Am 6. November startet im Landkreis Forchheim die zehnte Auflage der Literaturtage „Blätterwald“. Den kulturellen Reigen eröffnen wird die Sängerin, Tänzerin, Dschungel-Queen, Schauspielerin und nicht zuletzt Spiegel-Bestseller-Autorin Désirée Nick mit ihrem neuen Buch „Alte weiße Frau. Warum Falten kein Knick im Lebenslauf sind“.
Mit unserer Redaktion hat die 67-Jährige vorab über die beste Zeit ihres Lebens, fehlende Gleichberechtigung und ihre Antwort auf die ihrer Meinung nach vehemente Altersdiskriminierung gesprochen.
Interview mit Désirée Nick über ihren neuen Spiegel-Bestseller
Frau Nick, herzlichen Glückwunsch nachträglich, Sie hatten Ende September Geburtstag. Haben Sie gefeiert?
Désirée Nick: Ich feiere nie meinen Geburtstag, weil mein Leben sehr unbürgerlich ist und das ganze Jahr über von zahllosen Highlights, Events und Partys begleitet wird. Der Geburtstag ist für mich immer mehr eine Chance, um zur Ruhe zu kommen. Kindergeburtstage sind was anderes; wer am Theater ist, lernt, darauf zu verzichten.
67 Jahre, da genießen die meisten schon ihre Rente oder Pension. Ihr Ausdruckswille scheint mit jedem Jahr zuzunehmen. Wie machen Sie das?
Ich bin eine Künstlerin und werde nie aufhören zu arbeiten. Da bin ich mit vielen großen Künstlerinnen gleichauf, aber leider nicht in Deutschland. Die kreative Szene hier hinkt hinterher. Bis wir in Deutschland eine weibliche Neunzigjährige als Moderatorin haben, dauert es sicher noch Jahrzehnte. Deshalb gibt es für mich keinen Grund, aufzuhören.
Erklärtes Ziel: Mit 90 noch moderieren?
Nein, das ist ein Missverständnis. Ich habe eingeordnet, dass es anderswo möglich ist. Die Rolling Stones bringen ein Album heraus und sind zehn Jahre älter als ich. Was für einen Grund gibt es dann zu fragen, warum ich das noch mache? Ich habe über Ihre Frage in meinem neuen Buch ein ganzes Kapitel geschrieben, das lautet: „Wie lange wollen Sie das eigentlich noch machen?“. Ich frage mich ob, man das auch Männer fragt …
Die Frage war, wie Sie es schaffen, jedes Jahr mit mehr Energie auftreten zu können.
Ich bin eine Künstlerin. Eine Künstlerin kennt weder Feierabend noch Feiertage noch Wochenenden. Ein bürgerliches Leben hat in meiner Biografie nie eine Rolle gespielt, das befreit von vielen Dingen. Was man jetzt betrachtet, ist das Resultat meines redlich gelebten Daseins.
Sie lebten in Berlin, München, Paris – traten bereits in allen Metropolen auf. Nun touren Sie mit Ihrem neuesten Buch auch durch die Provinz. Ein Kulturschock?
Für mich gibt es keine Provinz. Nicht jeder hat die Möglichkeit, mir nachzureisen, wenn ich Theater spiele. Bücher werden überall gelesen, Bücher kennen keine Grenzen und weshalb soll ich nicht dorthin gehen, wo meine Bücher auch konsumiert werden? Wo ein Buch gelesen wird, kann ich auch auftreten und das Buch zum Besten geben.
Gehen wir kurz rein in Ihr Buch. Alte weiße Männer, Sinnbilder für rückwärtsgewandte Machtgefüge und – wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben – „privilegierte Ausbeuter“. Wer an sie denkt, meint nichts Gutes. Was macht die „alte weiße Frau“ besser?
Das ist ein Zitat aus Sophie Passmanns Buch „Alte weiße Männer“. Durch diese Definition hat sie diesen Begriff in die Mitte der Gesellschaft getragen – meines Erachtens eine legitimierte Form der Altersdiskriminierung. Und die geht so weit, dass alte weiße Frauen komplett übersehen werden. Obwohl es davon wesentlich mehr gibt als Männer und Frauen sowieso auch länger leben.
Wo ist die Gegenantwort auf das Buch Sophie Passmanns geblieben? Dieses Buch habe ich nun geschrieben. Darin stelle ich die Frage, wie wir in diesem Land 25 Millionen alte weiße Frauen über 50 Jahren übersehen können.
Wie kann es gelingen, sie endlich zu sehen?
