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Ortsnamen-Serie
Überraschendes Niedermirsberg: Berg, Burg und Kirche
Die Niedermirsberger Jakobskirche mit dem Turm aus dem 15. Jahrhundert und rechts davon die 1937 eingeweihte Kirche mit den beiden KuppeltürmenForchheim & Fränkische Schweiz
Die Niedermirsberger Jakobskirche mit dem Turm aus dem 15. Jahrhundert und rechts davon die 1937 eingeweihte Kirche mit den beiden Kuppeltürmen // Manfred Franze
Signet des Fränkischen Tags von Manfred Franze
Niedermirsberg – Die Bezeichnung von Niedermirsberg hat sich ab dem 14. Jahrhundert über mehrere Stufen hinweg gewandelt. Es gibt eine fast vergessene Ruine, einen tapferen „Krippenpfarrer“ und den Necknamen „Eulnböck“.

Der Geschichte eines Ortsnamens nachzugehen, führt manchmal zu überraschenden Entdeckungen.

So ging’s mit Niedermirsberg, bis 1971 eigenständige Gemeinde, aktuell aber ein Stadtteil von Ebermannstadt. Der Ort schmiegt sich am Ende des idyllischen Mühlbachtals an den Fuß der Langen Meile und hat sich in letzten Jahrzehnten immer mehr über den Fischbach hinaus in den westlichen Berghang ausgedehnt.

Aus Munrichesberg wird Mirsberg

Der Name des Orts geht auf einen Eberhard von Munrichesberg zurück, der zur Bestätigung einer Urkunde 1124 als einer von mehreren bischöflichen Ministerialen (Dienstmannen) als Zeuge genannt wird. Munrichesberg bedeutet nach der Ortsnamensforscherin Dorothea Fastnacht nichts anderes als „Siedlung am Berg des Munrich“.

Das ist ein sehr seltener Name. Er setzt sich aus dem germanischen „Muni-“ (Gedanke) und „rikaz“ (reich, wohlhabend, mächtig) zusammen. Mehr aber weiß man nicht über ihn – außer, dass er vermutlich der Besitzer der Burg in der Waldabteilung „Buchholz“ war, deren Ruinen heute schon weitgehend in Vergessenheit geraten sind.

Sprachgeschichte: Von „Munri“ zu „Mirs“

Sprachgeschichtlich hat sich – wie Fastnacht nachweist – „Munri“ ab dem 14. Jahrhundert über mehrere Stufen hinweg zu „Mirs-“ gewandelt. Im 19. Jahrhundert kam dann das „Nieder“ dazu, damit es nicht mit dem Hohenmirsberg im ehemaligen Landkreis Pegnitz verwechselt werden konnte.

Aber wo stand die kleine Burg, von der der Burgenforscher Helmut Kunstmann sagt, es gebe keinerlei Urkunden? Fastnacht verweist auf das „Steinhaus“ im „Buchholz“. Es soll an der alten Straße bergauf gelegen haben, die ehemals Niedermirsberg mit Rettern und Kauernhofen verband.

Alfons Herbst, langjähriger Stadtrat von Ebermannstadt, weiß sofort, wo das ist. Als Jugendliche hätten sie Ende der fünfziger Jahre einen tiefen Gang in den Erdhügel gegraben – zum Schrecken seiner Mutter.

Alfons Herbst steht  auf  dem ehemaligen Standort der Burg.Forchheim & Fränkische Schweiz
Alfons Herbst steht auf dem ehemaligen Standort der Burg. // Manfred Franze

Er fährt die Kalkgasse steil bergauf und hält, wo nur Büsche und Bäume zu sehen sind. Aber schon nach ein paar Schritten ist ein ringförmig verlaufender Wall zu erkennen, der sich nach innen absenkt und mit Gestrüpp bewachsen ist. Altes Knüppelholz erschwert zudem die Begehung.

Alfons Herbst steigt nach innen ab und zeigt auf das große Loch, das zu seiner Zeit höher und breiter war. Wir sind im Burgkern, der nach Kunstmann ursprünglich 25 Meter auf 45 Meter betrug. „Durch Verwendung als Steinbruch wurde 1936 die Anlage nachhaltig zerstört“, schreibt er.

Schade, dass die Ruine weiter verfällt, wenn nichts getan wird. Hier könnten mit relativ wenig Aufwand die Reste des Ansitzes erhalten und durch eine Infotafel erläutert werden. Zumal das Ganze in städtischem Eigentum ist.

Die neue Jakobus-Kirche

1936 war auch das Jahr, in dem der Grundstein für die neue Jakobus-Kirche gelegt wurde. Die alte Kirche war zu klein geworden, und deswegen baute man direkt an sie versetzt einen größeren Neubau. Verbunden sind sie miteinander durch den dreigeschossigen Turm aus dem 15. Jahrhundert.

Architekt – man glaubt es kaum – war der Nationalsozialist Franz Ruff (1906-1979), neben Albert Speer, Paul L. Trost und Vater Ludwig Ruff einer der namhaftesten Architekten des „Dritten Reichs“, der unter anderem auch am Bau der Kongresshalle auf dem Nürnberger Reichsparteigelände beteiligt war.

Von Rüssenbach kommend fallen die beiden niedrigen Kuppeltürme links und rechts des Neubaus auf. Beim ersten Hinsehen wirkt der kompakte Sakralbau wie eine Wehranlage.

