Obwohl zwischen etlichen Regenschauern endlich die Sonne zwischen den Wolken hervorkommt, ist es an diesem Abend ruhig auf dem Bürgermeistersteg. Nur vereinzelt stehen ein paar Grüppchen auf der Wiese, von Ausschweifungen ist hier nichts zu sehen. Die vier ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Safe Space, den der Frauennotruf Erlangen während der Bergkirchweih betreibt, hält das aber nicht auf.
An jedem der zwölf Tage sind die Ehrenamtlichen auf dem Bürgermeistersteg und dem Berg-Gelände unterwegs, sprechen Frauen und Mädchen an, halten die Augen nach Menschen offen, die Hilfe brauchen und machen auf den Safe Space aufmerksam.
Maja, die an diesem Tag zum ersten Mal eine solche Runde absolviert, geht auf zwei junge Frauen im Dirndl zu, die mit einem Bier auf einer Bank sitzen. „Kennt ihr schon den Safe Space?“, fragt sie und zieht ein Päckchen mit Tempos und einem QR-Code aus einer Tasche, als die beiden verneinen. „Wir sind eine Anlaufstelle für Frauen und Mädchen. Wenn ihr irgendwas braucht oder euch etwas auffällt, könnt ihr euch gerne immer bei uns melden“, sagt die Studentin.
Erlanger Bergkirchweih: Ehrenamtliche für Safe Space unterwegs
Nach ein paar weiteren Gesprächen beschließen die Ehrenamtlichen, zur Bergkirchweih weiterzugehen, wo es an diesem Pfingstsonntagabend bedeutend voller ist. Auf den Kellern wird bereits gesungen, auf den Bänken getanzt und gelacht, unten auf der Straße ist es teilweise schwierig, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Immer wieder halten Maja und ihre Teampartnerin Kerstin an, sprechen Frauen an und erklären, wozu der Safe Space da ist. Hin und wieder ernten sie ein freudiges Nicken. „Wir kennen den Safe Space“, sagen zwei junge Frauen. „Eine super Sache!“
Obwohl Maja in Nürnberg studiert und selbst noch nie auf der Bergkirchweih war, reagierte sie auf eine Information in ihrem Studiengang über den Safe Space und die Suche nach Ehrenamtlichen sofort, ebenso wie ihre Kommilitonin Michaela. „Ich war auf anderen Volksfesten und ich habe festgestellt, dass es mir sehr wichtig ist, dass solche Angebote hier unterstützt werden, das ist ja alles auf ehrenamtlicher Basis“, erklärt Maja.
Safe Space für Frauen und Mädchen: Anlaufstelle in Notsituationen
Auf dem Weg durch die Menge schaut Kerstin sich aufmerksam um. „Ich gucke ein wenig, wer offen aussieht, wer vielleicht Blickkontakt herstellt“, sagt die Ehrenamtliche. Mit den pinken Westen fallen die beiden Frauen auch in der Menge auf, werden immer wieder angesprochen, oft auch von Männern. Ein paar abfällige Kommentare und Schmunzler gibt es, die meisten zeigen aber echtes Interesse. „Das ist super wichtig, gerade bei so einem Fest“, sagt ein junger Mann. In ihren Taschen tragen die beiden Frauen alle möglichen Giveaways mit sich herum, von der Tempopackung bis zum Mini-Desinfektionsgel. Auf allen Produkten finden sich der QR-Code und die Notfallnummer, die während der Bergtage besetzt ist.
Bei einem Abstecher auf den Birkners Keller kommt es zum ersten kleineren Einsatz für die beiden Frauen. Während Maja sich mit einer jungen Frau unterhält, die am Rand des Treibens auf einer Bank steht, fällt ihr gegenüber ein junger Mann auf, der schwankend an seiner Begleitung lehnt, die Augen geschlossen. „Geht es ihm gut?“, fragt Maja die Freundin des jungen Mannes. Dann zieht sie eine Flasche Wasser und Pappbecher aus ihrer Tasche und reicht ihm einen davon. Dankbar nickt die Freundin ihr zu, schlägt weitere Hilfe aber aus.
