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Ein Dollar, große Wirkung
Wie ein Erlanger Brille für Brille die Welt verändert
EinDollarBrille
In seinem Keller erfindet Martin Aufmuth die allererste EinDollarBrille. Heute wurden weltweit mehr als eine Million Modelle verkauft. // Foto: Anna-Lena Reif
Erlangen – Aus einer Tüftelei im Keller wird ein weltweites soziales Projekt: Eine Erfindung aus Erlangen bringt Hoffnung in die entlegensten Dörfer der Welt.

Eine Idee und ein Arbeitsplatz im Keller – mehr war es am Anfang nicht. Doch aus Martin Aufmuths Tüftelei ist inzwischen ein weltweites Projekt geworden, das Menschen Hoffnung gibt und Perspektiven eröffnet: die EinDollarBrille.

Die Idee dahinter ist simpel, wie Aufmuth erklärt. Die Materialkosten für die Brille belaufen sich auf weniger als einen Dollar, dennoch ist sie stabil. Die Herstellung erfolgt vor Ort über ein Baukastensystem: Die Sehstärke wird gemessen, der Federstahldraht an einer leicht transportierbaren Biegemaschine zurechtgebogen, die vorgefertigten Gläser eingesetzt und fertig ist die Brille. 

EinDollarBrille: Martin Aufmuth aus Erlangen entwickelte erstes Modell

Dass es heute so einfach geht, ist Martin Aufmuth zu verdanken. „Ich habe damals gelesen, dass der Zugang zu Brillen global ein Problem darstellt“, sagt der frühere Mathematik-Lehrer. „Dann nimmt man das so zur Kenntnis und findet es schade, aber natürlich denkt man sich zuerst, dass globale Probleme global gelöst werden müssen.“ Doch am gleichen Tag sei Aufmuth dann in der Stadt gewesen und habe in einem Geschäft Brillen für einen Euro gesehen. „Da dachte ich mir: schon komisch. Hier bekommt man sie für einen Euro nachgeschmissen, aber in diesen Ländern scheint es einfach gar keine Versorgung zu geben.“

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In seinem Garten in Erlangen-Tennenlohe macht Aufmuth vor, wie schnell eine EinDollarBrille gefertigt werden kann. // Foto: Anna-Lena Reif

Ein bisschen Recherche habe schnell gezeigt, dass es kaum sinnvolle Projekte in dem Bereich gab. Also machte Aufmuth sich selbst daran, eine Lösung zu entwickeln. In seinem Keller begann er zu basteln, in Uganda testete er 2011 die Brillen zum ersten Mal. 2012 gründete er den ersten Verein – mit einigen Lehrer-Kollegen in der Mittagspause. 

Heute ist aus der kleinen Idee im Keller eine weltweit agierende NGO geworden, die rund 550 Mitarbeiter beschäftigt. In elf Ländern, wie Malawi, Kenia, Burkina-Faso, Nepal, Brasilien und Bolivien fahren geschulte Teams mit den Biegemaschinen in Form von praktischen, tragbaren Holzwürfeln hinaus in Dörfer und Gegenden, wo Menschen ansonsten keinerlei Möglichkeiten hätten, an Brillen zu gelangen. In seinem Garten in Erlangen-Tennenlohe macht Aufmuth vor, wie eine EinDollarBrille mit wenigen Handgriffen geformt wird. „Unsere Mitarbeiter können das aber viel schneller“, gibt er schmunzelnd zu. 

Wertschätzung für Brillen ist sehr hoch 

Vor Ort führen die Mitarbeiter Sehtests durch und können mit den vorgefertigten Brillengläsern direkt, unkompliziert und schnell die Brillen anfertigen. Diese kosten in der Regel zwei bis drei lokale Tageslöhne, sagt Aufmuth. Dabei handle es sich umgerechnet um rund vier bis fünf Euro.

Doch es gebe auch die besonders bewegenden Fälle, in denen auch dieser vergleichsweise niedrige Preis nicht aufgebracht werden kann. Manchmal seien es dann Verwandte, Freunde oder Nachbarn, die zusammenlegen, um die Brille zu finanzieren. Manchmal, so Aufmuth, gibt es die Brillen aber auch kostenlos. „Die Menschen dort wertschätzen diese Brillen sowieso, egal ob sie sie kaufen, oder ob sie sie geschenkt bekommen“, sagt er und erinnert sich an eine Frau in Brasilien. 

