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Exklusiv-Interview
Domkapitular Emge: Wie es um Forchheims Kirche bestellt ist
„Nächstenliebe spürbar“: Martin Emge leitet als oberster Pfarrer den Katholischen Seelsorgebereich Forchheim.Forchheim & Fränkische Schweiz
„Nächstenliebe spürbar“: Martin Emge leitet als oberster Pfarrer den Katholischen Seelsorgebereich Forchheim. // Stephan Großmann
Martin Emge zum Missbrauchsskandal: „Aufklärung sind wir den Betroffenen schuldig“Forchheim & Fränkische Schweiz
Martin Emge zum Missbrauchsskandal: „Aufklärung sind wir den Betroffenen schuldig“ // Stephan Großmann
Forchheim – Martin Emge, Forchheims oberster katholischer Pfarrer und Domkapitular des Erzbistums Bamberg, spricht über die Asylfrage, Missbrauch, Finanzsorgen und wie sich seine Kirche neu erfinden könnte.

Priestermangel, Sparzwang und Austritte: Forchheims Katholiken blicken auf ein hartes Jahr zurück. Aber es sei nicht alles schlecht, sagt der oberste Pfarrer Martin Emge im exklusiven Interview mit unserer Redaktion.

Martin Emge, Leitender Pfarrer im Seelsorgebereich Forchheim, in Interview

Herr Emge, ist Ihr letztes Gebet erhört worden?

Martin Emge: Meine Gebete werden fast immer erhört. (lacht) Ich erlebe viele pastorale Situationen, in denen Menschen mit ihren Nöten zu mir kommen. Diese Geschichten nehme ich mit ins Gebet. Zum Beispiel den Spendenaufruf für eine krebskranke Frau, die in einem unseren Kindergärten arbeitet. Mit Hilfe der Gemeinde konnten wir ihr schnell helfen. In der Offenheit der Menschen sehe ich meine Gebetserhörung.

Flucht, Krieg, Krisen – mehr denn je brauchen Gläubige eine starke Kirche. Können Sie den Erwartungen noch gerecht werden?

Wir stoßen sicherlich an unsere Grenzen. Unsere Stärken bleiben das Gebet und die Solidaritätsaktionen. Ich erlebe, wie unsere Gemeinschaft schnell konkret wird. Wo es also nicht beim Gebet bleibt, sondern Unterstützung sichtbar wird.

Im sozial-karitativen Bereich ist die Kirche ein wichtiger Player, wenn es beispielsweise um die Arbeit mit Geflüchteten geht. Unsere Erstberatung für Asylbewerber ist stark frequentiert, die Integrationslotsin hat viel zu tun, der Sozialladen läuft – es gibt viele Felder, in denen Nächstenliebe spürbar wird.

Nun scheint die Stimmung in Sachen Asylpolitik im Land zu kippen. Wie kann die Kirche diese Menschen mehr mitnehmen?

Wenn die Zahlen zu groß werden und wir im System überfordert sind, weil monatlich ein neuer Bus mit Asylbewerbern im Landkreis ankommt, ist das nicht mehr zu stemmen. Ich muss unseren Ehrenamtlichen Mut machen, dass sie dabeibleiben und helfen, so gut sie es können.

Um sie aber nicht zu überfordern, ist die Politik gefragt. Es muss gelingen, die Flüchtlingsströme in anderer Weise zu begleiten und zu verteilen. Da geht es auch um Gerechtigkeit. Der natürlichste Weg aber wäre, die Fluchtursachen zu bekämpfen.

Auch Einheimische brauchen Unterstützung. Die Kirche übernimmt viele karitative Aufgaben. Wie passt das mit den selbst auferlegten Sparzielen zusammen?

Im Sozialbereich sparen wir wenig. Vielen Menschen reicht das Geld nicht, etwa für Heizkosten und sogar für Essen. Ihnen können wir nach wie vor großzügig aus unserer Caritas-Kasse helfen.

In der Breite wollen viele Gläubige auch künftig seelsorgerische Angebote wahrnehmen. Können Sie allen gerecht werden?

