Eine Idee und ein Arbeitsplatz im Keller – mehr war es am Anfang nicht. Doch aus Martin Aufmuths Tüftelei ist inzwischen ein weltweites Projekt geworden, das Menschen Hoffnung gibt und Perspektiven eröffnet: die EinDollarBrille.
Die Idee dahinter ist simpel, wie Aufmuth erklärt. Die Materialkosten für die Brille belaufen sich auf weniger als einen Dollar, dennoch ist sie stabil. Die Herstellung erfolgt vor Ort über ein Baukastensystem: Die Sehstärke wird gemessen, der Federstahldraht an einer leicht transportierbaren Biegemaschine zurechtgebogen, die vorgefertigten Gläser eingesetzt und fertig ist die Brille.
EinDollarBrille: Martin Aufmuth aus Erlangen entwickelte erstes Modell
Dass es heute so einfach geht, ist Martin Aufmuth zu verdanken. „Ich habe damals gelesen, dass der Zugang zu Brillen global ein Problem darstellt“, sagt der frühere Mathematik-Lehrer. „Dann nimmt man das so zur Kenntnis und findet es schade, aber natürlich denkt man sich zuerst, dass globale Probleme global gelöst werden müssen.“ Doch am gleichen Tag sei Aufmuth dann in der Stadt gewesen und habe in einem Geschäft Brillen für einen Euro gesehen. „Da dachte ich mir: schon komisch. Hier bekommt man sie für einen Euro nachgeschmissen, aber in diesen Ländern scheint es einfach gar keine Versorgung zu geben.“
Ein bisschen Recherche habe schnell gezeigt, dass es kaum sinnvolle Projekte in dem Bereich gab. Also machte Aufmuth sich selbst daran, eine Lösung zu entwickeln. In seinem Keller begann er zu basteln, in Uganda testete er 2011 die Brillen zum ersten Mal. 2012 gründete er den ersten Verein – mit einigen Lehrer-Kollegen in der Mittagspause.
Heute ist aus der kleinen Idee im Keller eine weltweit agierende NGO geworden, die rund 550 Mitarbeiter beschäftigt. In elf Ländern, wie Malawi, Kenia, Burkina-Faso, Nepal, Brasilien und Bolivien fahren geschulte Teams mit den Biegemaschinen in Form von praktischen, tragbaren Holzwürfeln hinaus in Dörfer und Gegenden, wo Menschen ansonsten keinerlei Möglichkeiten hätten, an Brillen zu gelangen. In seinem Garten in Erlangen-Tennenlohe macht Aufmuth vor, wie eine EinDollarBrille mit wenigen Handgriffen geformt wird. „Unsere Mitarbeiter können das aber viel schneller“, gibt er schmunzelnd zu.
Wertschätzung für Brillen ist sehr hoch
Vor Ort führen die Mitarbeiter Sehtests durch und können mit den vorgefertigten Brillengläsern direkt, unkompliziert und schnell die Brillen anfertigen. Diese kosten in der Regel zwei bis drei lokale Tageslöhne, sagt Aufmuth. Dabei handle es sich umgerechnet um rund vier bis fünf Euro.
Doch es gebe auch die besonders bewegenden Fälle, in denen auch dieser vergleichsweise niedrige Preis nicht aufgebracht werden kann. Manchmal seien es dann Verwandte, Freunde oder Nachbarn, die zusammenlegen, um die Brille zu finanzieren. Manchmal, so Aufmuth, gibt es die Brillen aber auch kostenlos. „Die Menschen dort wertschätzen diese Brillen sowieso, egal ob sie sie kaufen, oder ob sie sie geschenkt bekommen“, sagt er und erinnert sich an eine Frau in Brasilien.
