Eigentlich hätte Deutschlands bekannte Krimiautorin Nele Neuhaus bei den Forchheimer Literaturtagen „Blätterwald“ lesen sollen. Krankheitsbedingt musste die Lesung abgesagt werden. Der Fränkische Tag hat vorab im Exklusivinterview mit der Autorin gesprochen. Im Interview erzählt sie, was sie am Begriff des „Regionalkrimis“ stört und auf welche Auszeichnung sie besonders stolz ist.
Frau Neuhaus, bevor Sie eine erfolgreiche Autorin geworden sind, haben Sie als Jugendliche Kurzgeschichten für Ihre Geschwister und Freunde geschrieben. Erinnern Sie sich noch an die erste Geschichte, die Sie je geschrieben haben?
Ich erinnere mich nicht wirklich, aber meine Eltern haben mir erzählt, dass es in meiner allerersten Geschichte um Eulen im Wald ging. Ich habe ein Bild gemalt und in Großbuchstaben und Lautschrift eine kleine Geschichte dazu geschrieben.
Mit Mitte 30 haben Sie dann Ihr erstes Buch „Unter Haien“ selbst herausgebracht, weil Sie keinen Verlag finden konnten. Welchen Tipp würden Sie Autorinnen und Autoren geben, die in einer ähnlichen Situation sind?
Man kann die Situation von damals mit heute kaum noch vergleichen. Die sogenannten „Selfpublisher“ sind längst aus ihrer Schmuddelecke herausgekommen und es gibt für Autoren, die keinen Verlag finden, oder wollen, unwahrscheinlich viele Möglichkeiten, ihr Buch zu publizieren und zu vertreiben. Das war 2005 noch ganz anders. Damals war gerade das Printing on demand erfunden worden und das habe ich genutzt, um 500 Exemplare von „Unter Haien“ drucken zu lassen – eine riskante Sache, denn irgendwie muss man die Bücher ja auch loswerden. Zum Glück hatte ich die Fleischfabrik meines damaligen Mannes, in der ich gearbeitet habe. Die Kunden, die ihre Wurst- und Fleischbestellung bei mir abgeholt haben, waren meine ersten Leser.
In Ihrem aktuellen Krimi „Monster“ greifen Sie Themen wie Fremdenhass auf, kritisieren Selbstjustiz und immer wieder den Mediengebrauch, zum Beispiel, wenn in manchen Szenen Schaulustige direkt Videos an Tatorten machen. Wieso haben es genau diese Themen in Ihr Buch geschafft?
Weil es zwei Themen sind, die brandaktuell sind und die Menschen berühren und beschäftigen. Wenn man, wie ich es tue, Kriminalromane schreibt, die den Anspruch haben, möglichst authentisch zu sein, dann muss man sich auch trauen, heiße Eisen anzufassen. Abgelehnte Asylbewerber, die kriminell werden, Staatsanwälte und Richter, die unter der Last der Verfahren an die Grenzen der Belastbarkeit geraten, sind leider traurige Realität in unserem Land.
Wie sehr lassen Sie sich beim Schreiben generell vom Geschehen um Sie herum beeinflussen?
Viel – und gleichzeitig wenig! Für meine Krimis lasse ich mich zwar gerne von wahren Begebenheiten inspirieren, wie zum Beispiel dem mutmaßlichen Serienkiller aus dem Nachbarort, aber ich erzähle dann doch Geschichten, die meiner Fantasie entspringen.
In „Monster“ gibt es unter anderem auch eine Geiselnahme am Frankfurter Landgericht. Holen Sie sich für solche Szenen Beratung von der Polizei?
Ja, das tue ich. In diesem speziellen Fall war es der Polizeipräsident der Stadt Frankfurt, der meine Fragen zum Thema Geisellagen beantwortet hat. Nicht zuletzt deshalb, weil ich sehr sorgfältig die Arbeit von Polizei und Rechtsmedizinern recherchiere und erzähle, wurde ich vom Polizeipräsidenten Westhessens als Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber ausgezeichnet. Diese Anerkennung bedeutet mir viel.
Ihre Krimis spielen im Taunus. In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche erfolgreiche Regionalkrimi-Reihen, wie Rita Falks Reihe um Franz Eberhofer in Niederbayern oder Romy Fölcks Reihe um Frida Paulsen in der Elbmarsch, um nur zwei Beispiele zu nennen. Was macht für Sie den besonderen Charme von Regionalkrimis aus?
Natürlich die Region, in der diese Krimis angesiedelt sind und ihre Bewohner! Andererseits sind Örtlichkeiten unwichtig, denn auf die Handlung kommt es an. Würde der Taunus die wichtigste Rolle in meinen Büchern spielen, wären sie wohl kaum über die Grenzen meiner Heimatregion so erfolgreich. Meine Leserinnen und Leser in ganz Deutschland und in 32 anderen Ländern auf dieser Welt mögen die Charaktere in meinen Geschichten, die Handlung, die Spannung, die Konflikte. Da kommt es nicht mehr darauf an, wo die Geschichten spielen. Die Kategorisierung „Regionalkrimi“ ist typisch deutsch und wird gerne ein bisschen geringschätzig benutzt. In den USA würde niemand je auf die Idee kommen, die Bücher von John Grisham als Memphis-Krimis zu bezeichnen, oder in Schweden heißt Henning Mankells Wallander-Reihe auch nicht Ystad-Krimis.
Welche Regionalkrimis würden Sie persönlich allen Lesern empfehlen – neben Ihren eigenen natürlich?
Ich lese seit Jahren gar keine Krimis mehr (lächelt).
Welches Buch lesen Sie selbst gerade und wie finden Sie es?
Ich lese gerade „Dunkle Wasser“ von meiner Autorenkollegin und Freundin Charlotte Link und bin ungefähr zur Hälfte durch. Es ist bisher super spannend! Parallel lese ich „Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen“ von Anna Brüggemann, eine deprimierend authentische Geschichte über eine Mutter und ihre beiden Töchter, die sich über zwanzig Jahre spannt. Der Titel des Buches hatte mich neugierig gemacht.
Zum Abschluss eine Frage, die uns allen unter den Nägeln brennt: Wie geht es mit Pia Sander und Oliver von Bodenstein weiter? Etwa in Namibia…?
Das wäre ja mal eine Idee! Allerdings müsste ich dann erstmal nach Namibia fliegen und dort vor Ort etwas recherchieren.












