Gerhard Rossa liebt das Wasser.
Der 66-Jährige engagiert sich seit 40 Jahren bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Forchheim und bildet unter anderem Wasserretter und Ersthelfer aus.
Menschen wie er haben viel zu tun und stehen vor großen Herausforderungen.
2022 sind in Deutschland 355 Menschen ertrunken. 69 Menschen waren es alleine in Bayern – Negativrekord in der Bundesrepublik. Oft konnten die Opfer nicht oder nur ausreichend gut schwimmen.
Dies ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das einige FT-Leser beim Heimat-Monitor angesprochen haben. Auch Forchheimer Schwimmexperten treibt dieses Problem seit Jahren um.
Wie Gerhard Rossa von der DLRG.
Interview mit Gerhard Rossa von der DLRG in Forchheim
Herr Rossa, was macht das Schwimmen so gefährlich?
Gerhard Rossa: Vor allem unsere Fehleinschätzungen über die Wasserflächen und die eigenen Fähigkeiten.
Sind wir also keine guten Schwimmer?
Jein, das ist sehr unterschiedlich. Aber in den vergangenen Jahren sind viele Bäder geschlossen worden, in den übrigen steigt das Schwimmaufkommen.
Dann weichen die Leute auf Gewässer aus, die für ihre Fähigkeiten nicht richtig geeignet ist. Flüsse und Seen zum Beispiel.
Was macht das Baden dort so risikoreich?
Zum einen die Strömung. Man sieht nicht, wie schnell sich das Wasser bewegt. Man wird leicht abgetrieben, gerät in Panik und dann kann es schnell gefährlich werden.
Hinzu kommt der Schiffsverkehr; viele wissen gar nicht, was der für zusätzliche Strömungen verursacht.
Wo ist es denn im Landkreis Forchheim besonders gefährlich?
Einmal im Kanal natürlich…
… aber dort ist doch das Schwimmen gar nicht erlaubt…
…aber solche Verbote hindern die Menschen nicht. Hinzu kommen die anderen fließenden Gewässer wie Wiesent und Trubach.
Auch die Baggerseen sind nicht zu unterschätzen – die Tiefen dort sind sehr unterschiedlich, viele überschätzen sich. Und an Baggerseen spielt Alkohol oft eine Rolle.
Nun hat es bei uns im vergangenen Jahr keinen Badetoten gegeben. Also ist doch alles gut bei uns, könnte man sagen.
Diese These würde zu Leichtsinn verleiten. Dass es keine Tragödie gab, dürfen wir nicht als Indiz dafür sehen, dass alles in Ordnung ist.
Auch bei uns können viele Menschen nicht richtig schwimmen, vor allem viele Eingewanderte können selbst im Erwachsenenalter noch nicht schwimmen. Aber auch die wollen am Wasser Spaß haben.
Und Wasser ist ein spaßiges Element, aber es birgt Gefahren.
Auch immer weniger Kinder können gut oder überhaupt schwimmen.
Das deckt sich mit unseren Erfahrungen. Mit jedem geschlossenem Bad reduziert sich die Wasserfläche, auf der wir ausbilden können. Das muss kompensiert werden. Unser Problem sind nicht fehlende Ausbilder, sondern die Infrastruktur.
Spaßbäder gibt es zwar einige, aber richtige Schwimmbäder zur ganzjährigen Nutzung etwa für das Schulschwimmen gibt es viel zu wenige. Aktuell geht das nur in Forchheim, Gräfenberg und Neunkirchen am Brand.
Das Kursangebot der Organisationen scheint gut zu sein. Dennoch gibt es zu wenig Plätze. Woran liegt das?
Alleine die DLRG hat im vorigen Jahr 120 Kinder ausgebildet. Hinzu kommen viele andere Kurse von Wasserwacht, Schwimmsportverein (SSV), Volkshochschule und Königsbad. Es gibt also Angebote.
Das Problem ist, dass wir den coronabedingten Stau der vergangenen drei Jahre nicht einholen können. Und es kommen immer wieder Kinder hinzu. Selbst wenn wir ununterbrochen ausbilden würden, hätten wir die Wasserfläche gar nicht zur Verfügung.
Am Trainingspersonal mangelt es nicht?
Nein. Das Thema Mitgliederschwund ist bei der DLRG Forchheim kein Problem. Wir haben Hunderte Mitglieder, Dutzende Ausbilder.
Bei vielen Schwimmbäder sieht das anders aus, viele ächzen unter Fachkräftemangel beim Aufsichtspersonal.
Becken ab einer bestimmten Wassertiefe müssen von Rechts wegen beaufsichtigt werden. Aber nicht ununterbrochen, man kann nicht jeden Schwimmer beobachten.
Und Eltern sind auch in Schwimmbädern mit Aufsicht noch für ihre Kinder verantwortlich. Das vergessen viele. Damit hat auch die mangelnde Schwimmfähigkeit zu tun.
Wie das?
Die Zeit der Kinder mit den Eltern hat sich verschoben – in Richtung Betreuungseinrichtungen und Vereine. Viele sehen ihre Eltern morgens und abends.
Früher sind die Eltern mit ihren Kindern häufiger ins Bad und haben ihnen selbst das Schwimmen beigebracht. Die Betreuer schaffen es nicht mehr, dieses Missverhältnis aufzufangen.
Gibt es einen realistischen Lösungsansatz, um aus dem Dilemma herauszukommen?
Aus dem Dilemma kommen wir nur heraus, wenn neue Bäder gebaut oder bestehende saniert werden. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte dies in seiner Wahlkampfrede als eines seiner Themen formuliert.
Wir wollen nun hoffen, dass die Politik zu ihren Worten steht. An den Finanzen sollte es nicht scheitern.
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