Vor rund einem Jahr habe sie eine EinDollarBrille bekommen. „Sie war dann mit dem Kanu auf dem Amazonas unterwegs und ein Ast hat ihr die Brille vom Gesicht geschlagen“, erzählt der Erlanger. „Sie war so verzweifelt, dass sie ihre drei Söhne geholt hat, die stundenlang dort tauchen mussten. Am Ende haben sie diese Brille wirklich wieder herausgefischt. Als ich sie getroffen habe, saß sie gerade an einer Maschine und hat ein Rüschenkleidchen für ihre Enkelin genäht. Da merkt man einfach die Wertschätzung.“
Sehkraft als Mittel aus der Armut
Vielen sei gar nicht bewusst, dass Sehkraft ein „unglaublicher Hebel“ ist. Bei seinen Reisen hat Aufmuth viele Menschen kennengelernt, die eine Brille brauchen, doch die Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein. Kinder, die durch eine Brille die Schule besuchen, lesen und schreiben lernen können oder Erwachsene, die einer Arbeit nachgehen können. „Wenn jemand durch eine Brille wieder normal sehen kann und ein normales Einkommen hat, kann er seine Familie versorgen, aber auch zur Wirtschaft beitragen. Das hat mich damals fasziniert, dass man mit so wenig Geld so viel bewirken kann. Sehen ist eines der effizientesten Punkte, wo man ansetzen kann“, erklärt Aufmuth.
Eine Million Brillen hat die Organisation inzwischen verkauft – ein Meilenstein, dem noch viele folgen sollen. In Indien zum Beispiel werden inzwischen rund 6000 Brillen im Monat verkauft und das unter teils unvorstellbaren Bedingungen.
„In Indien haben wir inzwischen knapp 20 Teams, die jeden Tag in einem anderen Dorf unterwegs sind. Schwerpunktmäßig sind es junge Frauen“, sagt Aufmuth. Die Arbeit der Teams kann er nur bewundern, wie er selbst sagt. „Es ist heiß, staubig, da sind viele Leute, man hat oft eine sehr lange Fahrt und das sind dort ja meist keine richtigen Straßen, man hat riesige Schlaglöcher oder muss durch den Fluss durch. Das ist wirklich, wirklich tough und deswegen bewundere ich es schon manchmal, wie diese Leute die Energie haben, das sechs Tage die Woche durchzuhalten über Jahre hinweg.“
NGO braucht Spendengelder, um Versorgung zu sichern
Je weiter der Weg hinaus auf die Dörfer, desto teurer für die NGO. Oft muss mit Spendengeldern draufgezahlt werden, das große Geld ist mit den Brillen nicht zu holen. „Das ist auch der Grund, warum dieses Feld nicht marktwirtschaftlich bedient wird, weil keiner daran verdient“, sagt Aufmuth. Die NGO sei also auf Spendengelder angewiesen, dabei zählt jede noch so kleine Spende, wie Aufmuth betont.
Als nächster Schritt ist geplant, eine weltweite Dachorganisation unter dem Namen Good Vision zu gründen. Eine bessere Organisation und Gleichberechtigung der einzelnen Organisationen soll helfen, diesen mehr Selbstständigkeit vor Ort zu geben. „Das soll ermöglichen, dass jemand in Malawi oder Burkina-Faso vor Ort entscheiden kann, wie man dort am besten so viele Menschen wie möglich versorgt“, erklärt Aufmuth.
Große Ziele für EinDollarBrille
Gleichzeitig ist die Organisation dabei, neben der Versorgung mit Brillen auch den Zugang zu Operationen auszubauen. „In Indien zum Beispiel haben wir 2019 rund 7000 Leute in der Datenbank gehabt, die eine OP gebraucht hätten. Die wurden von den Teams immer ins Krankenhaus geschickt – aber die Leute sind nicht hingegangen, weil sie Angst davor haben, ins Krankenhaus zu gehen. Das geht oft auch schief in diesen Ländern. Außerdem kostet es natürlich Geld“, so Aufmuth. Inzwischen organisiert die NGO daher vermehrt Operationen in Partnerkliniken.
Für die Zukunft wünscht Aufmuth sich, dass die Anzahl der Brillen weiterwächst. „Das war hoffentlich die erste Million von vielen Millionen“, scherzt er. Doch er hegt auch die Hoffnung, dass die Organisation über die eigenen Strukturen hinaus auf Gesundheitssysteme in den Programmländern einwirken und so helfen kann, eine augenoptische Grundversorgung zu etablieren. „Die EinDollarBrille hat sich in Schritten immer wieder in eine neue Organisation verwandelt“, sagt der Gründer. „Ich gehe auch davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren nochmal starke Änderungen stattfinden werden. Aber das Wichtige ist, dass man geistig flexibel bleibt und pragmatisch schaut, wie man so viele Menschen wie möglich weltweit erreichen kann.“


























