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Familienberaterin im Interview
Albtraum sexuelle Gewalt: So können sich Kinder schützen
Noch als Erwachsene leiden viele Menschen unter sexuellem Missbrauch in ihrere Kindheit. Eine Erziehungsexpertin aus Erlangen-Höchstadt klärt auf.
Noch als Erwachsene leiden viele Menschen unter sexuellem Missbrauch in ihrere Kindheit. Eine Erziehungsexpertin aus Erlangen-Höchstadt klärt auf. // motortion – adobestock.com
Signet des Fränkischen Tags von Milena Graf
Erlangen-Höchstadt – Tausende Menschen leiden noch als Erwachsene unter sexuellem Missbrauch während ihrer Kinderheit. Mit der richtigen Ansprache kann man Kindern helfe, sich zu wehren. Wie, erklärt eine Expertin.

Simone Steiner, Leiterin der Caritas Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung im Landkreis Erlangen-Höchstadt, spricht über ein Thema, das zu oft totgeschwiegen wird: sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – und wie sich diese verhindern lässt.

Frau Steiner, wie viele Kinder und Jugendliche sind in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen?

Simone Steiner: Da muss man zwischen Hell- und Dunkelfeld unterscheiden. Zirka 8000 Fälle sind 2024 in der polizeilichen Kriminalstatistik angezeigt worden. Das ist das Hellfeld. Zum Dunkelfeld hat man Erwachsene befragt und herausgefunden, dass zirka jeder siebte bis achte Erwachsene von sexueller Gewalt betroffen war – unterschiedliche Schweregrade sind da beinhaltet. Man kann grob sagen, es gibt ein bis zwei Schüler pro Klasse, die sexuelle Gewalt erlebt haben.

Das waren also Erwachsene, die befragt wurden, ob in ihrer Jugend und in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt vorgekommen ist?

Man muss natürlich die ganze Bandbreite sehen, aber trotzdem ist es ist eine erschreckende Zahl, das stimmt. Und die Auswirkungen können wirklich gravierend sein, also die Entwicklung von einem jungen Menschen massiv beeinträchtigen.

Viele Menschen arbeiten das ja auch erst Jahre später auf.

Ja, und bis dahin sind die Entwicklungsmöglichkeiten oft eingeschränkt. Die Lebensqualität leidet oft sehr, mit Ängsten, Panikattacken oder Beziehungsproblemen.

Welche Methoden zur Prävention von solcher sexualisierter Gewalt haben sich bisher als wirksam erwiesen?

Man kann ganz individuell anfangen, indem man die Kinder in ihrem Selbstwertgefühl stärkt. Wenn ich etwas unangenehm empfinde, wenn ich Angst habe vor irgendetwas, dann darf ich meinem Gefühl trauen. Ein Kind mit Zutrauen in die eigenen Möglichkeiten ist tendenziell eher in der Lage, sich abzugrenzen, Nein zu sagen, sich zu behaupten und auch zu wehren. Es ist auch weniger verführbar für Beziehungsangebote von Menschen, die die Absicht verfolgen, das Kind an sich zu binden, um Macht über das Kind zu erlangen und diese Macht dann auszunutzen.

Es ist gut, wenn Kinder Wissen über ihre Rechte, über ihren Körper und über den Umgang mit dem eigenen Körper haben; alles, was in den Bereich von Sexualpädagogik fällt. Es gibt auch Selbstverteidigungs- oder Selbstbehauptungskurse. Natürlich gibt es auch eine institutionelle Ebene, auf der Prävention stattfindet, etwa, dass Schulen Schutzkonzepte haben.

Da ist es wichtig, dass Institutionen Ansprechpartner innerhalb der Institutionen haben, die dafür geschult sind, wie damit umgegangen wird. Es ist auch gut, wenn Sportvereine oder andere Bildungseinrichtungen, wie etwa die Pfadfinder, Schutzkonzepte und Handlungsleitfäden haben oder Schulungen durchlaufen. Die wirksamste Prävention wäre, wenn Erwachsene respektvoll Kindern begegnen, ihre Macht verantwortungsbewusst ausüben und Grenzen achten.