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Alceneide wohnt in einem kleinen Dorf am Amazonas (Brasilien). Vor einem Jahr hat sie ihre erste EinDollarBrille erhalten. Sie erzählt: Als sie neulich mit ihrem Kanu auf dem Fluss unterwegs war, hat sie ein Ast am Kopf getroffen – ihre Brille fiel ins Wasser und ging unter. Verzweifelt holte sie ihre Kinder. Nach drei Stunden Tauchen brachte einer ihrer Söhne die Brille nach oben. // FOTOGALERIE Martin Aufmuth
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Constant ist 30 und seit einer missglückten Augenoperation blind. Eines Tages fragte er bei der EinDollarBrille, ob es Arbeit für ihn gäbe – er würde sogar umsonst arbeiten, wenn er nur irgendetwas Sinnvolles tun könne. Das Team zeigte Constant, wie man Brillen biegt. Auf der neuen Biegemaschine gibt es extra Gravuren zum Tasten für Blinde. Was anfangs niemand für möglich gehalten hatte: Constant stellt heute pro Monat 200 Brillenrahmen her. Mit seinem Einkommen kann er heute seine Frau und seine Tochter ernähren. // FOTOGALERIE EinDollarBrille
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Der neunjährige Edwin lebt mit seiner Mutter und seinem Bruder im rauen Hochland von Bolivien. Seine Mutter Bonita ist alleinerziehend und arbeitet hart, um die Familie zu ernähren. Die Großmutter hütet Schafe und backt Brot im selbstgebauten Lehmofen. Bonita sagt, sie sei sehr dankbar, dass ihr Sohn Edwin die EinDollarBrille erhalten hat und nun in der Schule richtig lesen kann. // FOTOGALERIE Martin Aufmuth
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Herstellung der EinDollarBrille an einer Biegemaschine in Rwanda // FOTOGALERIE Martin Aufmuth
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Der Gründer der EinDollarBrille - Martin Aufmuth hier mit einem Jungen in Malawi // FOTOGALERIE Deniz Ispaylar
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Ashok Sah kommt frühmorgens zum Augencamp der EinDollarBrille. Er erzählt, dass er seit einiger Zeit seine Zwiebeln nicht mehr richtig sehen könne. Als er durch seine neue Brille sieht, ist er begeistert: Er möchte sie unbedingt kaufen, hat aber kein Geld. Er bittet darum, die Brille dennoch mitnehmen zu dürfen. // FOTOGALERIE Antje Christ
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Am Abend kommt Ashok zurück: Er hat seine Zwiebeln verkauft und bezahlt stolz seine Brille. // FOTOGALERIE Antje Christ
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Als ihr Enkel Sitaram (28) vom Augencamp der EinDollarBrille hört, setzt er seine 90-jährige Oma Lolita Karki kurzentschlossen aufs Motorrad und fährt mit ihr eine Stunde über holprige Bergpfade zu uns. Für Lolita ist es die erste Augenuntersuchung ihres Lebens – stolz und voller Freude zeigt sie ihrem Enkel ihre neue Lesebrille. Dann fahren beide gut gelaunt nach Hause. // FOTOGALERIE Antje Christ
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Die 6-jährige Adison Marianna Lezardas kommt mit ihrer Mutter zum Augencamp, weil sie in der Schule die Tafel nicht lesen kann. Beim Sehtest stellt das Team der EinDollarBrille eine starke Kurzsichtigkeit fest. Adison bekommt ihre erste Brille. Ihre Mutter sagt, dass sie sich eine Brille beim Optiker nicht hätte leisten können. Adison ist von ihrer ersten Brille ganz begeistert und möchte sie gar nicht mehr absetzen, nicht einmal beim Fußballspielen mit dem Bruder. // FOTOGALERIE Martin Aufmuth
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Grundschullehrerin Viviana in Bolivien kann dank ihrer Brille wieder korrigieren. // FOTOGALERIE Martin Aufmuth

Vor rund einem Jahr habe sie eine EinDollarBrille bekommen. „Sie war dann mit dem Kanu auf dem Amazonas unterwegs und ein Ast hat ihr die Brille vom Gesicht geschlagen“, erzählt der Erlanger. „Sie war so verzweifelt, dass sie ihre drei Söhne geholt hat, die stundenlang dort tauchen mussten. Am Ende haben sie diese Brille wirklich wieder herausgefischt. Als ich sie getroffen habe, saß sie gerade an einer Maschine und hat ein Rüschenkleidchen für ihre Enkelin genäht. Da merkt man einfach die Wertschätzung.“

