0
Sonnenhaus Unterleinleiter
Seit 100 Jahren für Behinderte da
Die Einrichtung „Sonnenhaus“ in Unterleinleiter aus der Luft.Forchheim & Fränkische Schweiz
Die Einrichtung „Sonnenhaus“ in Unterleinleiter aus der Luft. // Hoecke-Lauermann-Stiftung
Der älteste Bewohner Horst Leferenz zeigt gerne seine PostkartensammlungForchheim & Fränkische Schweiz
Der älteste Bewohner Horst Leferenz zeigt gerne seine Postkartensammlung // Thomas Weichert
Ein Einblick in einen der Gruppenräume.Forchheim & Fränkische Schweiz
Ein Einblick in einen der Gruppenräume. // Thomas Weichert
Unterleinleiter – Das „Sonnenhaus“ feiert im Juli sein großes Jubiläum. Gründung in Berlin, Flucht vor den Nazis – die Umstände, unter denen es die Einrichtung schließlich nach Unterleinleiter verschlagen hat, sind bewegend.

Die Hoecke-Lauermann-Stiftung mit Sitz in Unterleinleiter feiert in diesem Jahr das 100-jährige Bestehen des Sonnenhauses auf dem Störnhofer Berg mit zahlreichen Veranstaltungen. Das große Fest „100 Jahre Sonnenhaus“ findet am Sonntag dem 14 Juli statt. Grund genug in die Geschichte dieser segensreichen Einrichtung für geistig behinderte Menschen zurückzublicken.

Gegründet wurde das Heilerziehungsheim „Sonnenhaus“ 1924 in Buschgarten bei Fürstenwalde an der Spree nahe Berlin von den Heilpädagoginnen Gerda Minna Borgemehn und Gertrud Hoecke sowie deren Schwester Emma Hoecke, die Lehrerin war. Aus kleinsten Anfängen mit fünf Kindern entwickelte sich sehr schnell unter Einsatz ererbter Vermögenswerte und viel Engagement und Kompetenz der Gründerinnen ein blühendes Heim. Schon nach wenigen Jahren bestand eine enge Zusammenarbeit mit bedeutenden Fachärzten der Berliner Charité. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, spüren die Kinder davon im Sonnenhaus zunächst nichts. Denn das Heim versorgt sich aus eigener Landwirtschaft.

Furcht vor Hitlers „Euthanasie“

Fast zwei Jahre lang schweben Eltern und Erzieher der Sonnenhaus-Kinder aber in furchtbarer Ungewissheit. Können aber dann aufatmen, weil die „Aktion Gnadentod“, auch bekannt unter der „Aktion T4“ der Nazis, für Menschen mit Behinderungen nach einem Proteststurm mutiger Geistlicher auf Befehl Hitlers aufgehoben wurde. Doch es war ein Scheinsieg. Bis 1945 fielen dem Massenmord über 200.000 Menschen mit Behinderung zum Opfer. Nur den Anstrengungen der Gründerinnen, die sich immer neue Winkelzüge ausdachten, ist es zu verdanken, dass sie keines ihrer Kinder an die Euthansie verloren.

1945 dann der folgenschwere Einschnitt, als die Kriegsfront von Frankfurt an der Oder aus in bedrohliche Nähe von Buschgarten vorrückt. Die Heimleitung entschließt sich mit 23 verbliebenen Kindern und dem noch vorhandenem Personal zur Flucht gen Westen. Nach den Gedächtnisnotizen von Rudolf Löw kam die Sonnenhausfamilie im Herbst 1947 – nach erster Station in Rosenheim – mit den 23 Kindern in Unterleinleiter an und fand eine Bleibe im Steckendorffschen Schloss, in dem schon Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe mindestens zwei mal wohnte.

Wie Löw notierte, fanden sie in Unterleinleiter nicht nur eine Bleibe, sondern eine Heimat. Vier Jahre später, 1951, zieht das Sonnenhaus nach dem Bau des Sonnenhofes auf den Störnhofer Berg in Unterleinleiter und findet hier ein dauerhaftes Zuhause. 1984 wird das Haus Sonnenwinkel fertiggestellt und somit entstehen neue Bewohnerplätze. Bereits 1959 kam Ilse Lauermann als Erzieherin ins Sonnenhaus.