Sie sind Teil eines Arbeitskreises in der Region gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Was macht der Arbeitskreis?

Ein Ziel ist es, dieses Thema in der breiten Öffentlichkeit sichtbar zu machen, zum Beispiel durch Fachtage oder durch ein Papier, auf dem die zentralen Ansprechstellen im Fall von sexueller Gewalt aufgelistet sind. Ein Ziel ist auch, in Einzelfällen bei sexueller Gewalt in einzelnen Institutionen uns gegenseitig mit Expertise zu unterstützen und am Beispiel von Fallverläufen zu lernen, wie ein möglich gutes Handeln in diesem schwierigen Arbeitsfeld entwickelt werden kann.

Kürzlich fand in Erlangen so ein Fachtag gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche statt, organisiert von Ihrem Arbeitskreis. Wie lief dieser ab?

Unser Hauptvortrag beschäftigte sich mit Kindern und Jugendlichen unter dem Einfluss sexueller Gewalt im Netz, weil das ein Phänomen ist, das viele Fachleute und Eltern vor Fragen stellt und die Entwicklung in dem Bereich auch sehr schnell vorangeht. Die anderen Angebote waren Workshops.

Simone Steiner,  Beratungsleiterin.
Simone Steiner, Beratungsleiterin. // Caritas Erlangen

Was kann ich als Privatperson im Ernstfall tun?

Wenn Sie im beruflichen Umfeld einen Verdacht haben, dann gibt es die sogenannten insoweit erfahrenen Fachkräfte. Das sind Personen in Institutionen, die speziell für die Beratung zum Thema Kindesschutz ausgebildet sind. Da kann man sich anonym beraten lassen. Wenn Sie bei einem Kind bestimmte Verhaltensweisen bemerken, zum Beispiel das Kind sieht sehr traurig oder sehr müde aus oder hat sich sehr verändert – etwa der Kleidungsstil – dann ist es hilfreich, das Kind anzusprechen.

Zu sagen: „Ich merke, du hast dich verändert, du schaust so traurig aus, du hast ganz andere Kleidung. Manchmal gibt es ja schlimme Dinge, die passieren.“ Dann kann man schlimme Dinge aufzählen, zum Beispiel, dass ein Elternteil krank ist, dass es in der Schule Stress gibt, oder dass jemand einen zu Dingen zwingt, die unangenehm sind, oder dass jemand einen berührt. Wenn man erwähnt, dass man von der Möglichkeit sexueller Gewalt weiß, dann ist das oft ein Türöffner, der Kindern ermöglicht, sich dieser Person anzuvertrauen.

In dem Sinn: das ist etwas, worüber man sprechen kann und sprechen darf, und es gibt Worte dafür. Es gibt eine ganz tolle Kampagne vom Bundesministerium, die heißt nicht-wegschieben.de. In vielen Fällen ist eine spontane Reaktion: „Aber doch nicht bei uns in der Familie! Doch nicht bei uns im Dorf! Doch nicht in unserem Verein!“ Weil man sich diese Grässlichkeiten nicht vorstellen kann und möchte. In der Kampagne geht es darum, sich zu trauen, wenn einem etwas seltsam oder unangenehm vorkommt – den Gedanken nicht wegzuschieben, sondern handlungsfähig zu werden.

Wenn Sie den Menschen zu dem Thema noch ein Schlusswort mitgeben könnten, was wäre das?

Das Erleben von sexueller Gewalt kann einen massiven Schaden für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen anrichten und kann ein Einschnitt in den Lebensverlauf sein. Oft, wenn über Kinderpornographie - besser der Darstellung von Missbrauch, denn das ist es - berichtet wird, wenn etwa ein Ring auffliegt, dann wird über die Täter berichtet. Aber was das für die Opfer bedeutet, für die betroffenen Kinder und Jugendlichen, wie deren Lebensläufe deformiert sind, das steht zu wenig im Bewusstsein der Öffentlichkeit.

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