Das steht in meinem Buch auf 365 Seiten. Wenn ich das in einem Satz formulieren könnte, hätte ich kein Buch schreiben müssen.
Ihr Buch soll ja auch der Unterhaltung dienen, wie Sie neulich in einem Fernseh-Talk erzählten.
Bin ich Politikerin? Nein. Bin ich Soziologin? Nein. Ich bin Unterhaltungskünstlerin. Ich habe schon immer Frauenbücher geschrieben. Würde ich weder Schauspielerin sein, früher Balletttänzerin, noch Reality-Star, Sängerin und all das, dann wäre ich immer noch Autorin. Unabhängig von allen meinen darstellenden Künsten bin ich eine Autorin und ich lasse meine Bücher nicht wie so viele Prominente von Ghostwritern schreiben. Würde ich das machen, hätte ich es nie zu 16 Büchern gebracht. Denn was man nicht haben kann, wenn man Ghostwriter benutzt, ist ein persönlicher Stil.
Ich habe aber die spitzeste Zunge der Nation. Unter genau diesem Aspekt habe ich die Antwort geschrieben auf die alten weißen Männer von Sophie Passmann. Denn wenn sie so frauenbewegt oder feministisch ist, frage ich mich, warum sie die Frauen übersieht. Fünfundzwanzig Millionen.
Unsere Gesellschaft definiert sich seit einigen Jahren gerne als divers, offen und feministisch. Alles nur Etikettenschwindel?
Meine Großmutter war schon Feministin, als es das Wort noch gar nicht gab, weil sie als alleinerziehende Kriegswitwe mit drei Kindern zwei Weltkriege überlebt hat. Uns muss niemand etwas über starke Frauen erzählen, der Begriff „starke Frau“ ist genauso missbraucht wie der Begriff „Diva“. Wir waren das alles schon, als es Kategorien dafür noch überhaupt nicht gab.
Die durchschnittliche Frau im Landkreis Forchheim ist 45,8 Jahre alt und weiß. Da haben Sie bei uns ins Schwarze getroffen …
Ich denke nicht in diesen Kategorisierungen. Es herrscht eine immense Ungleichheit und dabei geht es überhaupt nicht um die Hautfarbe. Ich habe diesen Titel benutzt, um zu fragen, wie man 25 Millionen alte weiße Frauen vergessen kann. Da sind alle Hautfarben inkludiert.
Ich bin ein Kind aus Berlin-Mitte, da gibt es diese menschlichen Abgrenzungen gar nicht, die heute ein Thema sind. Ich bin aufgewachsen in einer diversen Außenwelt, deshalb brauche ich auch keine Schachtel für andere Menschen. Ich brauche nicht einmal die Schachtel, die sich Provinz nennt.
Was können Frauen von Ihnen lernen?
Eine Inspiration zu sein für die zweite Lebenshälfte. Das ist doch unheimlich wertvoll, denn ich sehe darin die beste Zeit des Lebens.
Und die Männer?
Die können endlich lernen, wie Frauen wirklich denken. Vor allem, wenn sie nicht dabei sind.
Das Leben fange mit 66 Jahren an, sang Udo Jürgens 1977. Da waren sie gerade einmal 20 Jahre und tanzten Ballett. Mit 46 Jahre später waren Sie dann auf dem Titel des Playboy – als älteste Deutsche überhaupt. Hatte Udo Jürgens also recht?
Udo Jürgens kam aus einer anderen Epoche. Da gab es noch keine Hashtags, Rassismus oder Sexismus oder Me-Too-Bewegung. Auch den Männern habe ich einiges mitzuteilen, denn für sie wird das Leben mit dem Alter auch nicht unbedingt einfacher. Das alles ist für mich eine Vorlage für meinen persönlichen Humor. Ich schreibe ein Unterhaltungsbuch, über das man letztendlich lachen soll.
Weder belehre ich jemanden noch sage ich den Menschen, wie sie leben sollen. Ich will eine Inspiration sein. Ich öffne ein Mindset, das Leben unter dem Aspekt unserer Gegenwart völlig neu zu betrachten und das Älterwerden neu zu erfinden. Sehr viele Frauen haben ab der Mitte des Lebens für ihre Zukunft überhaupt kein Programm. Im Gegenteil, für sie geht das Älterwerden mit Wertverlust einher, sie haben keinen Plan für die nächsten 50 Jahre.
In unserer Gesellschaft wird das Alter prinzipiell als Makel betrachtet und die 1000 Gründe, warum das falsch ist, stehen in meinem Buch.
Frau Nick, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Lesen Sie auch:













