Die Anlieger der unteren Gößweinsteiner Martinswand hat das Unwetter Mitte August besonders schwer getroffen. Anwohner vermuten als Ursache eine aufgefüllte Doline vor Ort. Eine Doline ist ein natürlicher Hohlraum, in dem unterirdisch Wasser abfließt.
Die Doline mit der Bezeichnung „Rahnickelsloch“ sei befüllt und verdichtet worden. Inzwischen sei die Doline mit einem Sechsfamilienwohnhaus überbaut worden, von dem bereits der Rohbau stehe. Auch der weitere Verlauf der Doline sei mittlerweile verdichtet, da darauf bis zu 20 Parkplätze für das Mehrfamilienwohnhaus entstehen.
Vorwürfe gegen Baugenehmigung
Besonders stark getroffen hat es die Familie Weichel und deren Nachbar, René Böhm. Beide wohnen direkt „An der Martinswand“. Sie erheben schwere Vorwürfe gegen die Gemeinde und das Landratsamt. Aus ihrer Sicht hätte die Baugenehmigung für das Sechsfamilienhaus nie erteilt werden dürfen. Die Anwohner fürchten beim nächsten Starkregen wieder eine Überflutung ihrer Gärten und Häuser, da das Wasser nicht mehr ablaufen könne.
René Weichel, der mit seiner Familie seit 20 Jahren in einem Haus „An der Martinswand“ lebt, hat so etwas noch nie erlebt. In den 20 Jahren habe es immer wieder solche Starkregenereignisse gegeben. Da hätten die Wassermassen aber noch schnell ablaufen können, weil die benachbarte Doline noch intakt gewesen sei.
Im Oktober letzten Jahres rückten dann die Baumaschinen an und verdichteten und planierten den Platz, wo jetzt der große Rohbau des Mehrfamilienwohnhauses steht. Mitten auf der Doline liegt jetzt ein riesiger Erdberg vom Bauaushub.
70.000 Euro Unwetterschaden
Den Schaden, den das kürzliche Unwetter an seinem Haus und Garten verursacht hat, schätzt Weichel auf 60.000 bis 70.000 Euro. Wie der Gößweinsteiner Feuerwehrkommandant Marcel Zweck dieser Zeitung am Tag danach berichtet hatte, mussten vier Feuerwehren die Wassermassen von innen und außen abpumpen, da Weichels Haus wegen des großen Drucks einsturzgefährdet war. Kaum anders erging es seinem Nachbarn René Böhm und dessen Lebensgefährtin Anke Bott. Auch ihr Haus wurde überflutet, der Swimmingpool zerstört, Wasser und Schlamm drangen ins Haus. „Ist das nicht unverantwortlich?“, fragt Anke Bott.
Weichel und seine Nachbarn haben dem Bauvorhaben des Investors aus Betzenstein nicht zugestimmt. Bei der Gemeinde hatten sie Einwände dagegen vorgebracht. Sie fanden kein Gehör. Ursprünglich sollte sogar eine Wohnanlage mit zwölf Wohneinheiten entstehen. Diese Bauvoranfrage stammt aus dem Jahr 2017. Dies lehnte der Bauausschuss damals ab. Am 7. Dezember 2021 wurde im Bauausschuss über einen Bauantrag für ein Mehrfamilienwohnhaus mit neun Wohneinheiten beraten und diesem einstimmig das gemeindliche Einvernehmen mit zahlreichen Befreiungen im rechtsverbindlichen Bebauungsplan „Bauersleite B“ erteilt.
Unter anderem die Abweichung von der Anzahl der Wohneinheiten von zwei auf neun, eine Überschreitung der Baugrenzen in südwestliche Richtung, und die Erhöhung des Kniestocks von 50 auf 75 Zentimeter.
Genehmigt wurden auch 20 Stellplätze auf dem Baugrundstück. Aus dem Protokoll der damaligen Sitzung geht hervor, dass das gemeindliche Bauamt darauf hingewiesen hat, dass sich auf dem Baugrundstück eine Doline befindet. Der Beschlussauszug liegt dieser Redaktion vor.
Weiter heißt es darin: „Die Befreiungen werden mit der Größe des Mehrfamilienwohnhaus notwendig. Diese wiederum wird mit dem Mangel an Baugrundstücken und dem Bedarf nach Wohnungen in Gößweinstein begründet.“ Mit Bescheid vom 30. Mai 2022 kam schließlich das Bauvorhaben für sechs Wohneinheiten.
Sorge vor neuen Überflutungen
Die Nachbarn stellen sich nun die Frage, ob die Genehmigungsbehörde ein geologisches Gutachten bezüglich der Doline eingeholt hat. „Beim nächsten Starkregen haben wir hier wieder das gleiche Theater“, fürchtet Anlieger Norbert Prasch und betont, dass dies auch eine Frage der Haftung und des Schadenersatzes sei.
Alle Dolinen in und um Gößweinstein sind dokumentiert. Kein anderer kennt die unterirdischen Höhlensysteme in Gößweinstein so gut wie Höhlenforscher Ferdinand Haselmeier von der Forschungsgruppe „Stempfermühlquelle“. Unterhalb von Gößweinstein befindet sich ein riesiges Höhlen- und Flusssystem, das in der „Stempfermühlquelle“ endet. „Schüttet man eine dieser Dolinen zu, ist das in etwa damit zu vergleichen, wenn man alle Kanaleinlaufschächte der Kanalisation zubetoniert“, sagt Haselmeier.
Viele Dolinen um Gößweinstein
„Gößweinstein ist umgeben von vielen Dolinen. Die bekanntesten sind die Fellner Doline, die Leutzdorfer Doline, das Franzosenloch bei Etzdorf, die Hühnerloher Fälle und das jetzt aktuell im Fokus stehende Rahnickelsloch. Die Dolinen sind geologisch gesehen oberirdische Entwässerungskanäle, die das Oberflächenwasser ableiten“, so Haselmeier. Es sei daher bedenklich, Dolinen mit undurchlässigem Material zu verfüllen, denn dann könne es bei Starkregen zu Überschwemmungen kommen.
Gößweinstein: Stellungnahme Landratsamt
Das Landratsamt Forchheim (Dienststelle Ebermannstadt) schreibt dazu Folgendes:
„Zu dem Bauantrag für das besagte Bauvorhaben in Gößweinstein aus dem Jahr 2022 hatte das hiesige Bauamt aufgrund der Hinweise auf das Bestehen einer Doline im Bereich des Baugrundstückes die Fachkundige Stelle für Wasserwirtschaft beteiligt, sodass eine Beurteilung von dieser Seite erfolgte. Die Hinweise der wasserwirtschaftlichen Stellungnahme wurden vollständig in die Baugenehmigung aufgenommen. Unter anderem wurde explizit eine Baugrunduntersuchung empfohlen und die Notwendigkeit der Verwendung von verdichtungsfähigem, inerden Material hinsichtlich der Doline betont . Die Umsetzung dessen ist Aufgabe des jeweiligen Bauherren.“
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