Eine Behandlung, die keinen nachgewiesenen Nutzen hat, sollte nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Das findet Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und setzt bei der Homöopathie den Rotstift an. Als Basis für homöopathische Arzneimittel dienen pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen, die extrem verdünnt zum Beispiel in Form von Kügelchen eingenommen werden. Wissenschaftlicher Konsens ist, dass Homöopathie keine nachgewiesene Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus hat.
Laut Lauterbach ließen sich durch die Streichung 20 bis 50 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Gegner des Vorschlags sehen hingegen wenig Einsparpotenzial und vor allem eine symbolische Geste. Dass der Anteil an homöopathischen Mitteln auf Rezept gering ist, dass bestätigen auch Apotheker aus der Region.
Globuli und Co. werden auch jetzt schon selbst bezahlt
Die Don Bosco Apotheke in Forchheim ist auf Naturheilkunde ausgerichtet. Trotzdem komme es selten vor, dass jemand homöopathische Produkte auf Rezept hole, erklärt Michael Burkard. Ähnliches berichtet Dennis Linder von der Marien Apotheke. „Ich habe noch keinen Fall mitbekommen, wo Homöopathie Kassenleistung war“, so Lindner. Höchstens vielleicht einmal für ein Kind, meint er sich zu erinnern. Grundsätzlich würden homöopathische Produkte selbst bezahlt. Aus seiner Sicht könnte es sinnvoll sein, Homöopathie für Kinder weiterhin als Kassenleistung anzubieten, da es für Kinder eingeschränktere Behandlungsmöglichkeiten gebe. Bei Erwachsenen zu sparen, fände er vertretbar, hier gebe es genügend andere Mittel.
Nicht begeistert von Lauterbachs Vorschlag zeigt sich Dr. Gabriele Frank. Sie ist Ärztin in Höchstadt a. d. Aisch und bietet ihren Patienten Homöopathie an. Diese Alternative werde von vielen Patienten gerne angenommen, berichtet Frank. Ihr sei bewusst, dass die Wirkung schwer nachzuweisen sei. Es gebe Studien aus homöopathischen Kreisen, die aber in der allgemeinen Ärzteschaft nicht anerkannt seien.
Entsprechende Kurse und eigene Erfahrungen mit homöopathischen Mitteln hätten sie trotzdem von der Wirkung überzeugt. Bei einem Selbstversuch seien Nebenwirkungen aufgetreten. Für Frank ein Beweis für die Kraft der Homöopathie: „Wenn es nicht wirken würde, wären auch keine negativen Wirkungen spürbar.“
Homöopathie-Streichung trotz wenig Sparpotenzial sinnvoll
Professor Thomas Kühlein, Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Uniklinikums Erlangen, befürwortet den Vorschlag von Lauterbach, Homöopathie als Kassenleistung zu streichen. Aus seiner Sicht sollte eine Therapie, die nichts bringt, nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Großes Einsparpotenzial gebe es allerdings nicht, betont Kühlein: „Die Kosten sind absurd gering.“ Die meisten Menschen, die auf Homöopathie setzen würden, könnten sich leisten, das selbst zu bezahlen.
Einsparpotenzial sieht Kühlein dagegen an anderer Stelle, zum Beispiel bei der Hautkrebsfrüherkennung. Diese werde von den Kassen bezahlt, obwohl es keinen Nachweis gebe, dass diese etwas bringe. Zwar würden dadurch immer mehr Fälle diagnostiziert, die Sterblichkeit sei durch die Vorsorge aber unverändert niedrig.
Geld sparen ist laut Kühlein allerdings nicht die größte Herausforderung. Vielmehr gebe es durch den demografischen Wandel immer weniger Personal. Das müsse sinnvoll eingesetzt werden und könne sich nicht stundenlang mit Homöopathie befassen. Heilpraktiker könnten Globuli und Co. aus seiner Sicht weiterhin anbieten, da sie die nötige Zeit dafür hätten. Auch gegen die eigene homöopathische Hausapotheke ist laut dem Allgemeinmediziner nichts einzuwenden, da kein Schaden zu befürchten sei.
Was die Wirkung angeht, findet Kühlein aber klare Worte: „Die Datenlage ist gut genug, zu sagen, dass das Quatsch ist mit der Homöopathie.“ Es gebe genügend Forschung, die gegen eine Wirkung der Mittel spreche – auch von Experten, die eigentlich zu den Verfechtern der Homöopathie zählten. „Wenn ein deutlicher Effekt da wäre, wäre das längst bewiesen“, erklärt Kühlein.
Das steckt hinter vermeintlicher Wirkung homöopathischer Mittel
Warum gibt es trotzdem genügend Menschen, die auf die Kräfte von homöopathischen Mitteln schwören? Die Antwort ist einfach und komplex zugleich: Placebo. Das bedeutet vereinfacht, man empfindet nach der Einnahme eines Medikaments eine Verbesserung der Symptome, obwohl in dem Produkt kein Wirkstoff enthalten ist. Nimmt man zum Beispiel bei einer Erkältung ein homöopathisches Mittel ein und diese verschwindet nach einer Woche, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das Mittel geholfen habe. Genauso gut könnte die Erkältung aber auch von sich aus nach sieben Tagen abgeklungen sein.
„So eine Tablette hat eine gewaltige Symbolkraft“ erklärt Kühlein. Allein das Gefühl, etwas unternommen zu haben, könne helfen. Gleichzeitig beeinflusse auch die Art und Weise, wie ein Arzt ein Mittel „verkaufe“, die Erwartungen an die Wirkung. Bei der Behandlung durch einen Heilpraktiker komme dazu, dass dieser sich mehr Zeit nehme und die Patienten ausführlicher von ihrem Leid berichten könnten. Dadurch würden sich Patienten stärker ernst genommen fühlen als bei einem Arzt, der vielleicht weniger Zeit habe.
Dass der Placebo-Effekt machtvoll ist, ist laut Kühlein bereits in diversen Studien nachgewiesen worden. Für ihn wäre das allerdings kein Grund, Homöopathie damit zu rechtfertigen. Es gelte in der Medizin als unethisch, so zu tun, als gebe es eine Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus, die es nicht gibt.
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