Immerhin, die Handys sind lautlos.
Während Starautor Uwe Kirschstein in der halbvoll besetzten Aula der Ritter-von-Traitteur-Schule an diesem trüben Dezembertag seine Lesung beginnt, driftet so mancher Anwesende sogleich ab ins Reich seines digitalen Wunderhelfers. Checkt Whatsapp-Nachrichten, durchscrollt Wettervorhersagen, nickt kurz weg.
Das gedankliche Abschweifen liegt nicht an des Redners ins Tenorige tendierenden Stimme. Zumindest nicht nur. Der gänzlich auf rhetorische Klangspitzen verzichtende Vortrag dieser beiden A4-Seiten und der hereinbrechende Abend tun ihr Übriges.
Jahresschlussansprache Uwe Kirschstein: Ein Buch, ein Einband, kein Urteil
Aber, „don't judge a book by its cover“, heißt es doch, was nichts anderes meint, als ein Buch bitte nicht nach seinem Einband zu beurteilen.
Immerhin gewährt der Rathaus-Chef dank seiner besinnlichen Sätze seltene Einblicke in sein innerstes Selbst, offenbart Gedanken, die im hektischen Polit-Alltag übers Jahr verschlossen unter des Oberbürgermeisters Brust verborgen bleiben. Des Bürgers Wille geschehe wenigstens heute; und der Einband eines offenen Buches ist schließlich nicht einmal sichtbar.
Binnen-I und sehr geehrte Damen und Herren
So bequemen sich nach kurzer mentaler Verschnaufpause die „sehr verehrten Mitglieder des Stadtrats“, die „lieben KollegInnen (Kirschstein gendert diesen Ausdruck einem verbalen Vulkan gleichend bewusst per Binnen-I)der Stadtverwaltung“ sowie alle „sehr geehrten Damen und Herren“ und „verehrten Gäste“, dem Redner ihr Gehör zu leihen.
Dem feierlichen Anlass so kurz vor dem Fest der Feste angemessen, orientiert sich Kirschstein (bewusst oder unbewusst, wohl eher Letzteres) an der berühmten „Weihnachtsgeschichte“ des britischen Schriftstellers Charles John Huffam Dickens.
Sie wissen schon, die Geschichte über den alten Geizhals Ebenezer Scrooge, dem drei Geister dazu verhelfen, sein Leben zu ändern: der Geist der vergangenen Weihnacht, der Geist der diesjährigen Weihnachtsnacht und der Geist der zukünftigen Weihnacht.
Geiz, Geister, Forchheim.
180 Jahren nach Dickens adaptiert Kirschstein die Geschichte
Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, taucht der Zuhörer in der nicht einmal zehnminütigen, zeitgenössischen Dickens-Adaption Kirschsteins mitten hinein in eine Mischwelt aus Fantasmen und sozialkritischen Tönen.
Ganz wie es „Boz“, wie Dickens Pseudonym tatsächlich lautete, gewollt hätte. (Auch hier spiegelt sich eine interessante Parallele wider, wenngleich sich Kirschstein von seinen Untertanen in der Königsstadt eher als „der Boss“ ansprechen lässt.)
Und doch bleibt ernüchtert festzustellen, dass ein studierter Informatiker, theoretischer Mediziner und promovierter Humanbiologe nicht automatisch als fundierter Anglist durchgeht. In Kirschsteins Rede finden sich zwar alle bekannten Strophen der Weihnachtsgeschichte wieder. Jedoch in falscher Reihenfolge.
nI lsafchre nlefiehRgoe.
Passiert den Besten. Und an dieser Stelle offenbart sich der Vorteil eines allenfalls halbaufmerksamen Publikums: Es merkt diesen literaturhistorischen Fauxpas gar nicht.
Uwe Kirschstein: Der stets bemühte Strophendurchwirbler
Hangeln wir uns also an Kirschsteins Lippen entlang zum Kern seiner Botschaft. Anders als Dickens beginnt „der Boss“ mit Strophe Zwei, dem vergangenen weihnachtlichen Geist. Trotz der Gefahr, damit einigen auf selbigen zu gehen, lobt er standesgemäß die fruchtbare und fleißige Arbeit seiner Verwaltung.
Und damit letztlich sich selbst.
Schnell dankt er hiernach noch schnell der ihm in tiefer Verbundenheit sowie in offener Feindseligkeit gegenübersitzenden Zuhörerschaft (Kirschstein hat den Zuhörern im Originalwortlaut wieder ein Binnen-I verpasst, was ihn sympathisch macht) für den „unermüdlichen Einsatz zum Wohle unserer schönen Stadt“.
Gedenken an die Toten reißt die Leute von den Stühlen
Räuspern, Brille zurechtrücken.
In Kirschsteins Kosmos folgt auf Zwei Eins, weshalb er die ursprüngliche Eröffnung der Weihnachtsgeschichte einfach jetzt anführt. In Strophe Eins wird es tatsächlich kurz emotional, zumindest hebt sich die Stimmung im Saal in eine etwas weniger ausgeprägte Unemotionalität als vorher, während Kirschstein den Verstorbenen gedenkt.
Und gedenken lässt. Stehend, „in ehrender Dankbarkeit“.
Im Chaos liegt die Ordnung, wie sich Albert Einstein freimütig interpretieren ließe. So springt Kirschstein direkt in Strophe Vier und blickt dem zukünftigen Geist ins Gesicht. Hierbei beschränkt er seine Sicht jedoch – zumindest während der Lesung – auf das lokalste Ereignis des Jahres 2024: die Europawahl.
Ersuchen um Geschlossenheit gegen Demokratiefeinde
In einem klassischen Drama wäre Kirschstein nun an seinem Höhepunkt angelangt. Die ausufernde Rede dauert mithin schon beinahe sechs Minuten, als er in Strophe Drei („Geist der gegenwärtigen Weihnachtsnacht“) auf die europaweiten Gefahren demokratiefeindlicher Kräfte zu sprechen kommt und sein Gremium um Geschlossenheit ersucht.
Das oberste Ziel: Demokratie schützen und Demokratiefeinden energisch entgegentreten. Ruckartig zuckt der Kopf des Zuhörers nach oben, blickt sich um im Saal.
Welcher der Anwesenden noch wach ist, kann sich nur anstecken lassen von solcher Staatsmännlichkeit. Chapeau!
Wohnt 2024 tatsächlich ein Zauber inne?
Fehlt noch Strophe Fünf, bei Dickens das Ende. „Ich freue mich auf 2024, auf die anstehenden Aufgaben und auf die weiterhin konstruktive Zusammenarbeit mit Ihnen“, flötet Kirschstein zum Abschluss in den Raum. Statt des Endes also der viel zitierte und oft augenverdrehende (Neu-)Anfang, dem angeblich Zauber innewohne?
Hermann Hesse würde das verneinen. Aber der ist heute nicht hier, genauso wenig wie Charles Dickens.
Wer wiederum (wieder) da ist, ist das Publikum. Knackende Gelenke vom Strecken und knarzender Hosenstoff der sich in Haltung zurückbegebenden Zuhörerschaft verrät dessen Anwesenheit.
Artiger Tischklopfbeifall, Kirschstein packt sein (einen minikleinen) Aktenordner füllendes Redemanuskript in die Tasche und geht zur Tagesordnung über. Es wartet der nicht öffentliche Teil der Stadtratssitzung. Kirschsteins liebster Teil. An Weihnachten und auch sonst.
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