Forchheim bekommt Zuwachs. Die neuen Schützlinge hören auf die Namen Annie, Maja und Paul. Dahinter verbergen sich drei verschiedene Lastenräder, die ab 6. Mai für den Großeinkauf oder eine Radtour mit den Kids ausgeliehen werden können.
Organisiert wird das Ganze vom Verein Forchheim for Future. Nach Anmeldung und Buchung über ein Online-Portal können die Lastenräder an einer der Ausleihstationen abgeholt werden. Zwei der Stationen sind die Stadtbücherei und der Unverpacktladen, eine dritte ist gerade noch in Klärung. (Anmerkung 10. Mai: Ab 14. Mai ist die dritte Ausleihstation beim Café Nordstern am Joseph-Otto-Platz zu finden.)
Mit dem Lastenrad durch die Forchheimer Innenstadt
Jedes der drei Räder ermöglicht eine etwas andere Form des Lastentransports. Beim Modell Annie Londonderry, das vom Verband Freie Lastenräder e. V. zur Verfügung gestellt wird, ist der Korb zwischen Lenker und Vorderrad angebracht. Beim Modell Paul sitzt die Transportbox dagegen zwischen den beiden Vorderrädern. Beide Fahrräder haben zur Unterstützung einen Motor. Maja hat hingegen keine Motorunterstützung und den Korb über dem Hinterrad.
Allein vom ersten Eindruck nehmen die Lastenräder mehr Platz ein, als ein gewöhnliches Fahrrad. Dennoch aber deutlich weniger als ein Auto. Zwischen 70 und 100 Kilogramm können damit je nach Modell transportiert werden. Zum Test treffen wir uns am Zukunftshaus in der Forchheimer Innenstadt. Damit wir verschiedene Versionen ausprobieren können, hat Volker Brandt von Forchheim for Future Annie und Paul mitgebracht.
An den Start gehen als Test-Fahrer Redakteurskollege Stephan Großmann und ich. Während er regelmäßig mit dem Fahrrad, oft auch mit Anhänger, unterwegs ist, greife ich eher selten zum Rad und bin lieber zu Fuß unterwegs.
Nach der Einweisung geht die Fahrt los
Als Erstes macht Brandt uns mit den Funktionen der Räder vertraut. Als erprobter Lastenradfahrer und Chef von „in.velo.via“, einem Unternehmen, das individuelle Lasten- und Reiseräder anbietet, ist er Experte. Brandt erklärt, wie man die Gänge einstellt, den Motor zuschaltet und wie man trotz ungewohntem Fahrgefühl das Gleichgewicht behält. „Nicht auf das Vorderrad schauen, sondern gerade aus, wo man hinfährt“, empfiehlt er.
Dann geht es auch schon los. Mein Start auf dem Pflaster ist mehr als holprig. Selbst auf der niedrigsten Einstellung ist der Sattel von Annie etwas zu hoch für mich, wodurch ich mit Schwung aufsteigen und losfahren muss. In Kombination mit der ungewohnten Lenkung kommt mir immer wieder das Gleichgewicht abhanden.
Die Lenkung ist deutlich wackliger und empfindlicher als bei einem normalen Fahrrad. Immer wieder muss ich bremsen und kurz anhalten. Wenn ich mir vorstelle, damit einkaufen zu gehen, sehe ich meine Lebensmittel schon quer über die Straße kullern. Bis ich als weniger erprobte Radlerin mit Annie auf Shopping-Tour gehen könnte, müsste ich wohl erst ein paar Übungsrunden drehen.
Fazit: Übung macht die Meisterin
Als Nächstes ist Paul an der Reihe. Dank seiner drei Räder besteht schon mal nicht die Gefahr, mitsamt der Ladung umzukippen. Dafür braucht er mehr Platz. Mit diesem Modell fühle ich mich direkt sicherer. Das Gefühl beim Lenken unterscheidet sich wegen der zwei Vorderräder aber ziemlich von dem eines normalen Fahrrads.
Bei der Testrunde in der Forchheimer Innenstadt fühle ich mich alles andere als verkehrssicher. Mein Fazit: Wer nicht so fest im Sattel sitzt, sollte unbedingt eine Übungsphase einplanen, bevor eine größere Runde mit dem Lastenrad ansteht. Wenn man den Dreh mal heraus hat, stelle ich es mir aber gerade jetzt in den warmen Monaten sehr entspannt vor, damit durch die Stadt zu düsen.
Bei meinem Kollegen sieht das ganze direkt einfacher aus. Als Fahrradfan ist für ihn die Lenkung von Annie und Paul zwar auch ungewohnt, trotzdem tut er sich um einiges leichter, die Räder auf Spur zu halten. Nach kurzer Zeit dreht er bereits Runden vor dem Zukunftshaus. Auch, wenn er die empfindlichere Lenkung ebenfalls gewöhnungsbedürftig findet, gefällt ihm das Modell mit zwei Rädern besser, da es mehr an ein normales Fahrrad erinnert. Eine Einkaufstour mit Annie würde er sich sofort zutrauen. Von Stephan gibt es einen Daumen hoch.
Kurze Strecken mit dem Auto reduzieren
Die Idee hinter dem Projekt sei es, möglichst viele Autofahrten auf kurzen Strecken einzusparen, erklärt Eugen Wette-Köhler, Vorstandsvorsitzender von Forchheim for Future. Gleichzeitig soll es Spaß machen, die Lastenräder auszuprobieren, daher auch das kostenlose Angebot. „Ich habe kein Auto mehr, aber ab und zu könnte ich mal Lasten transportieren und dann wäre es schön, wenn ich Zugriff hätte“, erklärt Wette-Köhler.
An über 170 Orten in Deutschland gebe es bereits solche „freien Lastenräder“, erzählt Volker Brandt. In Forchheim gehen die Reaktionen zu dem Projekt in beide Richtungen. Beim „Earth Day“ hatte Brandt das neue Angebot bereits präsentiert. „Interessiert haben sich einige Leute, wir haben auch schon Anmeldungen auf der Buchungsseite“, erzählt er.
Es gab aber auch kritische Stimmen. „Deutschland auf dem Weg zurück in die Steinzeit“ oder „Wieso soll ich mir so einen Müll ausleihen“ kommentierten einige Nutzer unter einem unserer Facebook-Beiträge zum Thema. „Das ist in der Diskussion wahnsinnig aufgeladen. Ich weiß gar nicht, was an Lastenrädern anders ist als an Fahrrädern“, wundert sich Brandt.
Aus seiner Sicht bieten Lastenräder viele Vorteile. Neben tatsächlichen Lasten finden auch Kinder sicher Platz in den Körben, dafür gibt es extra spezielle Kindersitze. Wer jetzt Lust bekommen hat, sich selbst mal aufs Lastenrad zu schwingen, der kann sich unter freila.info einen Termin mit Annie, Maja oder Paul sichern.
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