„Notdienst, geöffnet“ informiert ein Plakat an der Sankt Michaels Apotheke in Neunkirchen. Um auf das Apothekensterben, hohe Bürokratie, eine Steigerung der Festpreisvergütung und auf Lieferengpässe aufmerksam zu machen, haben viele Apotheken am Mittwoch geschlossen. Doch damit Protest wirkt, muss er auch spürbar sein. Und das war er.
Verständnis für die Situation der Apotheker hat eine junge Mutter aus Heroldsberg. Trotzdem ist ihr nicht zum Lachen zumute. Ihr Kind ist über Nacht erkrankt, hat hohes Fieber bekommen und um Arznei holen zu können, musste die Mutter von Heroldsberg gut 20 Minuten zum Notdienst nach Neunkirchen fahren. „Ich habe ein krankes Kind zu Hause und müsste eigentlich längst in der Arbeit sein“, sagt die Mutter und ist froh, dass wenigstens das Medikament erhältlich war.
Das ist seit vielen Monaten nicht mehr selbstverständlich. Ein Blick ins System zeigt etwa beim Antibiotikum ein rotes Ausrufezeichen: Null Medikamente verfügbar, auch bei sämtlichen Partnerapotheken und beim Großhändler ist nichts da. Da hat es ein anderer Patient, der gleich um die Ecke wohnt, schon einfacher – mit einem kurzen Weg und der Frage nach einem Medikament, das auch tatsächlich zu bekommen ist.
Warnweste als Zeichen
Florian Hofmanns pharmazeutisch technische Mitarbeiterin hat eine Warnweste an, als sie dem Kunden das benötigte Produkt reicht. Die Warnweste soll ein sichtbares Zeichen sein für die vielen Baustellen im Apothekenbereich, verursacht durch die Politik. Das beginnt mit dem seit Jahren gleichbleibenden Festpreis. 6,45 Euro erhält ein Apotheker, doppelt so viel verdient der Staat daran. „Karl I in Der Apotheken-Terminator 2“ zeigt deshalb ein Plakat, mit einem Totenkopfgesicht.
Der Frust der Apotheker richtet sich vor allem gegen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). „Er brachte falsche Zahlen ins Spiel“, sagt Hofmann. Lauterbach behaupte etwa öffentlich, eine Apotheke verdiene im Monat 14.000 Euro. Darüber kann Florian Hofmann nur den Kopf schütteln und druckt die Apotheken-Statistik aus. „Es wird von Durchschnittswerten ausgegangen“, sagt Hofmann. Den von Lauterbach genannten Verdienst erreichen nur Versandapotheken und Apotheken, die teure Krebsmedikamente verkaufen. Das sind lediglich zehn Prozent der Apotheken.
Die meisten Apotheker haben trotz jahrelangem Studium bei einer 40 Stunden Woche zwischen 4000 und 5000 Euro brutto. „Ich muss mich selbst versichern und trage als eingetragener Kaufmann die komplette Haftung mit meinem Privatvermögen“, erklärt Hofmann.
Was die Versandapotheken mit dem Apothekenproblem zu tun haben? Für den Apotheker gibt es Prozesse und Posten, an denen nichts zu verdienen sei. Dazu gehören die Inkontinenzversorgung, das Anfertigen von Rezepturen, Abgabe von Pflegehilfsmitteln, aber auch die Besorgung von Betäubungsmitteln. Mit den Rezepten für verschreibungspflichtige Medikamente haben die Apotheken das bisher querfinanziert.
Die Versandapotheken leisten diese Hilfsmitteangebote nicht, können aber oft 50 Prozent Rabatt bei frei verkäuflichen Medikamenten anbieten, was der Apotheker nicht kann. Kurz: „Die Versandapotheken picken sich die Rosinen heraus“, sagt Hofmann.
Was Kunden tun können
Zudem leisten die Versandapotheken ebenfalls keine Notdienste. Das bleibt den Apothekern vor Ort. Florian Hofmann bietet seinen Kunden deshalb selbst einen Versand an und gibt auf die Medikamente die 20 Prozent Rabatt, die er vom Großhändler bekommt an die Kunden weiter, in der Hoffnung, sie lösen die Rezepte bei ihm ein.
„Wie können wir die Apotheken vor Ort unterstützen“, fragt eine Kundin Hofmann. Seine Antwort: Einfach die Landtagsabgeordneten ansprechen und die Petition unterschreiben. Damit die Apotheken bleiben und der Notdienst nicht zum Alltag wird.
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