Sehkraft als Mittel aus der Armut 

Vielen sei gar nicht bewusst, dass Sehkraft ein „unglaublicher Hebel“ ist. Bei seinen Reisen hat Aufmuth viele Menschen kennengelernt, die eine Brille brauchen, doch die Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein. Kinder, die durch eine Brille die Schule besuchen, lesen und schreiben lernen können oder Erwachsene, die einer Arbeit nachgehen können. „Wenn jemand durch eine Brille wieder normal sehen kann und ein normales Einkommen hat, kann er seine Familie versorgen, aber auch zur Wirtschaft beitragen. Das hat mich damals fasziniert, dass man mit so wenig Geld so viel bewirken kann. Sehen ist eines der effizientesten Punkte, wo man ansetzen kann“, erklärt Aufmuth. 

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Mit nur einem Stück Draht und einer portablen Biegemaschine werden die Brillengestelle geformt. // Foto: Anna-Lena Reif

Eine Million Brillen hat die Organisation inzwischen verkauft – ein Meilenstein, dem noch viele folgen sollen. In Indien zum Beispiel werden inzwischen rund 6000 Brillen im Monat verkauft und das unter teils unvorstellbaren Bedingungen.

„In Indien haben wir inzwischen knapp 20 Teams, die jeden Tag in einem anderen Dorf unterwegs sind. Schwerpunktmäßig sind es junge Frauen“, sagt Aufmuth. Die Arbeit der Teams kann er nur bewundern, wie er selbst sagt. „Es ist heiß, staubig, da sind viele Leute, man hat oft eine sehr lange Fahrt und das sind dort ja meist keine richtigen Straßen, man hat riesige Schlaglöcher oder muss durch den Fluss durch. Das ist wirklich, wirklich tough und deswegen bewundere ich es schon manchmal, wie diese Leute die Energie haben, das sechs Tage die Woche durchzuhalten über Jahre hinweg.“ 

NGO braucht Spendengelder, um Versorgung zu sichern

Je weiter der Weg hinaus auf die Dörfer, desto teurer für die NGO. Oft muss mit Spendengeldern draufgezahlt werden, das große Geld ist mit den Brillen nicht zu holen. „Das ist auch der Grund, warum dieses Feld nicht marktwirtschaftlich bedient wird, weil keiner daran verdient“, sagt Aufmuth. Die NGO sei also auf Spendengelder angewiesen, dabei zählt jede noch so kleine Spende, wie Aufmuth betont. 

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In den fertigen Rahmen werden per Klicksystem die Brillengläser eingesetzt. // Foto: Anna-Lena Reif

Als nächster Schritt ist geplant, eine weltweite Dachorganisation unter dem Namen Good Vision zu gründen. Eine bessere Organisation und Gleichberechtigung der einzelnen Organisationen soll helfen, diesen mehr Selbstständigkeit vor Ort zu geben. „Das soll ermöglichen, dass jemand in Malawi oder Burkina-Faso vor Ort entscheiden kann, wie man dort am besten so viele Menschen wie möglich versorgt“, erklärt Aufmuth. 

Große Ziele für EinDollarBrille

Gleichzeitig ist die Organisation dabei, neben der Versorgung mit Brillen auch den Zugang zu Operationen auszubauen. „In Indien zum Beispiel haben wir 2019 rund 7000 Leute in der Datenbank gehabt, die eine OP gebraucht hätten. Die wurden von den Teams immer ins Krankenhaus geschickt – aber die Leute sind nicht hingegangen, weil sie Angst davor haben, ins Krankenhaus zu gehen. Das geht oft auch schief in diesen Ländern. Außerdem kostet es natürlich Geld“, so Aufmuth. Inzwischen organisiert die NGO daher vermehrt Operationen in Partnerkliniken. 

Für die Zukunft wünscht Aufmuth sich, dass die Anzahl der Brillen weiterwächst. „Das war hoffentlich die erste Million von vielen Millionen“, scherzt er. Doch er hegt auch die Hoffnung, dass die Organisation über die eigenen Strukturen hinaus auf Gesundheitssysteme in den Programmländern einwirken und so helfen kann, eine augenoptische Grundversorgung zu etablieren. „Die EinDollarBrille hat sich in Schritten immer wieder in eine neue Organisation verwandelt“, sagt der Gründer. „Ich gehe auch davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren nochmal starke Änderungen stattfinden werden. Aber das Wichtige ist, dass man geistig flexibel bleibt und pragmatisch schaut, wie man so viele Menschen wie möglich weltweit erreichen kann.“ 

 

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