Kirchentreue gegen NS

Im Gegensatz zum Architekten Ruff versuchte der Ortsgeistliche Johann Freitag (1901-1978), der von 1935 an sieben Jahre lang in Niedermirsberg wirkte und als „Erbauer“ der neuen Kirche verehrt wird, den Nationalsozialismus von seiner Pfarrgemeinde fernzuhalten und sie – wie es in der Fachsprache heißt – „resistent“ zu machen.

Bei der Einweihung der neuen Kirche im Mai 1937 schmückte das ganze Dorf – nur mit Ausnahme eines Bauern und des Lehrers – den Ort mit gelb-weißen Kirchenfahnen und nicht, wie es die Reichsflaggenverordnung forderte, mit Hakenkreuzfahnen.

Kuratus und „Krippenpfarrer“ Johann Freitag bei der Einweihung der neuen Kirche am 23. Mai 1937Forchheim & Fränkische Schweiz
Kuratus und „Krippenpfarrer“ Johann Freitag bei der Einweihung der neuen Kirche am 23. Mai 1937 // Quelle: st-jakobus-niedermirsberg.de/kirche/geschichte/weihe-neue-kirche-1937/Repro: Franze

Schon zuvor hatte Kuratus Freitag im Advent 1936, also während des Baus der Kirche, einen neuen Brauch eingeführt: die „Herbergsuche“. Dabei wurde, wie es im Polizeibericht heißt, ein Marienbild unter Liedern und Gebeten am Abend von Haus zu Haus getragen. Das zeige, dass die Bevölkerung „der nationalen Bewegung nach wie vor interesselos gegenüberstehe“.

Weiter meldete die Gendarmerie, dass Kuratus Freitag im August 1937 offen gegen die Gemeinschaftsschule gepredigt habe und Eltern nicht die von der Hitler-Jugend angebotenen Sprechabende besucht hätten.

Verteidigung der Kirchenglocken

Zur offenen Auseinandersetzung mit dem NS-Regime kam es am 20. April 1942, als zwei Arbeiter aus Bamberg die Kirchenglocken abnehmen und sie zum Einschmelzen für den Kriegseinsatz abtransportierten wollten. Noch bevor sie damit beginnen konnten, alarmierten Jugendliche mit Glockengeläut das Dorf.

Beim Ansturm auf die Kirche drangen nach dem Polizeibericht „einige Frauen … bis zum Glockengerüst vor, bedrohten die Arbeiter“, schlugen sie und drängten sie „gewaltsam aus der Kirche“. Mit Steinwürfen schlug die wütende Menge die beiden Arbeiter in die Flucht.

Erst am nächsten Tag konnten dann die Glocken „unter dem Schutz der Gendarmerie ohne weitere Zwischenfälle“ abgenommen werden. Landrat Ludwig Niedermayer, selbst aktiver Katholik, wollte zunächst die von der Polizei ermittelten fünf Frauen und den einen Jugendlichen nur verwarnen, musste sie dann aber doch kurzfristig in Haft nehmen, weil sie seine Vorladung boykottierten.

Über 500 Krippenfiguren gesammelt

Kuratus Johann Freitag, der 1942 als Pfarrer nach Nürnberg wechselte, begann in Niedermirsberg seine Karriere als „Krippenpfarrer“. Nach seiner Devise „In jedes christliche Haus eine Krippe“ bastelte er mit den Kindern Figuren aus Pappmache, von denen einige angeblich heute noch in Gebrauch sind.

Nach dem Krieg war er 20 Jahre lang Vorsitzender des Bayerischen Krippenvereins, sammelte selbst in Süddeutschland und Tirol über 500 Krippenfiguren und veröffentlichte darüber zahlreiche Artikel. Seinen Nachlass hat er dem Bamberger Diözesanmuseum und dem Bamberger Krippenverein überlassen.

Niedermirsberger Neckname

Etwas seltsam klingt der Neckname für die Niedermirsberger: „Eulnböck“. In immer anders erzählten Variationen geht der Kern der Geschichte auf eine Eule mit riesigen Federohren zurück, die sich nachts im Kirchturm niedergelassen hatte.

Weil’s schon Mitternacht war, meinte ein Spätheimkehrer, als er dort oben dunkles Geflatter sah und hörte, die Geisterstunde habe begonnen, rannte ins Wirtshaus zurück und schrie: „A Gspenst, a Gspenst is in der Kerng!“

Die hier noch Sitzenden sprangen auf, holten sich aus der Scheune des Wirts Sensen, Gabeln und Dreschflegel und stürmten zur Kirche, worauf die Ohreule erschreckt das Weite suchte. Auf die Frage, was das denn gewesen sein könnte, antwortete der Dorfschullehrer: Das war eine Eule, und wenn sie Hörner hatte, war’s halt ein Vogel-Mann; denn alles, was Hörner hat, heißt Bock: Rehbock, Geißbock, Holzbock, Sägebock. Also war das da ein „Eulnbock“.

Die zweite Version, 1925 im Heft des Fränkische-Schweiz-Vereins abgedruckt, ist wenig schmeichelhaft, korrespondiert aber interessanterweise mit der von den Rüssenbacher Stegflickern: Danach habe sich hier nach der Entvölkerung im Dreißigjährigen Krieg ein besonderer Menschenschlag „mit großen, runden Köpfen“ niedergelassen, der „denen der Ohreulen nicht unähnlich gewesen“ sei. Weil die Ohreule von den Einheimischen oft als Eulenbock bezeichnet worden sei, hätten die „beiden Nachbardörfer“, also die Rüssenbacher und Neuseser, die Eingewanderten wegen ihrer Kopfform als „Eulenböcke“ verspottet.

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