schneider-KnappForchheim & Fränkische Schweiz
Chefin des Tierheims Forchheim Christine Schneider-Knapp // Stephan Großmann

Christine Schneider-Knapp kennt das Problem. Sie leitet das Tierheim Forchheim und betreut mit ihrem Team aus Ehrenamtlichen derzeit alleine 17 Hunde und 23 Katzen. „Wir müssen oft zum Tierarzt. Standarddinge wie Impfen und Kastrieren funktionieren noch halbwegs. Aber häufig landen wirklich verletzte Fundtiere bei uns. Dann müssen wir immer weiter fahren, bis Nürnberg oder Lichtenfels zum Beispiel.“

Wie beispielsweise Katze Kimberly. Sie klemmte sich in einem gekippten Fenster ein, kann sich derzeit kaum bewegen.

Katze KimberlyForchheim & Fränkische Schweiz
Katze Kimberly // Stephan Großmann

Wie es mit ihr weitergeht, ist noch unklar. Für Schneider-Knapp bedeutet das aber, alleine für Kimberly noch etliche Tierarztbesuche anleiern zu müssen.

„Besitzer zu wenig Hintergrundwissen“

Und, das ärgert Tierärztinnen wie Anja Gold besonders, viele Verletzungen wären vermeidbar. „Viele Halter haben zu wenig Hintergrundwissen, wie sie mit ihren Tieren gut umgehen können.“

Auch ließen sich einige Probleme, mit denen sie vor allem nachts in den Notfallpraxen aufschlagen würden, auch zu Hause lösen. „Für Heimtierbesitzer lohnt es sich auf alle Fälle, einen Erste-Hilfe-Kurs zu absolvieren.“

Aber selbst das dürfe nicht über das Strukturproblem Tierarztversorgung hinwegtäuschen. Die Veterinärmedizinlobby fordert daher weniger Bürokratie, ein konkretes Arbeitszeitgesetz und erleichterte Voraussetzungen für die Zulassung zum Tierarztstudium.

Ob Paty Venturas Hündinnen noch leben würden, wenn die Rahmenbedingen auch für Forchheims Tierärzteschaft vor allem für Notfälle besser wären? Vielleicht nicht. Aber es könnte helfen, die Zahl weiterer tragischer Einzelfälle in Zukunft zu reduzieren.

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