Es begann mit zwei Gruppen. „Mittlerweile müssen wir schon genau im Kalender nachschauen, wenn wir einen Termin ausmachen wollen“, sagt Iris Klopfer mit einem breiten Grinsen. Genau ein Jahr ist es her, dass das Queere Zentrum in Erlangen eröffnet hat und tagtäglich zeigt der hohe Zulauf den Mitgliedern des Vereins MakeYourTownQueer e.V., wie hoch der Bedarf in der Stadt war und immer noch ist.
Mittlerweile treffen sich elf Gruppen regelmäßig in den Räumlichkeiten, wo ein großer Tisch, eine Küche und eine Sofaecke zu verschiedenen gemeinschaftlichen Aktivitäten einladen. Regenbogenflaggen in den Fenstern, eine pinke Federboa auf dem Schrank, eine Discokugel in der Toilette: Schnell wird klar, hier soll man sich wohlfühlen.
Queeres Zentrum Erlangen wird ein Jahr alt
„Man sieht einfach, dass es einen Ort gebraucht hat, wo queere Aktivitäten stattfinden können. Es braucht einen Ort, wo man nicht erst vorsichtig nachfragen muss, ob eine queere Gruppe da erwünscht ist oder sich mit anderen Gruppen dort beißt“, erklärt Klopfer, eines der Vorstandsmitglieder des Vereins.
Bei der Jugendgruppe sei es beispielsweise problematisch, diese einfach in einem Jugendtreff zu veranstalten. „Da kann es halt sein, dass da ungeoutete Jugendliche kommen und wenn die von anderen Jugendlichen erkannt werden, ist das ein Problem“, erklärt Klopfer. „Das gilt auch nicht nur für Jugendliche, das ist ein Problem für Personen jeden Alters.“ Natürlich gibt es auch im Queeren Zentrum keine Garantie dafür, dass man nicht gesehen wird. „Aber es ist ein safer space“, sagt Klopfer. „Wo du einfach so sein darfst, wie du möchtest. Wo du auch mal verschiedene Pronomen ausprobieren kannst, oder einen neuen Namen.“
Viele Menschen sind in Arbeit und Schule ungeoutet
Gerade am Arbeitsplatz seien viele Menschen ungeoutet, manchmal wegen des Arbeitgebers, manchmal wegen der Kollegen, oder aus ganz anderen Gründen. Umso wichtiger sei es dann, im Privaten ein Umfeld zu haben, wo man sich sicher fühlen und sich ausprobieren könne. „Wir haben zum Beispiel auch Menschen mit Migrationshintergrund, auch in der Jugendgruppe, die zu Hause ungeoutet sind und uns sagen, wenn ihre Familie das wüsste, würden sie wirklich Probleme bekommen“, erzählt Klopfer. „Da ist es auch wichtig, dass so ein Angebot niederschwellig und in der Nähe des Wohnorts zugänglich ist.“
Im Queeren Zentrum kommen also seit einem Jahr Menschen zusammen, die dort in verschiedenen Gruppen queere Bücher besprechen, kochen, Sport machen oder sich einfach austauschen und sich gegenseitig mit ihren Erfahrungen unterstützen. Der Impuls für die einzelnen Themen in den Gruppen komme oft von den Mitgliedern selbst, erklärt Sina Geerling, die ebenfalls im Vorstand des Vereins aktiv ist.
Neben den Gruppen gibt es aber auch hauptamtliche Mitarbeitende, die hier Beratungsarbeit leisten. Ein großes Thema sei dabei das Coming-out. „Aber auch Transidentität. Transsein ist ein Spektrum, das ist sehr komplex. Es gibt nicht die eine Art und Weise, wie man ein Trans-Mann ist und es gibt nicht die eine Art und Weise, wie man eine Trans-Frau ist“, führt Klopfer aus. „Dann kommen aber auch so Themen in Richtung Regenbogenfamilie dazu.“ Generell können Interessierte sich jederzeit beim Zentrum melden und eine Beratung anfragen oder während der Bürozeiten einfach vorbeikommen.
Haushaltsloch der Stadt wirkt sich auf Programm aus
Obwohl in einem Jahr schon viel passiert ist, gibt es noch viele Ideen für das Zentrum. So soll es beispielsweise dank einer Förderung bald ein Sportprogramm für TIAN-Personen (TIAN= Transsexuell, Intergeschlechtlich, Agender, Nicht-binär) geben. „Das ist ein Themenbereich, der komplett untergeht“, erklärt Klopfer. „Es ist teilweise wirklich schwer im Sportverein, in Fitnessstudios, da gibt es teilweise wirklich schlimme Diskriminierungen.“ Die Details für das Programm stehen zwar noch nicht final fest, doch es soll sich um Kampfsport- und Poledance-Kurse handeln.
Ideen gäbe es noch viele, sagt Klopfer. Doch wie an vielen Stellen fehlt auch dem Zentrum, das größtenteils von der Stadt Erlangen finanziert ist, das Geld. Als im Stadtrat vor zwei Jahren ein Konzept für das Queere Zentrum beschlossen wurde, seien 40 Stunden für die hauptamtlichen Mitarbeitenden geplant gewesen sowie mehr Budget für Gruppen und Events. „Doch dann ist das Haushaltsloch passiert“, erklärt Klopfer. Momentan haben die beiden Mitarbeitenden gemeinsam also nur noch 30 Stunden die Woche – da bleibe vieles liegen.
Große Nachfrage hat Team überrascht
„Das ist das größte Hindernis aktuell, aber es hat sich seit einem Jahr hier echt schon so vieles verändert. Es ist super gewachsen und ich finde, wir können uns überhaupt nicht beklagen“, stellt Klopfer klar. Dass die Nachfrage so groß sein und nach einem Jahr aus zwei Gruppen elf geworden sein würden, hatte der Verein so nicht erwartet. „Uns war schon klar, dass einiges zusammenkommen wird und der Bedarf da ist, aber so in diesem Ausmaß, das hätten wir nicht gedacht“, gibt Klopfer zu.
Die Highlights aus dem ersten Jahr? Klopfer schmunzelt. „Zwischen den Jahren hatten wir ein richtig schönes Get-together, gerade die Weihnachtszeit als queere Person ist oft ein wenig schwierig“, sagt Klopfer. Auch ein Straßenfest zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie im Mai sei für die Mitglieder ein Höhepunkt gewesen – und davon sollen in den kommenden Jahren noch viele weitere folgen.
