Weiter geht es dann in Richtung T-Kreuzung, wo jährlich der Anstich der Bergkirchweih stattfindet. „Hinter den unteren Toilettenhäuschen, wo die Schnapsbars sind, ist quasi ein Hotspot“, sagt Kerstin und sucht sich einen Weg durch die Menge. „Da ist immer viel los und die Stimmung ist aufgeheizt.“
Sexueller Übergriff auf Bergkirchweih am Pfingstmontag
Zwar war die Bergkirchweih 2024 die sicherste seit 30 Jahren, wie Polizeichef Klaus Wild im Vorfeld bei einer Pressekonferenz betonte. Zwischenfälle bleiben aber trotzdem nie aus, wie auch in diesem Jahr. Erst am Pfingstmontag gab es laut Angaben der Erlanger Polizei wieder einen Übergriff auf der Bergkirchweih. Demnach hatte ein 29-Jähriger eine Frau gegen ihren eindeutigen Willen angefasst, diese konnte ihn aber von sich drängen und verständigte den Sicherheitsdienst. In genau diesen Situationen ist der Safe Space für Frauen da: als Rückzugsort, als Anlaufstelle, als offenes Ohr. Viele Frauen melden sich aber erst Tage nach der Bergkirchweih beim Frauennotruf, wie Kerstin erzählt. „Wenn der erste Schock vorbei ist“, sagt sie.
Aber nicht nur Frauen, die Opfer sexueller Gewalt werden, können sich an den Safe Space wenden. „Oft haben wir mit jungen Frauen zu tun, die den Anschluss an ihre Gruppe verloren haben oder stark alkoholisiert sind. Wir nehmen sie mit zum Safe Space und organisieren den Heimweg für sie“, berichtet Kerstin. Andere wiederum bräuchten einen Rückzugsort, wenn die Menschenmassen zu viel werden oder müssen einfach nur ihr Handy laden. All das ist beim Safe Space möglich.
Team des Frauennotrufs hält Augen für alle offen
Um die Sicherheit der rund 30 ehrenamtlichen Frauen zu gewährleisten, sind diese übrigens nie allein unterwegs. Außerdem haben im Vorfeld der Bergkirchweih alle von ihnen Schulungen bekommen. „Wir haben zum Beispiel einen Workshop zu Selbstverteidigung gemacht“, erzählt Maja. „Und Rollenspiele, wo wir typische Berg-Situationen durchgespielt haben.“
Als die beiden am Toilettenhäuschen ankommen, wird es langsam wirklich eng und der Pegel steigt sichtlich. Dennoch entgeht Maja der Mann nicht, der allein und augenscheinlich bewusstlos an die Wand gelehnt auf dem Boden sitzt. Als von den Umstehenden niemand zu dem Mann gehören will, macht Kerstin sich auf die Suche nach einem Mitarbeiter der Security, die ebenfalls über das Gelände patrouilliert. Maja bleibt derweil bei dem jungen Mann, der nicht ansprechbar ist und für den niemand aus der Menge sich interessiert. Es dauert einige Minuten, doch schließlich trifft erst die Security, dann ein Team der Sanitäter ein und der junge Mann wird auf einer Trage abtransportiert. Wie lang er bereits dort gesessen hat, weiß niemand – wie lang es vielleicht noch gedauert hätte, wäre Maja nicht auf ihn aufmerksam geworden, auch nicht.
Zwar ist der Safe Space vor allem für Frauen und Mädchen da, doch die Ehrenamtlichen, die das Gelände ablaufen, halten die Augen offen und schauen, wo Hilfe gebraucht wird, damit alle ein bisschen sicherer feiern können.
Der Safe Space befindet sich im neuen Gemeindehaus der Altstädter Kirchengemeinde in der Bayreuther Straße 11. Unter der Notfallnummer 0157 324 39254 ist der Safe Space während der Öffnungszeiten der Bergkirchweih zu erreichen.


