Im seelsorglichen Bereich habe ich meine persönlichen Schwerpunkte in der Förderung spiritueller Seelsorge gesetzt: Bibelarbeit, Glaubenskurse, Einzelbegleitung und Beratung, Vielfalt der Gebetsformen und Gestaltung des Gebetslebens. Im diakonischen Bereich liegen mir Kinder und Familien sowie die Seelsorge an Kranken und Alten am Herzen.

Im liturgischen Bereich durchleben wir gerade eine der dichtesten Zeiten im Kirchenjahr. Sowohl unsere ehrenamtlichen Wortgottesdienstbeauftragten als auch unser hauptamtliches Pastoralteam machen ein breites Angebot. Wer in der Weihnachtszeit individuelle Angebote sucht, kann aus dem Vollen schöpfen.

Gott sei Dank erlebe ich in den Pfarreien unseres Seelsorgebereiches noch keinen dramatischen Personalmangel. Sowohl unsere Wortgottesdienstbeauftragten als auch unser hauptamtliches Team machen ein breites Angebot. Wer an Weihnachten etwas sucht, kann aus dem Vollen schöpfen. Die Weihnachtsgottesdienste sind gut abgedeckt; durch eigene Kräfte und Pensionäre, die auch gern mithelfen.

Weihnachten gehört liturgisch zu den dichtesten Zeiten des Jahres.Forchheim & Fränkische Schweiz
Weihnachten gehört liturgisch zu den dichtesten Zeiten des Jahres. // Stephan Großmann

Übers Jahr könnte es aber Engstellen geben?

Wenn ich mir den Stellenplan anschaue, wird es in den kommenden Jahren enger werden. Unsere aktuell noch relativ komfortable Situation wird sich wegen der allgemeinen demografischen Entwicklung und des Nachwuchsmangels bei kirchlichen Berufen wahrscheinlich bald verändern.

153.000 Menschen sind im vergangenen Jahr bayernweit aus der katholischen Kirche ausgetreten, allein im Erzbistum Bamberg waren es 15.700. Für dieses Jahr dürften die Zahlen nicht minder alarmierend ausfallen. Ein Weckruf?

Wir sehen die Zahlen sehr nüchtern. Als christliche Kirchen schauen wir gemeinsam darauf. Ein schweizerisches Forschungsprojekt hat Prognosen bis 2060 erstellt: Es fällt auf, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirche gibt. Die Austritte betreffen uns alle. Dafür gibt es wichtige Gründe.

Wirtschaftliche Fragen sind in den vergangenen zwei Jahren wesentlich stärker geworden. Zweites hält der Verlust der Identifikation mit einer Institution an. Ähnlich ergeht es Vereinen und Verbänden. Die Menschen versuchen vermehrt, ihr privates Leben zu gestalten. Sie knüpfen partiell und zeitlich begrenzt, je nach Zeitbudget und Lust, an eine Institution an. Die Dauerbindung an eine Einrichtung ist spürbar rückläufig.

Für das Erzbistum bedeutet das auch finanzielle Einschnitte. Unser Finanzdirektor hält uns an, alle Bereiche auf den Prüfstand zu stellen und Einsparpotenziale zu suchen. In diesem Jahr müssen wir unserem Erzbistum rund vier Millionen Euro aus unseren Rücklagen finanzieren. Im nächsten Jahr wird das sicher ähnlich weitergehen.

Dass die Bänke in der Forchheimer Kirche St. Martin einmal ganz leer bleiben, fürchtet Pfarrer Martin Emge nicht.Forchheim & Fränkische Schweiz
Dass die Bänke in der Forchheimer Kirche St. Martin einmal ganz leer bleiben, fürchtet Pfarrer Martin Emge nicht. // Stephan Großmann

Gibt es bereits konkrete Überlegungen?

In den Bereichen Organisation und Gebäudemanagement geht es um ökonomischeres Arbeiten. In der bereits 2019 beschlossenen Strukturreform unserer Kirche von Bamberg sind wir gerade dabei, die Pfarreiverwaltung in der Diözese neu zu ordnen. Unser katholischer Seelsorgebereich Forchheim bestand bisher aus zehn Pfarreien und Filialen mit acht Pfarrbüros. Heute sind wir dabei, die Pfarrverwaltung zu verschlanken und auf vier Pfarrbüros mit Dienstsitzen zu konzentrieren.