Verpflichtung gegenüber den Gründerinnen 

Sie wird von Gertrud Hoecke, die von 1981 bis 1990 Heimleiterin war, adoptiert, heißt fortan Hoecke-Lauermann, übernimmt die Heimleitung und tritt dann ihr Erbe an und gründet 1998 in Erfüllung der mit dem Erbe übernommenen Verpflichtung gegenüber den Gründerinnen des Wohnheims für Behinderte „Sonnenhaus“ in Unterleinleiter, Gerda Borgemehn sowie Emma und Gertrud Hoecke, die Hoecke-Lauermann-Stiftung „Sonnenhaus“ mit dem Zweck der Förderung, Betreuung und Pflege von Menschen mit geistiger Behinderung. Sie setzte damit die seit 1924 begonnene Tradition, Menschen mit geistiger Behinderung eine Heimstatt und ein geborgenes Leben zu geben, fort.

2003 wird die Werkscheune eingeweiht, die der Beschäftigungstherapie der Bewohner seither dient. Ein Jahr später wird das neue Bewohnergebäude „Sonneneck“ fertiggestellt und eingeweiht. 2006 erhält die Stiftung mit dem „Haus Borgelia“ ein Wirtschaftsgebäude, in dem die neue Großküche, ein Gruppenraum sowie ein ärztliches Versorgungszimmer und die Haustechnik Platz finden. In Planung ist inzwischen ein weiteres Wohngebäude, das bald eingeweiht werden kann.

Stiftungsratsvorsitzender ist aktuell der frühere Forchheimer Landrat Reinhardt Glauber. Schirmherr der Stiftung der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann.

Familienorientierte Atmosphäre

Die Betreuung und Förderung der aktuell 60 Bewohner im Alter bis 91 Jahre und insbesondere auch die Pflege in alten Tagen sind heute im Stiftungszweck festgeschrieben. Ältester Bewohner ist der 91-jährige Horst Leferenz, der seit seinem zwölften Lebensjahr in der Einrichtung lebt. Die Einrichtung arbeitet eng mit der Lebenshilfe Forchheim zusammen. Die Schul-Werkstattbesuche bei der Lebenshilfe sind in den Förderplan für die Bewohner integriert.

Der durch Freizeit und Förderinhalte strukturierte Alltag und die familienorientierte Atmosphäre werden ergänzt durch zahlreiche Haustiere, durch gruppenübergreifende Unternehmungen wie Schwimmen, Töpfern, Malen, Kochen, Basteln, Instrumentalmusik in der Musikgruppe und nicht zuletzt an den Wochenenden mit Picknick in die nähere Umgebung und Besuche von Musik- und Theaterveranstaltungen. Jährlich gibt es auch einen Ausflug. Heimleiter Michael Sandner verweist darauf, dass seine Einrichtung nicht nur ein bedeutender Arbeitgeber, sondern auch ein Ausbildungsbetrieb ist. Er freut sich auf die Veranstaltungen des Festjahres „100 Jahre Sonnenhaus“.

Das Festprogramm

Am 12. Juli findet ab 10 Uhr ein Politikerfrühschoppen statt. Am 14. Juli ab 11 Uhr geht das große Fest „100 Jahre Sonnenhaus“ bei freiem Eintritt über die Bühne. Am 16. Juli spielt im Festzelt ab 19 Uhr die Blaskapelle Unterleinleiter auf. Am 19. Juli ab 18 Uhr ist der italienische Abend Pizza, Pasta, e Musica unter der Schirmherrschaft vom Umweltminister Thorsten Glauber angesagt.

Sänger an diesem Abend ist unter anderem Fortunato Lacovara, Finalist bei der Show Supertalent. Am 20. Juli ab 18 Uhr ist Live-Musik mit dem „Trio Burst“ im Festzelt. Am 7. August gastiert der Fränkische Theatersommer mit dem Stück „Mensch ärgere mich nicht“ auf der großen Wiese nahe des Sonnenhaues.

Lesen Sie auch:

Inhalt teilen
  • kopiert!