Die Liste an Sorgen, die die Bewohner zur Bürgerversammlung in Behringersmühle mitgebracht haben, ist lang. Sie berichten von Schlägereien, Ruhestörung, nächtlichem Betreten von Grundstücken – alles in Zusammenhang mit der Geflüchtetenunterkunft oder am Ort untergebrachten Gastarbeitern.
Ein abgemeldetes Auto stehe auf der Straße und verliere Öl. Der Spielplatz sei verdreckt und regelmäßig seien Schüsse zu hören. Alle zwei Tage sei die Polizei in Behringersmühle. Man habe Angst, nachts rauszugehen oder die Kinder allein zum Bus zu schicken.
Behringersmühle: Das sagt die Polizei
Die Polizei kann die Vorwürfe auf Nachfrage nur zum Teil bestätigen. „Im Zuge des Bevölkerungszuwachses haben die Einsätze zugenommen“, sagt Alexander Stieg von der Polizei in Ebermannstadt. Es gebe aber keine Ballung im Bereich des Geflüchtetenheims.
Die Gründe für Polizeieinsätze seien unterschiedlich: Körperverletzung, Sachbeschädigung, Falschparker, Ruhestörung. Letztere könne auch mal eine private Geburtstagsfeier sein. Nicht jede Polizeistreife im Ort bedeute automatisch, dass etwas vorgefallen sei.
Viele Dinge würden in einem 150-Seelen-Ort mehr auffallen als in einer Stadt. „Das Auto ist ein schönes Beispiel, wie man sowas hochkochen kann“, sagt Stieg. Besagtes Fahrzeug habe von Anfang an auf Privatgrund vor einem Haus gestanden. Bei einem Regenschauer habe es so ausgesehen, als ob viel Öl auslaufe. Das sei nicht der Fall gewesen.
Auch für die Schüsse, die gefallen sein sollen, gebe es inzwischen eine Erklärung. In der Nähe sei eine Treibjagd gewesen. Meldungen, dass Grundstücke unbefugt betreten wurden, liegen der Polizei keine vor.
Experte erklärt: Wahrnehmung kann täuschen
Warum sich manchmal tatsächliche Vorfälle, Gerüchte und Emotionen vermischen, sei relativ einfach zu erklären, sagt Claus-Christian Carbon vom Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Das habe mit dem „Confirmation Bias“ zu tun, also einer Bestätigungsverzerrung.
Durch negative Erfahrungen oder Bilder, selektive Aufmerksamkeit und das Ignorieren von anderen Fakten werde das, was man eh schon denke, immer wieder bestätigt. „Wenn jemand ein Vorurteil hat, so wird er es bestätigt sehen, sobald nur der leiseste Verdacht besteht – andere Fakten und gegenläufige Evidenzen werden gleichzeitig ausgeblendet“, erklärt Carbon.
Wie Unsicherheitsgefühle entstehen
Diese Dynamik aufzulösen, sei die große Kunst, aber durchaus machbar. Die Welt hier sei unglaublich sicher. Es gebe praktisch keine Überfälle oder andere Straftaten, wenn man durch die Stadt oder eine Wohngegend gehe – auch wenn dort ein Geflüchtetenheim sei. Gleichzeitig sei das Sicherheitsgefühl durch Unsicherheit und negative Erfahrungen geprägt.
Deshalb sei es wichtig, sich Probleme anzuhören. „Wenn die Sorgen berechtigt sind, muss man ihnen radikal nachgehen“, betont Carbon. Handle es sich eher um Gerüchte, sei es wichtig, Gegenfragen zu stellen: Was ist genau vorgefallen? Woher weiß die betroffene Person das?
„Es ist eine natürliche Haltung, dass man skeptisch gegenüber etwas ist, was man nicht kennt“, erklärt Carbon. In solchen Situationen sei die Chance höher, dass etwas passiere, was man nicht sofort einschätzen könne. Das wirke bedrohlich.
Nicht nur ängstliche Menschen betroffen
Dass die gefühlte Sicherheit leide, sei nicht unbedingt allein ein Problem von ängstlichen Menschen. Anfällig seien Menschen, die sich beispielsweise durch Jobverlust oder wenig Anerkennung in der Gesellschaft sowieso schon bedroht fühlten.
„Wenn sie Personen sehen, die bisher nicht hier lebten, dann versuchen sie das in Verbindung zu bringen, dass diese Person etwas mit ihrem eigenen Schicksal zu tun hat“, sagt Carbon. Das führe zum Beispiel zu Frust, Neid und Gerüchten über vermeintliche finanzielle Vorteile, die Geflüchtete haben sollen.
„Wenn Menschen in ein Bedrohungsszenario gebracht werden, dann tendieren sie zu sehr extremen Meinungen“, erklärt Carbon weiter. Deshalb seien sie keine schlechten Menschen, betont er. Wichtig sei, die Sorgen und die gefühlte Bedrohung ernst zu nehmen und Perspektiven aufzuzeigen, wie man beispielsweise vom Zuzug profitieren könne.
Integration durch Begegnung
Der Schlüssel zum Erfolg ist laut Carbon Begegnung. Nur so könnten Schranken abgebaut werden. Die räumliche Trennung von Geflüchteten in Sammelunterkünften und Anwohnern sei kontraproduktiv. Natürlich sei wichtig, dass Geflüchtete im laufenden Asylverfahren eine feste Bleibe hätten. Gleichzeitig würden die Unterkünfte für Anwohner so zum Teil zu einer „verborgenen Welt, die man nicht kennt“.
Eine Möglichkeit für Annäherung seien Begegnungsfeste und gemeinsames Essen und Trinken. Das sei bei jeder Form der Integration von großer Bedeutung. So könne Diversität auch mal in einem positiven Rahmen gesehen werden. Einer Person, die sich bedroht fühlt, zu sagen, „das sind doch nette Leute, ihr seid doch eigentlich ganz ähnlich“, ist aus Sicht von Carbon zu kurz gedacht.
Würden beispielsweise ständig Leute vor dem eigenen Haus herumhängen, dann könne man sich in der Identität beziehungsweise Existenz bedroht fühlen. Dieses Bedrohungsgefühl mache es schwierig zu erkennen, dass Menschen anderer Herkunft ähnliche Alltagssorgen haben wie man selbst.
Das mache ein Miteinander in einem Ort wie Behringersmühle, wo mehr Geflüchtete als Einwohner leben, schwierig. „Wenn da viel mehr Menschen sind, die mir fremd sind, und ich mich bedroht fühle in meiner Identität, dann ist das nicht notwendigerweise Rassismus, sondern Psychologie“, sagt Carbon. Deshalb gelte es, auf der einen Seite die Identität des Einzelnen zu schützen und auf der anderen Seite Brücken zu bauen.
So entstehen negative Stereotype
Oft reiche ein negativer Vorfall, dass man etwas auf eine ganze Gruppe verallgemeinere. „Habe ich einmal einen aggressiven BMW-Fahrer im Rückspiegel, denke ich schnell, alle BMW-Fahrer sind so“, sagt Carbon. „So funktionieren negative Stereotype. Und sie sind eben oftmals unbegründet.“
Vorbehalte können am besten durch direkten Kontakt abgebaut werden. Nur so merke man, dass da zum Beispiel auch eine Oma mit Enkeln sei – genauso wie man selbst. Zusammensitzen, essen und trinken, Geschichten erzählen – „es ist nicht zu unterschätzen, was das für eine kulturelle Bedeutung hat“, sagt Carbon: „Ein Allheilmittel gegen massive Rassisten oder böswillige Menschen ist das allerdings nicht.“
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