Mike Schmitt reist gerade viel umher. Gespräche in Bayreuth, in Forchheim und mehreren anderen Gegenden Frankens stehen an. Thema: Bier. Denn der 47-jährige Chef der Nikl Brauerei in Pretzfeld ist derzeit offensiv und öffentlichkeitswirksam auf der Suche nach neuen Abnehmern für seine Biere. Seine Antwort auf die kriselnde Lage der regionalen Brauwirtschaft: die Zukunftssicherung nicht dem Zufall überlassen.
Nikl Bräu Pretzfeld: Mike Schmitts Post geht viral
Wie so oft, wenn der Brauer- und Mälzermeister der Welt etwas mitteilen möchte, nutzt er hierfür die sozialen Netzwerke. Und, wie so oft, geht auch dieser Post Anfang Februar direkt viral: „Obachd: Biergarten gesucht. Wir sind auf der Suche nach einem Biergarten in Franken, den wir mit unseren Bieren beliefern oder übernehmen, neu aufstellen und weiterverpachten können. Ob klassischer Biergarten, Bierkeller, saisonaler Betrieb oder Standort mit Potenzial“.
Übernimmt Mike Schmitt den Schindlerkeller im Kellerwald?
Nach kürzester Zeit kommentieren zahlreiche Nutzer, geben Tipps für freie Keller in der Region. „Die Resonanz war riesig“, freut sich Schmitt, als wir ihn am Donnerstagmorgen in seiner Brauerei treffen. „Am liebsten würde ich einen festen Biergarten übernehmen oder beliefern“, sagt er. Angebote scheint es einige zu geben, wie die Kommentarspalten unter seinem Facebook-Post zeigen.
Dabei müsste Schmitt nicht einmal weit fahren. Denn selbst in Forchheim stünden einige Möglichkeiten zur Verfügung. Ob er sich etwa die Nachfolge von Birgit Hempel auf dem Schindlerkeller im Forchheimer Kellerwald vorstellen könne? „Theoretisch schon“, sagt Schmitt. Doch das liege nicht nur in seiner Hand, sagt er. Er sei aber prinzipiell offen.
Schmitts Brauereisuche verrät viel über die Sorgen der Brauereibranche
Auf die Frage, warum er nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten suche, antwortet er ausführlich. Mit zwei schlechten Nachrichten – und zwei Guten.
Antwort 1, eine gute: Vergrößerung
Erstens sei er gerade dabei seine Produktion zu erweitern. Aktuell arbeiten er und sein Sohn Manuel, ebenfalls Brauer und bald Meister, mit fünf Gärtanks. Schon bald werden es drei mehr sein. „Die werden in den kommenden Tagen angeschlossen“, sagt Schmitt. Somit könne er nicht nur flexibler auch wieder mehr Spezial- und Festbiere einbrauen. Sondern auch wieder den Großteil seines festen Sortiments wie das Helle, das Keller und das Weißbier fest in Pretzfeld herstellen.
Antwort 2, weniger gut: fehlender Bierdurst
Schmitts Auffüllpläne treffen auf eine Zeit sinkenden Bierabsatzes. 497 Millionen Liter weniger Bier haben die Deutschen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2024 gekauft, meldet das Statistische Bundesamt. Ein Minus von sechs Prozent. Zwar kommen bei den Brauereien landauf, landab immer noch 7,8 Milliarden zusammen. So viel, wie in 26 Millionen Badewannen passt. Aber es ist kein Geheimnis, dass sich die Brauwirtschaft in schwierigen Zeiten befindet.
Kunden kaufen immer weniger Bier in Flaschen
Das merkt auch Mike Schmitt aus Pretzfeld. Vor allem Flaschenbiere landen immer seltener in den Einkaufswägen der Kundschaft, sagt er. Heute setze er nur noch knapp jeden dritten Liter seiner Biere in Flaschen um. „Vor einigen Jahren waren es noch 70 Prozent.“ Und auch insgesamt spüre man, dass alkoholische Getränke wie Biere und Weine weniger angenommen werden. Das spiegeln auch die Zahlen für Bayern wider, dem Bundesland, das traditionell durch höheren Bierkonsum auffällt. Trinktendenz im Freistaat: sinkend.
Antwort 3, wieder schlecht: Gastrobetriebe unter Druck
Nicht nur bei der Flaschenware merken die Brauer den Einbruch. Zwar sei die Kurve aus Umsatzhoch im Frühjahr und Sommer sowie Umsatztief im Herbst und Winter normal. Allerdings flacht die Gesamtkurve ab.
14.000 weniger Kneipen und Gaststätten seit 2023
Das belastet auch die Gastronomen, die vor allem mit Getränken, auch alkoholischen, einen Großteil ihrer Umsätze generieren. Dies und weitere Probleme wie Personalmangel und Kostensteigerungen haben verheerende Auswirkungen: Wie aus Zahlen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Bundesverband (Dehoga) hervorgeht, sind allein zwischen 2016 und 2023 bundesweit mehr als 14.000 Gaststättenbetriebe (Restaurants, Bars, Cafés, …) aus den Städten und Dörfer verschwunden.
„Wenn Wirte aufgeben oder sich umorientieren, brechen auch uns in den Brauereien die Kunden weg“, sagt Schmitt. Vor allem kleinere Betriebe wie seiner würden das schnell spüren. Im vergangenen Jahr stieß die Nikl Bräu 160.000 Liter Bier aus. Das wird hauptsächlich auf dem hauseigenen Keller in Pretzfeld ausgeschenkt sowie in etwa zehn Gaststätten in der Region. „Wir beliefern sogar zwei Kneipen in Darmstadt und Berlin“, sagt Schmitt. Aber falls weitere Abnehmer wegbrechen sollten, könnte es schnell eng werden, sagt er. Und ist mit dieser Befürchtung nicht allein, wie Berufskolleginnen und -kollegen schon länger warnen.
Antwort 4, die gute: Das Glas ist immer halb voll
Auf diesen Moment kann und will Mike Schmitt nicht warten. Erstens, weil der 47-Jährige selbst noch lange an seinem 2008 gegründeten Betrieb Spaß haben möchte. Zweitens: Weil er seinem Sohn einmal einen florierenden Betrieb übergeben möchte, falls dieser das möchte. Und: Weil Aufgeben einfach nicht zu Schmitt passt.
Bierland Oberfranken: Betriebe setzen auf Alkoholfreies und Mischgetränke
Damit ist er in Oberfranken mit seinen gut 200 Brauereien in guter Gesellschaft. Auch weil viele die aktuellen Trends erkennen und aufnehmen. Georg Rittmayer, Präsident des Verbandes Private Brauereien Bayern, wird in einer Mitteilung des Verbandes so zitiert: „Vor allem alkoholfreie Biere und alkoholfreie Erfrischungsgetränke verzeichnen ein deutliches Wachstum“. Diese würden die Absatzverluste im alkoholhaltigen Biersegment zum Teil sogar überkompensieren.
Auch Schmitt will sich bald an einem eigenen alkoholfreien Bier probieren. „Die Zutaten habe ich schon alle eingekauft“, sagt er. „Wir fangen erst einmal mit 500 Litern an und schenken das dann auf unserem Keller aus.“ Danach wolle er weitersehen. Wichtig sei ihm: „Einfach machen, nicht nur reden.“
Doch wichtiger als das „Was“ ist Schmitt das „Wo“. Drum reist Schmitt weiterhin viel umher. Er lacht wieder. Steigt in sein Auto. Und fährt zum nächsten Interessenten für seinen Biergartenaufruf.

















