Der in Pretzfeld aufgewachsene Journalist und Fotograf Frédéric Schwilden hat einen Roman geschrieben: über sein Leben in der Fränkischen Schweiz und seinem Leben ganz weit weg von hier.
Viele Wege führen von Pretzfeld in die Welt und mancher davon ist ein Fluchtweg. Frédéric Schwilden hat einen solchen gewählt, als er nach dem Abitur so viel Welt wie möglich zwischen sich und seine Eltern bringen wollte. Inzwischen ist er ein etablierter Journalist und international anerkannter Fotograf. Vor kurzem ist sein autofiktionaler Roman „Toxic Man“ erschienen.
Über die genaue Wahrheit darin dürfen die Leser selbst entscheiden. Von sich und seiner Welt erzählt der 35-Jährige ein bisschen genauer bei einem Gespräch mit dem FT.
Schon als Vierzehnjährige wollte er weg aus Pretzfeld: „Ich wollte nach New York oder Paris, weil ich dort nicht so auffalle. Das Konzept Stadt fand ich deswegen super.“ Dabei hätte die Idylle der Fränkischen Schweiz für den Jungen vielleicht eine Kraftquelle für später sein können. Dafür sei aber zu viel Zerrissenheit in der Familie gewesen.
Der Vater, Professor für experimentelle Anästhesiologie, bekam einen Lehrstuhl an der Universität Erlangen, also planten die Eltern den Umzug von Bonn hierher. Die Entscheidung fiel gegen Erlangen und für Pretzfeld, weil „es auf dem Land schön und sicher ist“, so die Eltern. Frédéric und seine Halbschwester sollen draußen, in der Idylle, spielen.
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Der Plan ging nicht auf. Die Eltern akzeptierten ihr Umfeld nicht wirklich und vermittelten dadurch den Kindern eine verstörende Ambivalenz. Schwilden skizziert ein Bild davon: „Meine Eltern sind mit einem bildungsbürgerlichen Dünkel nach Pretzfeld gezogen. Sie haben das Landleben idealisiert – wie früher die Adligen, die auf ihren Landpartien als Schäfer verkleidet auf die 'edlen Wilden' geguckt haben.“
Schon die Nachbarskinder seien für sie „falsch“ gewesen, weil sie keine Professoren-, sondern Metzgerskinder waren. „Und dieses Bild, welches mir meine Eltern vorgegeben haben“, weiß Schwilden heute, „hat es mir schwer gemacht, mich in die dörflichen Strukturen zu integrieren. Ich habe kein Fußball gespielt, ich war nicht im Schützenverein.“ Auch deswegen wollte er raus, irgendwohin, wo er sich zugehöriger fühlen kann.
Vor allem aber wollte er weg aus der Familie. Von dem Vater, der Zuneigung von Höchstleistung abhängig gemacht und drakonische Strafen verhängt habe. Die Schwester sei wegen banaler Vergehen über Tage in den Keller gesperrt worden. Sie habe nur rausgehen dürfen, um in die Schule zu gehen. Weg wollte der Junge auch von der Mutter, die bei all dem zusah und die Kinder nicht beschützt habe. Viel weiter entfernt könne man von einer Idylle wohl kaum sein.
Zu hohe väterliche Erwartungen
Die Erwartungen des Vaters waren deutlich: Studium, Promotion und weiter hinauf. Überhaupt: Studium oder nicht, daran wurde jeder gemessen. Eine Denkweise, die ein Kind rasch übernimmt: „Ich habe gedacht: Ach so, also Leute, die nicht promoviert haben, sind bestimmt dumm.“ Frédéric Schwilden schüttelt den Kopf: „Ganz schlimm für ein Kind.“
Die Folgen überraschen kaum. Frédéric entsprach den väterlichen Erwartungen nicht, und irgendwann will er das auch nicht mehr. Vieles ist ihm willkommen, was seine Eltern verstört – Alkohol, Drogen und eine Musik, die nicht die ihre ist. Studieren will er nicht. Das Abitur schafft er im zweiten Anlauf und dann macht er sich auf den Weg nach Berlin.
Dort beginnt er mit der Suche nach seinem Leben – durch das Schreiben von Kolumnen, mit Drogen, in kaputten Nächten und mit dem Gedanken, dass ihm der Tod nichts ausmacht. Dann wird er Redakteur im Feuilleton der „Welt am Sonntag“, fängt an zu fotografieren und entdeckt seinen Blick auf die Welt. Er kauft sich eine Kamera und ein Fotograf zeigt ihm die einfachsten Grundlagen. Es ist 2015 und Frédéric Schwilden hat den Anfang seines Lebens gefunden.
Seitdem überholt er sich dabei beinahe selbst. Er schreibt, fotografiert – auch deutsche Politprominenz und internationale Popstars: Seine Bilder werden ausgestellt. Die zeitgenössische Kunst wird Teil seines Lebens.
Im Roman fotografiert er den toten Vater aus einem Impuls heraus auf dem Sterbebett und gibt später, genauso impulsiv, dieses Foto für seine erste große Ausstellung frei. „Toxic Man“ soll sie heißen, nach dem alles vergiftenden Vater. Bald wird in mehreren Großstädten dafür geworben – auf zwei mal drei Metern großen Plakaten. Darauf auch das Bild des toten Vaters, in Übergröße, wie passend. Im Buch heißt es dazu: „Natürlich ist das eine Unverschämtheit, dieses Bild zu zeigen. Aber ich möchte, dass mein Vater zumindest Kunst werden kann, wenn er schon die meiste Zeit kein Vater war.“
Seine Wege haben Frédéric Schwilden zurück nach Franken geführt. Er lebt glücklich mit seiner Familie in Erlangen. „Ich habe meine persönliche und meine berufliche Unsicherheit überwunden“, resümiert er. „Ich denke nicht mehr: Irgendwann finden alle heraus, dass ich eigentlich nichts kann.“
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