St. Martin in Forchheim ist der zentrale Verwaltungssitz. Die weiteren Pfarrbüros mit Dienstsitz werden in Don Bosco, Heroldsbach und Buckenhofen sein. Eine einheitliche Büro- und Software-Ausstattung, ein einheitlicher Aktenplan und die gegenseitige Vertretungsmöglichkeit sollen Synergie- und Einspareffekte bringen.

Momentan läuft zudem eine Bestandsaufnahme all unserer Gebäude und Liegenschaften. Alles kommt mit den Fragen auf den Prüfstand, was tatsächlich benötigt und was sich in Zukunft noch rechnen wird. Im schlimmsten Fall kann das bedeuten, dass wir eine Kirche nicht mehr halten können. Aktuell laufen beispielsweise Gespräche über die Zukunft der Kirche St. Michael in Gräfenberg. Wenn die Pfarrgemeinde den Eigenanteil nicht mehr stemmen kann, wird die Erzdiözese einer Sanierung nicht mehr zustimmen. Das wäre verlorenes Geld; die Pfarrei hinge permanent am Tropf der Finanzkammer. Das geht nicht.

Die Kirchensteuer aber bleibt stabil?

Davon gehe ich aus.

Der Missbrauch spielt bei Austritten eine große Rolle. Der künftige Erzbischof Herwig Gössl hat ein unabhängiges Missbrauchsgutachten angekündigt. Längst überfällig?

Das lag nicht an uns. Das unabhängige Gremium für Missbrauchsfragen hatte sich noch nicht geeinigt. Bamberg ist bisher bei dieser Frage immer transparent und offen umgegangen. Alle unsere Fälle sind dem Staatsanwalt übergeben worden. Das geplante Gutachten wird eine freiwillige und zusätzliche Untersuchung sein, die von der Kirche beauftragt und bezahlt wird. Dass dieses Gutachten kommt, ist okay. Die Aufklärung sind wir den Betroffenen schuldig. Sie ist die Voraussetzung für eine gute Aufarbeitung.

Dass die Bänke in der Forchheimer Kirche St. Martin einmal ganz leer bleiben, fürchtet Pfarrer Martin Emge nicht.Forchheim & Fränkische Schweiz
Dass die Bänke in der Forchheimer Kirche St. Martin einmal ganz leer bleiben, fürchtet Pfarrer Martin Emge nicht. // Stephan Großmann

Wie wollen Sie Menschen dazu bewegen, der Kirche wieder ihr Vertrauen zu schenken?

Ich bin überzeugt, dass Vertrauensarbeit vor allem Kleinarbeit ist. Jede Person, die sucht, kann eine offene Tür und Zuwendung erwarten. Ich glaube, dass wir als Kirche großes Potenzial bei den Suchenden haben, auch bei den nicht kirchlich gebundenen. Die müssen wir einladen. Ideal wäre es, wenn viele Weggemeinschaften und Kleingruppen entstehen könnten, die eine beheimatende und fördernde Kraft entfalten.

Suchende könnte man doch auch durch mehr Offenheit beim synodalen Weg erreichen.

Die Themen beschäftigen uns schon lange. An der Basis beim Kirchenvolk erlebe ich aber, dass der synodale Weg gar nicht so stark rezipiert worden ist, wie sich dies die Macher gewünscht hatten. Die Fragen der Leute sind oft ganz andere. Der synodale Weg wirkt für mich etwas abgehoben, obwohl seine Inhalte wichtig sind und wir uns den Fragen stellen müssen. Ob die Beantwortung dieser Fragen aber hilft, etwa den Missbrauchsskandal aufzuarbeiten, glaube ich nicht. Die Grundspur der synodalen Arbeit, dass Bischöfe und Kirchenvolk an einem Tisch sitzen, ist eine wichtige Form des Miteinanders für die Zukunft der Kirche, allerdings auf weltkirchlicher Ebene. Wir können in Deutschland keine Sonderkirche bauen.

Also wird sich im Erzbistum Bamberg vorerst nicht viel ändern. Weltwege sind weit …

Dieser Weg wird ein sehr weiter sein, ja. Aber jeder noch so kleine Schritt führt uns dem Ziel näher.

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